1.) - 3.)

Ausbrüche von Meroni & Co.
Roman von Günther Geiger (1986).
Besprechung von Hermann Schürrer:

LEBENSLÄUFE IM ALPENLAND

günther geiger schaut sich diese entarteten, ausgestossenen, verlorenen genauer an; diese richter und gerichte, die staatsbeamten, diese gendarmen, im gefängnis feldkirch.

er zerlegt bei dieser gelegenheit das fahrrad in 15 teile, weil eben fluchtgefahr, alpenland.- der henker maitre sanson frischt im gefängnis etwas auf, das geld und seine rolle bzw. seine funktion werden vorgestellt. lokal yasmin dornbirn, basel, vorarlberg, schweiz. die rocker. die pazifisten. staaten und die staatsbürger. familien. auch die alten: unternehmer und uniformierte/handschellen. viel verdacht. voll? DER REVOLVER! droge! fragliche früchte. durchschnittlich lesen österreicher im lebenslauf ein buch mit krone und kurier. also sehr langsam.- LSD, EINE spritze. SPEED-karriere. student(in): kriege.

reflexionen im spectro/basel! in OASIS und sleep-in, untersuchungsgefängnis lohnhof. montreux. dann einmal salzburg und wien ... die BRD und love.

österreich, dieses geheimnisvolle land seiner sieben siegel, neun bundesländer; und die alpen werden immer höher, siehe auch die strudelhofstiege/wien. dornbirn: 40 tausend!

ich: der wird beamter, angestellter, arbeiter, soldat oder jeder schaut, daß er wird, was er will. Allzu viel darf es nicht werden, sagte mir heute wieder krone wie kurier: danke sehr. interessant wird die situation, weil international ...

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2.)

Ausbrüche + Einbrüche von Meroni & Co.
Roman von Günther Geiger (1987).
Besprechung von Bruno Jaschke
in wienzeile.cc:

„Günther Geiger schaut sich diese entarteten, ausgestossenen, verlorenen genauer an: diese richter und gerichte, die staatsbeamten, diese gendarmen. im gefängnis feldkirch.(...) österreich, dieses geheimnisvolle land seiner sieben siegel, neun bundesländer; und die alpen werden immer höher“.

Diese Empfehlung auf dem Backcover von Günther Geigers neuer Veröffentlichung (die Frontseite zeigt de Autor mit ratlos anklagend vorgestreckten blutig-roten Händen) stammt immerhin von Hermann Schürrer.

Die Sperrigkeiten des sich stets verdichtenden Werkes beginnen bereits mit der Schwierigkeit, es einer literarischen Gattung zuzuordnen. Weder Cover noch Copyright-Angaben enthalten einen diesbezüglichen Hinweis - und so ziemlich alle gängigen Kategorien greifen nicht oder nur unzureichend. Diese autobiographische Outlaw-Geschichte ist mit Sicherheit kein Roman, auch keine Erzählung; ist demgegenüber für ein Tagebuch oder eine Chronik zu wenig zufällig in der mehr oder minder wahllosen Aneinanderreihung der einzelnen Episoden. Denn obwohl die Konstellation der Szenen nicht einer chronologischen Reihenfolge nachgeht, liegt ihr - quasi als Konzept - doch der ständige und viele Formen annehmende Widerstand gegen drückenden Kleinstadtmief (hauptsächlich in Dornbirn, Vorarlberg) und beengende Gesellschaftszwänge zugrunde.

Man könnte also vielleicht, aber auch das nur unzulänglich am ehesten von einer Art Journal sprechen.

Was zunächst wie eine klare Schilderung des bedrückenden Häftlings- und Gefängnisalltags beginnt, weitet sich bald aus zu einem umfassenden Szenarium antibürgerlicher Verweigerung. Die Bande um den „Einbrecherkönig“ Meroni will sich nicht länger am Fabrikfließband ausnützen lassen, lebt von Ladendiebstählen, benützt Heuschober, Lagerhallen oder Abstellwaggons als Unterkünfte und hängt in der Beatdisco „Yasmin“ oder im schweizerischen Basel süßen Träumen nach. Zwischendurch werden deprimierende Kindheitserinnerungen wach und bringt Sex einige Farbtupfer ins dumpfe Dahinvegetieren; und über allem droht das Gefängnis den Outlaws als stetig präsentes Damoklesschwert.

