Aus der Geschichte der Trennungen von Jürgen Becker, 1999, SuhrkampAus der Geschichte der Trennungen.
Roman von Jürgen Becker (1999, Suhrkamp)
Besprechung von Lothar Baier aus der Wochenzeitung, Zürich, 28.10.1999:

«der Morgen rückt stückeweis vor und ist ganz nieselblind und kein Fortfliegen will gelingen im Geschiebe von eben und bald» – was war das, Prosa oder Lyrik, Erzählfragment oder Sprachexperiment? Auf dem roten Umschlag des 1964 erschienenen Bändchens Nr. 61 der Edition Suhrkamp stand schlicht «Felder», über seinen Autor Jürgen Becker war nur zu erfahren, dass er 1932 in Köln geboren wurde und nun «in anderen Städten lebt». Wer von Peter Weiss’ Prosabuch «Das Gespräch der drei Gehenden» fasziniert gewesen war – erschienen 1963 als Band Nr. 7 derselben Edition –, der konnte Jürgen Beckers «Felder» gerade ihrer nicht zu klassifizierenden Form wegen unterbringen, nämlich als Werk der weiteren Unterminierung von Gattungsgrenzen und realistischen Erzählkonventionen. An ihre Stelle setzte Becker eigene Methoden der Aufzeichnung alltäglicher Gegenwartserfahrungen, die subjektiver Beliebigkeit ebenso wenig Raum zu lassen schienen wie einer geschichtlichen und politischen Dimension. Erwähnte der Autor von «Felder» seine Erinnerung, schien sich das auf nichts anderes zu beziehen als auf Begleitvorgänge im Bewusstsein des Aufzeichnenden, das ganz und gar von der Arbeit am Erfassen der Gegenwart in Anspruch genommen war, einer mit vielen Hinweisen auf bundesdeutsches Grossstadtleben versehenen Gegenwart.
1968 brachte Becker den Band «Ränder» heraus, erhielt dafür den Preis der Gruppe 47 und den Literaturpreis der Stadt Köln. In den Jahren danach machte er viel mehr als Lyriker von sich reden denn als Prosaschriftsteller. Was Becker in den frühen Prosabänden erprobt und durchkonjugiert hatte, war in Gedichten wie denen des 1974 erschienenen Bandes «Das Ende der Landschaftsmalerei» noch spürbar präsent, doch in gezähmter, der Form des komponierten Gedichts unterworfener Gestalt. Becker war klassifizierbar geworden: ein beachteter, produktiver Lyriker. Dass er daneben Hörspiele schrieb, fällt seit Günter Eich und Ingeborg Bachmann nicht aus der Ordnung des Genres heraus.
Nun sorgt der heute 67-jährige Becker aber für eine grosse Überraschung, die nicht nur den von seinen Neuigkeiten geschäftig gelangweilten Literaturbetrieb etwas angeht, sondern auch alle mit den Sachen von Ost und West auf die eine oder andere Weise beschäftigten LeserInnen: Er bringt seinen ersten Roman heraus, der mit einem Mal ganz neue und sehr hohe Massstäbe setzt für die literarische Annäherung an die jüngere deutsche Geschichte. Dem Autor dieses Romans mit dem (einem seiner Gedichte entnommenen) Titel «Aus der Geschichte der Trennungen» ist etwas ganz Ausserordentliches gelungen, nämlich aus Fragmenten individueller Erfahrungen eines 1932 geborenen Deutschen eine Geschichte zusammenzusetzen, deren Antrieb die Suche nach der Bedeutung ist, die das Auseinanderfallen in Ost und West im Bewusstsein eines Einzelnen hat annehmen können.
«Geschichte der Trennungen» ist ganz wörtlich zu nehmen: Im August 1939 ist Beckers mit dem Namen Jörn versehenes Alter Ego als Siebenjähriger aus der rheinischen Kindheitswelt herausgerissen und mit seiner Familie nach Erfurt gebracht worden, 1947 floh die Familie aus dem zuerst amerikanisch, dann sowjetisch besetzten Thüringen zurück ins Rheinland. Deutschland und das Deutsche ist für den diese Kindheitsgeschichte rekonstruierenden Autor kein Thema. Das unterscheidet Beckers Erzählinteresse radikal von dem Martin Walsers, der im Ende der Teilung nicht den Beginn neuen Fragens sah, sondern bald die sich ihm bietende Chance ergriff, mit Fragen erstickenden deutschen Tönen sich als «nationalistischer Unterhaltungsschriftsteller» (Erich Kuby) einen Platz unter der vereinten deutschen Sonne zu verschaffen.
