Aus dem Sinn von Emma Braslavsky, 2007, ClaassenAus dem Sinn.
Roman von Emma Braslavsky (2007, Claassen)
Besprechung von Jörg Sundermeier in der Frankfurter Rundschau, 11.04.2007:

Sudeten Blues
Emma Braslavskys Romandebüt

Klingt zunächst wie ein Witz: Treffen sich im Jahre 1969 zwei Frauen, des Nachts, in der Wohnung eines Ex-Geheimrates. Die eine ist seine Geliebte. Der anderen unterstellt man, es zu sein. Der Ex-Geheimrat schläft. Also reden die Frauen. Selbstverständlich über ihr Leben. Die jüngere, Nadja, Jüdin aus Russland, litt unter den Russen, ihr Vater, aus Tschechien stammend, wurde getötet, ihr Freund wurde während der Proteste des Prager Frühlings von einem Sowjetpanzer überrollt. Nun lebt sie in Erfurt, illegal, als Untermieterin jenes Ex-Geheimrats, einem aktivistischen Sudetendeutschen. "Umsiedler" hießen die Geflohenen im DDR-Jargon. Der Ex-Geheimrat allerdings selbst nennt sich beharrlich "Vertriebener". Die ältere Frau, Ella, seine Jugend- und Jahre später wieder seine Altersliebe, auch sie eine Sudetin, erzählt von ihrer toten Tochter und der Flucht: "Wir haben sie damals im Garten begraben. Eines Nachts hat eine Bande von Tschechen den Leichnam wieder ausgegraben und vor unseren Augen verbrannt."

Kein Witz. Ohne drastische, an die Gewaltvisionen des früheren Verteidigungsministers Scharping erinnernde Bilder kommt Emma Braslavsky in ihrem Roman Aus dem Sinn nicht aus. Schon zu Beginn muss es krachen, die Turmuhr des Erfurter Domes wird gesprengt. Wie sich am Ende herausstellt, ist auch dies kaum mehr als ein Knalleffekt. Aber er hält den Roman zusammen.

Es darf getrunken werden

Die junge Russin Nadja, so will es die Autorin, wird bald nach dieser intimen Frauenleid-Szene verhaftet, zur Zwangsabtreibung gedrängt; ihr neuer Freund, auch er Sudete, auch er in Haft, bringt sich um. Ella wiederum hatte während des Krieges zwei Juden, Miri und ihren Vater, im Garten versteckt. Miri hat Dachau überlebt, wurde in einem Sarg aus dem KZ geschmuggelt und lebt jetzt in dem Dorf, in dem die Vertriebenen früher wohnten. Sie ist aber nicht böse. Sie mag Ella, mehr noch Ellas Sohn, Eduard, die Hauptfigur des Romans, der ebenfalls verhaftet wird. Denn er hat sich unfreiwillig politisch betätigt. Ebenso wird seine Gattin Anna verhaftet, diese nun wieder - sie wurde originellerweise aus Schlesien vertrieben - kommt in Haft, weil sie falsches Liedgut spielte. Bei ihr geht es glimpflich ab, er dagegen wird mithilfe von Elektroschocks, die ihm sächselnde DDR-Mengeles verabreichen, seines Gedächtnisses beraubt. Er vergisst die Heimat und damit sich selbst.

Es gibt fast nur Opfer in diesem ärgerlichen Buch. Der einzige Täter, der etwas Kontur bekommt, ist erst großer Nazi, danach hohes Tier in der DDR. Warum auch nicht? Es geht ja eh zu wie in der Lindenstraße.

Die Mittdreißigerin Emma Braslavsky hat versucht, in ihrem Debütroman, der nicht immer schlecht geschrieben, süffig und einfallsreich, ja sogar spannend ist, eine Vertriebenenwelt zu beschwören, in der alle unter abstrakten Tätern leiden, namenlosen Tschechen, Russen, DDR-Beamten, Nazis. Die unpolitischen Menschen, allen voran Eduard, geraten unausweichlich in eine Mühle, die nicht deutsches Schicksal genannt wird, aber doch ein Schicksal ist. Das schweißt die Sudeten zusammen, sie reden in ihrer eigenen Sprache, bleiben streng katholisch, sind aber gütig allen Fremden, auch Juden gegenüber, die sind ja auch irgendwie Vertriebene.

Ihre Figuren menscheln, Braslavsky zeigt sie fröhlich beim Schnaps, gibt ihnen Spleens - einer sieht allerorten den Teufel, Eduard ist vernarrt in Uhren, Ella gönnt ihm nur Bräute, deren Vorname mit "E" beginnt - und führt sie in allerlei skurrile Situationen. Das liest sich ganz nett. Doch die Autorin entlässt diese liebevoll klischeehaft gezeichneten Figuren nicht einen einzigen Augenblick aus der "Heimat". Nicht einmal dann, wenn sie ihnen einen Rausch gewährt.

"Sie stießen die Flaschen aneinander, sahen sich beim Trinken reihum in die Augen, spreizten den kleinen Finger ab, als sie zum Schluck anhoben. Ein Restbestand exsudetischen Lebens, damals noch mit trockenem Roten aus bauchigen Burgundergläsern, jetzt nur noch mit Erfurter Braunbierflaschen. Zu entdecken gab es für ihre Gaumen nicht mehr so viel. Die Jahrgänge des Gerstensafts wurden stets fünf Jahre im Voraus vorhergesagt und erfüllt." Jahrgänge wurden erfüllt. Und was auch immer "Restbestände des exsudetischen Lebens" sein sollen - hier hätte auch ein aufmerksames Lektorat nichts mehr retten können.

Es soll in der Literaturkritik ja höchstens am Rande um Fragen der politischen Moral gehen. Diesem Werk jedoch liegt einzig Politik zugrunde, sie bestimmt seinen Aufbau und seine sprachliche Ausgestaltung. Die Autorin trägt bereits bei ihrem Debüt die ganze deutsche Last auf den noch jungen Schultern. Und genau diese hat Emma Braslavsky, die zweifelsohne über Talent verfügt, immer wieder beim Schreiben behindert.

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