1.) - 2.)

Au pair.
Roman von Willem Frederik Hermans (2003, G. Kiepenheuer - Übertragung
Waltraud Hüsmert)
Besprechung
von Malvine Gradinger aus dem Münchner Merkur, 5.9.2004:

1,92 Meter groß und blond
"Au pair": Willem Frederik Hermans' Holländerin in Paris

Nach dem Abi das lang ersehnte Freiheitslustgefühl: jetzt erst mal weg von zu Hause. Paulina aus dem kleinen holländischen Vlissingen, angehende Kunststudentin, will nach Paris - zum kostengünstigsten Tarif, also "Au pair". Man wäre aber auf der falschen Fährte, würde man von dem so getitelten Buch des Niederländers Willem Frederik Hermans (1921- 1995), einer der wichtigsten modernen Autoren seines Landes, nur die merkwürdigen bis grotesken Erfahrungen ausländischer Au-pair-Mädchen in einer gewissen pfennigfuchserischen Kaste der französischen Bourgeoisie und Horror-Storys mit deren schwer erziehbarer Brut erwarten. Das gibt es in diesem zwischen 1983 und 1989 leichthändig geschriebenen Roman natürlich auch.

Leichtgewichtiger sicher als die frühen Werke wie "Die Tränen der Akazien" (1949) oder "Nie mehr schlafen" (1966) ist "Au pair" jedoch wunderbar trocken-humorvoll, lapidar erzählt, wobei man Hermans auch als unnachahmlich scheinbar beiläufigen Gesellschaftskritiker kennen lernt. So weist Madame Pauchard die Pariser Newcomerin in ihren dunklen "chambre de bonne"-Verschlag unterm Dach ein, wie folgt: "Drei Araber in einem Zimmer wie diesem, das rentiert sich. Wer es einem Au-pair-Mädchen überlässt, bringt ein Opfer." Was Paulina sonst noch an Unerhörtem bei dem Anwalts-Paar Pauchard und seinem frühreif-unverschämten Balg erlebt, lässt sie sich als erste Paris-Lektion gesagt sein.

Das Geld des ermordeten Juden

Ihre ungewöhnliche Körpergröße von 1,92 Metern, die sie schon gegen sexuelle Avancen feit, verleiht ihr auch sonst eine Probleme überwindende Zuversicht. Und mit ihrer bodenständig-klugen Weltneugier - spezieller Charme übrigens und absoluter Leseanreiz - lernt sie schnell. So wechselt das Riesenmädchen mit dem blonden Rapunzelhaar über das Au-pair-Vermittlungsbüro ins wohlhabende Haus eines pensionierten Generals.

Und jetzt das Gegenteil von Neureichen-Arroganz und verschreckendem afro-arabischem Mansarden-Ambiente (einmal ein stockbetrunkener Typ schlafend in ihrem Bett!). In Zimmer mit Bad und Blick auf den Jardin du Luxembourg, verwöhnt von Geschenken und Dienstpersonal-Service, führt sie ein Luxusleben mit freier Zeit fürs Kunststudium. Das junge Geschöpf genießt gern - eine kleine Unruhe regt sich jedoch bei ihr, dass sie keinerlei Au-pair-Pflichten hat . . .

Was sich zunächst als Entwicklungsroman anlässt, verquickt sich nun mit einer höchst verzwickt gesponnenen detektivischen Geschichte. Paulina, die sich für all die Nettigkeiten endlich erkenntlich zeigen will, bietet sich schließlich in aller Unschuld selbst für eine gefährliche Mission an - für die sie allerdings von vornherein angeheuert war: nämlich ein dem General in Kriegszeiten anvertrautes jüdisches Vermögen in die Schweiz zu bringen, zwecks Transfer nach Israel. Durch konkurrierende Ansichten und Manipulationen innerhalb der Generalsfamilie landet es jedoch genau da, wo es nach dem Willen des Generals nicht hin sollte: bei dem Schwager des offensichtlich ermordeten Juden, dem ehemaligen SS-Offizier Müller, dem das Geld juristisch zusteht.