Die nächste Überraschung rührt von der Entdeckung her, dass der Griff zur grossen Prosaform nur zur Hälfte eine Zäsur in Jürgen Beckers literarischer Produktion darstellt. Die Lektüre dieses Romans bringt nämlich zum Vorschein, dass Beckers frühere Prosatexte und Gedichte voller mehr oder minder versteckter Hinweise auf die Geschichte stecken, die nun erinnert und entfaltet wird. «nein raus! und fallend, zurück und tief, zur Rampe, die Mutter hat etwas gerufen, das ist nicht vorbei, die Jahre im dicksten Schilf, oder Sand, gesunken und verfault oder verscharrt und getrocknet, fallen nach fallen nach: die spitzen Kiesel; Kreischen, Greinen, Jammern Klappern, raus! nein tief, der ganze lange Arm und nur dieser? nein an den Haaren nicht, ach Wind trommelt immer, gequält oder friedlich, lächelte noch sie, hinab, gerufen, mit Stangen sorgsam den Sand, den Grund, die Sohle, nach Spuren und Vermutungen und ich verdächtige noch immer ...» In diesen Sätzen aus «Felder» von 1964 verbirgt sich die im Roman nun benannte Geschichte des mysteriösen Verschwindens der Mutter, die 1946 im brandenburgischen Schwieloch-See aller Wahrscheinlichkeit nach den Freitod gesucht hat.
Ein feines Netz von Motiven verbindet Beckers spät geschriebenen Roman mit Texten aus zurückliegenden Jahren. «Immer wenn wir über die Wartburg fliegen», heisst es in «Ränder» von 1968, «wissen wir, dass Eisenach und von dort Gotha und von dort dann Erfurt nicht weit entfernt und von diesen Geschichten so gut wie gar nichts erzählt ist.» Jetzt wird von diesen Geschichten erzählt, vom Dienst beim Erfurter Jungvolk, von den sich zerstreitenden Eltern, von Bomben- und Tieffliegerangriffen, vom Eintreffen amerikanischer Truppen in Thüringen und ihrer Ablösung durch sowjetische, von Einquartierungen, Schwarzhandel, Fraternisierung, Vor- bereitung der Flucht nach Westen. Erzählen heisst hier jedoch nicht memoirenhaft Anekdoten aneinander reihen, es heisst erzählend eine eigene Grammatik des Erzählens ausbilden. Das in Beckers ersten Büchern notierte Abtasten der Grenzen des beschreibenden Satzes, das heute in einer lange zurückliegenden Epoche experimenteller Literatur abgesunken scheint, trägt in diesem Roman späte Früchte. Und zwar nicht in Gestalt formaler Innovationen, sondern in Gestalt einer im Innern des oberflächlich konventionell erscheinenden Texts wirkenden Unruhe, der nichts am konventionellen Erzählen und Berichten von Erinnerungen selbstverständlich ist. Hilfestellung leistet dabei die von Becker gewählte Erzählkonstruktion, die einen anonymen Ich-Erzähler einführt, durch dessen Fragen und Gesprächsaufzeichnung gebrochen wird, was die Hauptfigur, der als Alter Ego vorgeschickte Kölner Architekt Jörn, zu berichten hat.
Aber es ist nicht dieser Ich-Erzähler, der die Figur des Westdeutschen Jörn dazu bringt, die abgesunkene Erinnerung an die in Thüringen verbrachte Kindheit hervorzuholen, es ist die durch die Vereinigung möglich gewordene intensive Berührung mit ostdeutschen Landschaften. Viel mehr noch als zu der Kindheitsstadt Erfurt fühlt Jörn sich zu Plätzen hingezogen, mit denen ihn biografisch überhaupt nichts verbindet, an denen er aber eine ihn fesselnde Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart entdeckt. Ein solcher Platz ist der märkische Flugplatz Reinberg, der seit der Vereinigung neu entstandenen Flugsportvereinen mit ihrem Segelflug- und Drachenbetrieb Unterkunft bietet, der aber nicht verbergen kann, dass von seiner Piste jahrzehntelang sowjetische Militärmaschinen gestartet waren. Vorhanden sind neben zwei uralten Antonow-Doppeldeckern noch die kaum aus der Erde ragenden gepanzerten Hangars der MIGs, doch waren die Bunker von der Roten Armee nur übernommen worden; davor hatten sie Görings Luftwaffe als Versteck für die Messerschmittjäger gedient. Nichts komme ihm unwirklicher vor als so ein Flugsportfeld, das einmal «Feldflughafen, Front» war, gibt Jörn seinem aufzeichnenden Begleiter zu verstehen. Die Konfrontation mit dieser im Osten aufgefundenen Unwirklichkeit belebt auf einmal eine Erinnerungsfähigkeit wieder, die sich nie zuvor so stark herausgefordert sah.
