Aus Dalkeys Archiven.
Roman von Flann
O'Brien (2003, Verlag Kein & Aber).
Besprechung von Stephan
Maus auf der Homepage stephanmaus
(SZ
11.12.2003):
James
Joyce vs. Dr. No
Flann O’Brien pflückt ein welkes Sträußlein
Aus Dalkeys Archiven
Der Beamte Mick Saughnessy und der Juwelier
Hackett treffen in einer kleinen Badebucht der irischen Küstenstadt Dalkey auf
den skurrilen Gelehrten De Selby. De Selby ist ein Mad Professor. Er hat eine
Substanz erfunden, die die Zeit anhält, zurückstellt oder abschafft, die
genauen Details unterliegen noch dem Forschergeheimnis. De Selbys Experimente
untermauern seine Arbeitshypothese, daß die Zeit eine an Sauerstoff gebundene
Illusion ist. Durch Sauerstoffextraktion entsteht ein Zeitvakuum, was das Atmen
in der Ewigkeit allerdings spürbar erschwert. Setzt de Selby seine Substanz in
einem abgeschlossenen Raum frei, entsteht eine nagelneue Dimension, in der gerne
Abgesandte aus der Vergangenheit vorbeischauen und von ihren Abenteuern im
Jenseits plaudern. So verwandelt De Selby eine Grotte in der irischen Badebucht
zur plätschernden Zeitmaschine und führt Mick und Hackett nach einem Tauchgang
den heiligen Augustinus vor. Der Kirchenvater ist leider ein rechter Schwafler.
De Selby ist nicht nur ein freundlicher Reiseleiter in der vierten Dimension,
sondern hegt auch ambitionierte Vernichtungspläne. Er hält die Welt für so
verkommen, daß er alles Leben mit Hilfe seiner sauerstoffextrahierenden
Substanz DMP auslöschen möchte. Sowieso egal, wenn man genauso gut gemütlich
im transluziden Aspik der Ewigkeit herumschwabbeln kann. Also wird sich der
kleine Staatsbeamte Mick aufmachen, dem klassischen McGuffin DMP hinterher zu
jagen und die Welt zu retten. Dabei trifft er auch auf James Joyce, der wider
Erwarten doch noch lebt und zurückgezogen in einer Fischerpinte einer
Nachbarstadt als Barkeeper arbeitet. Seine Romane sind ihm eher peinlich, und er
hat nur einen Wunsch: den Jesuiten beizutreten.
Das
klingt alles recht lustig. Ist es aber nur sehr begrenzt. Flann O’Briens
Mannschaftsaufstellung darf noch als gelungen bezeichnet werden. Sie erinnert an
all die tapferen Heldenduos, die gegen eine groteske Welt zu Felde ziehen. Würdevoll
und einander zuprostend stolzieren Mick und sein Sidekick Hackett durch ein
Labyrinth der kruden Absurditäten, ganz so wie Don Quijote und Sancho Pansa,
Stan und Olly, Bouvard und Pécuchet oder Wladimir und Estragon. Dem verrückten
Gelehrten De Selby stellt Flann O’Brien den ziemlich verwirrten James
Joyce als Double gegenüber. Als Anreiz und Lohn für die Rettung der Welt
fungiert Mary, die vor allem Mick bezaubert: „Sie lungerte verlockend an den Rändern
seiner Seele herum.“ Solche Formulierungen machen Appetit auf mehr, und auch
die Personenkonstellation ist hervorragend austariert für ein wunderbares
Welterrettungsdrama mit abschließender Hochzeit und Schwangerschaft. In einem
sehr lichten Moment beschließt Mick noch, James
Joyce gegen De Selby auszuspielen, und das wäre wahrlich ein literarischer
Geniestreich gewesen. Literarische Parodie im Gewand eines Wettlaufs gegen die
globale Apokalypse. Der Gigant der Moderne als Gegenspieler eines Geistes, der
stets verneint. James Joyce
vs. Dr. No.
Doch
leider kommt es nie zu der Konfrontation. All die Handlungsfäden verheddern
sich zu einem wirren Knäuel, das der Autor lieblos herumschubst. Nachdem Flann
O’Brien seinen Strukturplan endlich fertig hatte, muß ihn die Lust und auch
die Kondition verlassen haben. All diese wunderbaren dramaturgischen Einfälle
werden leider nur zur unverbindlichen Matrix einer hingeschluderten
Nummernrevue, in der nur die allerwenigsten Stücke wirklich überzeugen. Nach
gut der Hälfte dümpelt der Text dahin wie ein langer Abend in einer kleinen
Fischerpinte, wenn alle Witze gemacht, alle Anekdoten erzählt sind, der Kiefer
schon vom Gähnen schmerzt, doch der Whisky einfach nicht alle werden will. Ist
es wirklich ein so köstlicher Scherz, daß sich Joyce bei den Jesuiten um die
Priesterunterwäsche kümmern soll?