Dies alles - besonders die Mikrokosmen aus dem Gefängnisleben - erzählt G mit großer sprachlicher Virtuosität; bisweilen mit sarkastischem Humor.

„der abnahme aller gegenstände, die der verhaftete bei sich trägt, folgt das vollständige entkleiden zur untersuchung der intimen stellen. es gibt beamte, die einem mit der taschenlampe in den after leuchten, um ihren eifer vielleicht doch belohnt zu sehen. ein fund würde ihnen das sofortige recht zur beschlagnahme einräumen, womit der ganzen zeremonie ein abschließender sinn erfolgt wäre.“

Mit Fortdauer wird die Sprachführung lyrischer, artet bisweilen in hymnische Oden ans Hängerdasein (bzw. dessen Protagonisten) aus oder schwelgt in farbenreichen Drogenräuschen/-delirien. Und ich muss gestehen, damit habe ich, wiewohl G auch an diesen Stellen sprachlich brilliert - oder gerade an diesen - meine Schwierigkeiten. Wie überhaupt mit der Hippieära und all ihren mythischen Verbrämungen. Immerhin erlebt das Buch einen höchst irdischen Abschluss in Form eines deftigen Bumserlebnisses.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter wienzeile.cc]

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3.)

Ausbrüche + Einbrüche von Meroni & Co.
Roman von Günther Geiger (1987).
Besprechung von
Susanne Haringer:

„Vous avez du Haschisch?“ er durchsäckelte mich einfach. Ich musste bedauernd lächeln. untätige Personen sind sowieso verdächtig, denn wer sich mit etwas beschäftigt, führt nix böses im Schild. (kleinbürgerlicher Quatsch.) außer er stellt Nuklearwaffen her oder gehört zum Regierungsapparat einer Supermacht. aber das ist eine Sache höherer Instanz. (s. 81)

Günther Geiger berichtet in seinem Buch szenenhaft von den Mühen eines freien Lebens im Land Vorarlberg. Es geht um das Misstrauen, das jedem (vor allem jungen) Menschen entgegenschlägt, der offensichtlich nicht arbeitswillig ist und sein Leben nonkonform führt. Handelnde Personen sind Meroni, charismatisch jugendlicher Einbrecher, und seine Freunde, die sich um das Café Yasmin gruppieren. Sie versuchen, sich den Zwängen des „normalen“ Lebens zu entziehen, wohnen in Abbruchhäusern, im Freien, und in diversen Unterschlüpfen. Ihre recht geschickten Ladendiebstähle und Einbrüche verstehen sie nicht nur als Subsistenzerhaltung, sondern auch als Ablehnung der herrschenden Normen. Dementsprechend finden sich die „Gammler“, wie die stolze Eigendefinition lautet, in den Mühlen des Strafvollzugs wieder.

Günther Geiger schildert kenntnisreich und anschaulich das Leben in den Vorarlberger Strafvollzugsanstalten und die Gefühle der Insassen. Er berichtet, wie seine Freunde damit umgehen, wie sie weiter versuchen, Widerstand zu leisten, um unversehrt zu bleiben. Seine Sprache wechselt sprunghaft von sachlichster Beschreibung über Subkultur- und Dialektfetzen in üppige poetische Visionen. Besonders lyrisch wird sie an den Stellen, wo schon wieder eine Minderjährige (vorzugsweise in engen Jeans und mit „milchigen Brüsten“) zum Zwecke der Verführung ins Auge gefasst wird. Ansonsten tauchen Frauen in diesem Epos über Kampf zwischen den Ausgestoßenen und ihren Widersachern, den Dienern der Staatsgewalt, nur als Mütter und Verkäuferinnen, die im Rahmen der Ladendiebstähle Bedeutung gewinnen, auf. Dieser stellenweise gesellschaftsbegründete Konflikt wird, neben anderen dramatischen Versatzstücken, von einer erstaunlichen Anzahl lädierter Tiere begleitet. Es ist in Vorarlberg kälter und härter als damals in Kerouacs Hippieballaden.

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