«Jörn liess das Geschehen auf dem Flugplatz und in der Luft nicht aus den Augen, zugleich erzählte er weiter, und dabei schien es, als ginge in seinem Kopf die Gegenwart, wie er sie augenblicklich wahrnahm, neben den vergangenen Zeiten her, von denen er erzählte. Mitunter war es so, als bringe ihn eine Wahrnehmung auf die Spur zu einer Erinnerung hin, und dann konnte es sein, dass sich zwischen der Erinnerung und dem gegenwärtigen Augenblick eine Beziehung zu erkennen gab. Aber nicht immer waren solche Korrespondenzen offenkundig, meistens entstanden sie auf vage, unbestimmte Weise, ohne dass ein unmittelbarer Zusammenhang sie erklärte. Was denkst du jetzt? Was soll ich schon denken, sagte Jörn, ich versuche so etwas wie ein Netz zu knüpfen, aber immer hängen ein paar Enden ins Leere hinein.»
Wenn der pensionierte Westdeutsche Jörn mit Einheimischen seines Alters wie dem respektvoll porträtieren märkischen Schmied und Gastwirt Demuth spricht, fällt ihm zwar die Fremdheit auf, die Jahrzehnte nach Westen und Osten getrennter Erfahrungen hinterliessen, doch wenn die Versuchung sich regt, diese Fremdheit durch reporterhaftes Ausfragen des Ostdeutschen zu überwinden, fürchtet er gleich das unwillkürliche Einmischen eines Zwischentons, «der nach Mitleid, Vorhaltungen, besserem Wissen klingt», und lässt es bleiben. Verständigung wird jedoch möglich, wenn Erinnerungen an Pimpfenzeit und kalte Kriegswinter, an Drahtfunknachrichten und ans Wachspapier alter Militärkarten ausgetauscht werden, und bei diesem Austauschen beginnt der Westdeutsche sich zu fragen, was ihn denn zum Westdeutschen hatte werden lassen, der sich früh von der «Ostzone» abwandte und jahrzehntelang nicht hatte wissen wollen, was jenseits der Grenze vor sich ging. Eine politische Entscheidung, für Demokratie nach westlichem Muster? Nein, das war es wahrscheinlich nicht, gibt Jörn zu verstehen, es hatte viel mehr mit der in Westdeutschland gebotenen Möglichkeit zu tun, eine Art schattenloser Existenz zu führen, die vor der Behelligung durch die eigene, dazu geografisch nach Osten gerückte Vergangenheit schützte. «Mit dem Rücken zum Gestern dachte er viele Jahre lang, die Jahre der Kindheit und des Krieges verlassen zu haben wie ein Land, in das man nicht mehr zurückkehrt, nicht einmal in der Erinnerung, und mit Heimweh schon gar nicht.»
Die Öffnung der Grenzen brachte diese schützende Konstruktion zum Einsturz. Es leuchtet ein, dass Jürgen Becker danach lange Jahre zuwarten musste, ehe aus den Trümmern dieser Jahrzehnte hindurch angenehm abschirmenden Bastion eine neue Konstruktion entstehen konnte, die sich der Gegenwart und der Vergangenheit zugleich zuwendet. LeserInnen aus dem Westen und dem Osten können sich nun eingeladen fühlen, sie sich zur Befragung der jeweiligen eigenen Erfahrungen zunutze zu machen, wobei sie zudem der literarische Genuss an einer von Anfang bis Ende durchgearbeiteten, ebenso geschmeidigen wie von wacher Intelligenz vorwärts getriebenen Prosasprache erwartet. Was ausserdem an Wissenswertem zu erfahren ist, vom Geschick nationalsozialistischer Baumeister und Bauten bis zu dem Blick, mit dem ein kleiner Junge Familien- und Alltagsleben unter den Nazis wahrgenommen hat, lässt sich in einem Rezensionssatz nicht resümieren. Es bleiben auch viele unbeantwortete, zum weiteren Nachdenken überlassene Fragen, wie die folgende, die andeutet, dass die deutsche «Westbindung» einen ungeklärten Subtext haben könnte, der sich auf eine Entscheidung für demokratische Freiheit nicht reimt:
«Bis heute ist es ein Rätsel geblieben ... da haben sie, die Engländer, die Amerikaner, bis zuletzt die Zivilbevölkerung terrorisiert, jahrelang, aber als sie dann in die kaputt gebombten Städte kamen, waren sie gleich die neuen Freunde, von denen liess man sich ganz selbstverständlich die Kameras, die Uhren, das Eingemachte klauen. Doch wenn sich der Russe das Recht des Siegers herausnahm ...»

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der WOZ]

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