Seinem
Verleger hat Flann O’Brien seinen Text weniger als Roman denn als „eine
Studie im Gebiet des Spotts“ angepriesen, „wobei die Rolle der im Käfig
gefangenen Ratten verschiedenen Schriftstellern und deren stilistischen
Eigenheiten sowie allerlei sonstige Moden, Haltungen und Kulten zugewiesen
ist.“ Das wäre ein ehrenwertes literarischen Unterfangen gewesen, nur lacht
man eben bei Spott auch ab und an ganz gerne. Lächeln wäre auch schon nett.
Doch Flann O’Brien verfällt in genau dieselben Marotten, denen sein ganzer
– enttäuschend lahmer – Spott gilt. Er veranstaltet einen knarzenden
Stapellauf von akademischen Insiderscherzchen. O’Brien stellt sich in die
Tradition der parodistischen Enzyklopädien. Hackett und Mick machen sich auf
den Spuren von Flauberts
grotesken Gelehrten Bouvard und Pécuchet auf die Reise in das Land der absurden
Theorien. Doch O’Briens Panorama der absurden Wissenschaften ist lieblos
gestaltet und willkürlich aneinandergeklittert. Diese strukturelle Willkür
vermittelt nicht etwa den Eindruck couragierter Dekonstruktion lächerlich
veralteter Erzählkonventionen, sondern bedeutet einfach nur Bequemlichkeit in
Fragen der dramaturgischen Ausgestaltung. Flann O’Brien ist in diesem Roman
sehr weit entfernt von Laurence
Sternes inspirierter Kunst der Abschweifung oder Flauberts systematischer
Parodie der Universalbibliothek.
Es
ist ein beliebtes Exerzitium bibliophiler Schlaumeier, den Iren Flann O’Brien
gegen James Joyce auszuspielen und zum Kultautor für Kenner hoch zu
stilisieren. Er wird gerne als der wahrhaft originelle, weil wirklich lustige
Vertreter einer Literatur der zerfasernden Formen gesehen. Diese liebenswerte
literarische Kauzigkeit soll von dem Label „Harry
Rowohlt“ garantiert werden, das auch nicht mehr ist, was es mal war.
Everybody’s Brummel- und Translation-Darling Harry „The Puh“ Rowohlt
prangt auf dem Cover auch dieser Ausgabe wie ein anspruchsvoller literarischer
Qualitätsfilter. Doch nicht überall, wo Rowohlt drauf steht, ist auch
geistvolle Widzischkeit drin. Ein Bonmot der Verfechter einer vermeintlich fröhlichen
Avantgarde lautet, James
Joyce hätte wie O’Brien geschrieben, wäre er nicht so bescheuert
gewesen. In Wirklichkeit schreibt O’Brien in diesem Roman exakt wie Joyce in
seinen bescheuertsten Momenten. O’Briens akademische Stilscherzchen und
pseudo-parodistischen Theorien ziehen sich so zäh in die Länge wie die ödesten
Shakespeare-Debatten
in „Ulysses“. „Dalkeys Archive“ sind ein krauses Kuriositätenkabinett für
Liebhaber des schelmisch augenzwinkernden Akademikerscherzes. So, so, De Selbys
Badebucht mitsamt ihrer Zeitmaschine liegt in der Vico-Road? Derselbe Vico wie
auf der ersten Seite von Joyces „Finnegan’s Wake“? Die kurvige Straße als
Symbol einer zyklischen Zeit? Wie hochamüsant.
Eine
der ganz wenigen wirklich komischen Passagen dieses Romans schildert die absurde
Molekül-Theorie des Polizisten Fottrell. In rhetorischer Vollendung und
exquisiter manieristischer Prunksucht erläutert der geschwätzige Sergeant, daß
Menschen und Fahrräder, stehen sie durch regelmäßiges Radfahren in engstem
Kontakt, ihre Moleküle austauschen. Schließlich muß sich der eisenhaltige
Mensch überall anlehnen, weil er schon fast zum Fahrrad mutiert ist und kaum
noch Stehkraft hat. Wie sein gesamtes Buch hätte Flann O’Brien auch diese
Theorie eine Spur ernster nehmen sollen: Er scheint sich so lange satirisch an
den Marotten seines großen Feindes Joyce gerieben zu haben, daß er schließlich
selbst schreibt wie der große Antagonist in seinen scheußlichsten Passagen.
Aus eigener Kraft scheint O’Brien schon kaum mehr stehen zu können. „Aus
Dalkeys Archiven“ ist besonders enttäuschend, wenn man es mit Flann
O’Briens komischem Meisterwerk „Auf-Schwimmen-Zwei-Vögel“ vergleicht.
Im Gedächtnis bleiben nur wenige poetische oder komische Kabinettstückchen, die sich hervorragend für eine launige Irland-Anthologie eignen. Harry Rowohlt kann ja ein Hörbuch draus machen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stephanmaus.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1203 LYRIKwelt © Stephan Maus