Aus dem Staub von Klaus Merz, 2010, HaymonAus dem Staub.
Gedichte von Klaus Merz,
(2002, Haymon).
Besprechung von Roman Bucheli in der Neue Zürcher Zeitung vom 14.08.2010:

Zärtlich genau
«Aus dem Staub» – in seinen neuen Gedichten stellt Klaus Merz die Vorstellungskraft auf die Probe

«Aus dem Staub» heisst Klaus Merz' neuer Gedichtband. Der Titel hält das dünne (und wieder mit expressiven Pinselzeichnungen von Heinz Egger begleitete) Bändchen in einer atemlosen Schwebe. Halb schwingt die stille Ironie des Fahnenflüchtigen in der Wendung mit, halb glaubt man als Menetekel zu hören, was uns dereinst zu werden verheissen ist. Jedoch kommt die Formulierung wieder, gegen Ende des Bandes, in einem anekdotischen Gedicht, dessen Figur sich ihrerseits ganz auf der Kippe zwischen Wahn und Hellsicht zu halten scheint. Wochenlang sei er nachmittags, so heisst es, im Kreis gegangen, dann sei er ans Tor gekommen, um dies zu sagen: «Er könne es sich / wieder vorstellen / Menschen aus / Staub geformt.» Und so kippt das Bild hier in eine Reminiszenz aus der Schöpfungsgeschichte, die nun allerdings, bedenkt man den nur vage angedeuteten Kontext, nicht weniger beunruhigend sein könnte als die vorausgehenden Assoziationen.

Ironie und Poesie

Klaus Merz indessen hält sein Material kühl. Er forciert nichts, kaum lässt er sich in die Karten blicken, und seine Verse oszillieren im beunruhigend Unwägbaren. Aber sie raunen nicht. Vielmehr zeichnet sie eine emphatische, eine geradezu zärtliche Genauigkeit aus. Merz ist ein wortkarger Autor. Er weiss es und bedenkt sich hier auch mit einem selbstironischen Vierzeiler. Gelegentlich erinnert er an jene kauzigen alten Männer, die am Rand des Geschehens sitzen, lange zuschauen und ebenso lange nichts sagen, um dann in einem bestürzend kurzen Satz zusammenzufassen, was sich ihnen darbietet. Ein solcher Satz enthält dann ebenso viel hingebungsvolle Ironie wie aus der Anschauung gereifte Poesie. In den gelungensten Gedichten dieses Bandes verdichtet sich in dieser Weise die sinnliche Erfahrung zur bildstarken Sprache. Das ist ein Gang auf schmalem Grat. Wie leicht der Schriftsteller hier ausrutschen kann – in Beliebigkeit, in Albernheiten, in wacklige Syntax –, lässt sich auch hier, freilich nur selten, nachlesen.

Was bewegt Klaus Merz? Überblickt man die Gedichte, so ist es einmal die Figur des «Nächsten», der wie ein Wiedergänger durch die Verse geistert. Es sind furchtsame Begegnungen, als seien die Nächsten Sendboten einer anderen, jenseitigen Welt, die es zu meiden gilt. Auch von der Nachtseite des Lebens und der Welt erzählen die Gedichte in nüchternen Versen. «Nur die Toten sind nah», heisst es einmal, ohne dass darin ein klagender Ton zu hören wäre: «Und die Gegenwart / verliert ihr Gewicht.» Doch in der Hauptsache handeln die Gedichte davon, was diese Gegenwart ausmacht: von Erinnerungen an eine Kindheit, von dem «wilden Entzücken, als / Herbert die dunkle Françoise» auf den Armen in die Werkstatt trug und den Eros des erzählenden Ich weckte, oder von Krankheit und Tod.

Noch etwas freilich: Die Kunst und ihre imaginative Kraft spielen eine Hauptrolle in diesen Gedichten. Stille Epiphanien der Einbildungskraft reiht Klaus Merz hier aneinander. Bald stellen diese Gedichte ein Kriegsdenkmal vors Auge des Lesers, bald führen sie die Leserin in eine Gemäldegalerie, bald zeigen sie Bilder aus dem Album der Kindheit, und immer scheinen sie sagen zu wollen: Das Abbild ist das Wahre, im Imaginären vollzieht sich die Wahrheit der Wirklichkeit. Gar führt ein Gedicht Malraux ins Feld: «Nicht das Leben, sagte / Malraux, die Statuen / werden für uns zeugen.» Erst die Schaffens- und Imaginationskraft des Künstlers modelliert aus dem Material des Lebens dessen wahres Abbild.

Als möchte er die etwas steile These bekräftigen, mischt Klaus Merz nun ein Gedicht unter diese Betrachtungen, das mit dem Andenken an Rilke und dessen Erzählung «Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke» die Fortsetzung eines im Krieg sinnlos ausgelöschten Lebens in der Kunst feiert. Das ist ein traumhaft gelungenes Gedicht, weil es in wenigen sanften Versen in den Abgrund der Welt, der Kunst und der Geschichte blicken lässt – und weil hier der titelgebende Staub noch einmal das letzte Wort hat.

Imaginationen

Die Vorstellungskraft aber kann nicht nur das Vergangene überhöhen, sie bringt eigene Wirklichkeiten hervor. Das Gedicht «Glückliche Tage» beginnt so (und die Lautmalerei macht schon darauf aufmerksam, dass sich etwas Besonderes anbahnt): «In der Ecke sitzt / Becketts Enkel.» Von ihm heisst es nun, er trage Grossvaters Pullover und warte auf die Falten im Gesicht. Das sind drei Zweizeiler, aber sie sagen mehr als jede gelehrte Abhandlung über die Kraft der Einbildung. Und weil auch die Grossmütter zu Ehren kommen sollen, folgt gleich darauf dieser Vierzeiler: «Die Wunderschuhe anziehen! befahl / Grossmutter, setzte sich zu uns / aufs Kanapee, begann zu erzählen: / Schon waren wir über alle Berge.» Ganz rustikal mit «Befehlsgewalt» ist das Gedicht überschrieben. Solcherart nimmt Klaus Merz das Pathos aus seinen Gedichten, die dort am kräftigsten die Türe zur Imagination aufstossen, wo sie ganz sachlich bleiben.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0910 LYRIKwelt © NZZ