"Au pair" also auch ein politischer Roman? Nein, wenn auch Hermans, Autor von "Die Dunkelkammer des Damokles" (1958), Erfolgsroman über den holländischen Widerstand gegen die Nazis (2001 im Kiepenheuer Verlag), immer aus einer politischen Haltung heraus schreibt. Aber Paulines labyrinthisch verschlungener Au-pair-Ausflug hat, typisch für diesen Meister der Ambivalenzen, eine philosophische Grundtönung, ist auch wieder ein Roman über die Undurchschaubarkeit der Welt - mag auch die junge Heldin am Ende erkennen, dass sie benutzt wurde.

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2.)

Au pair.
Roman von Willem Frederik Hermans (2003, G. Kiepenheuer - Übertragung
Waltraud Hüsmert).
Besprechung von Dorothea Dieckmann in Neue Züricher Zeitung vom 22.10.2003:

Paulina und das Dilemma des verliebten Autors
Willem Frederik Hermans' Roman «Au pair»

Seit kurzem nimmt eine dankbare deutschsprachige Öffentlichkeit die Romane des grossen Niederländers Willem Frederik Hermans zur Kenntnis. Ein Werk ist zu entdecken, das die literarische Tradition einer radikalen Daseinsskepsis mit einer nihilistischen Philosophie vereint - Strömungen, die ihren Schnittpunkt in Wittgensteins Sprachkritik finden. Das Unsagbare, das Unsägliche ist ins Schweigen verbannt; nur die Kunst kann der blossen Tatsächlichkeit, die uns hilf- und sprachlos hinterlässt, Ausdruck verleihen. Was ist der Mensch? Hermans' Essay «Das sadistische Universum» gibt unmissverständlich Antwort: «Der Mensch ist ein chemischer Prozess wie andere. Wer oder was er ist, behauptet, glaubt, spielt nur eine Rolle, solange er lebt, und dann nicht mehr. Alles kann geschehen, und alles geschieht, ohne dass die Sonne erlischt oder die Vögel zu singen aufhören.»

Glückssuche

Die «Dunkelkammer des Damokles», geschrieben 1958, übersetzt 2001, entwickelte eine ebenso pessimistische Replik auf eine andere kantische Frage. Was sollen wir tun? Das Skandalon des Romans bestand darin, dass er die Zweifel an der normativen Ethik ausgerechnet am Thema des nationalen Widerstands gegen die Nazibesatzer durchexerzierte: Ein Rebell, der für die Befreiung der Niederlande mordet, findet sich am Ende der Tyrannei der Kollaboration angeklagt, und keine Instanz vermag ein gültiges Urteil zu fällen. Die Frage nach der Erkenntnis - was können wir wissen? - war Gegenstand des zweiten Romans, der dem hiesigen Publikum letztes Jahr zugänglich wurde; in «Nie mehr schlafen» (1966) schickt Hermans einen Forscher in die öde Finnmark, wo ihn nach grausamen Strapazen keine geologischen Ergebnisse erwarten, sondern die Einsicht, dass Tod und Zufall die gott- und sinnlose Natur beherrschen. «Au pair» nun, den vorletzten seiner elf Romane, schrieb Hermans in Paris zwischen dem 62. und dem 68. Lebensjahr. Vielleicht hat es System, dass er nun eine 19-Jährige zur Hauptfigur erwählte, die ihr Studium in der französischen Hauptstadt als Au-pair-Mädchen finanzieren will. Um Glückssuche geht es, um Illusion und Wirklichkeit, Erfüllung und Enttäuschung, kurz um die Frage «Was darf ich hoffen?».

Nun wäre die Komplettierung des Kant'schen Grundfragenkatalogs ein zu schönes Kriterium für die Entscheidung, «Au pair» der Übersetzung etwa des frühen Romans «Die Tränen der Akazien» vorzuziehen, mit dem sich Hermans schon 1949 in die Reihen der Grossen einschrieb. Und in der Tat, dem bisher umfangreichsten Buch fehlt sowohl die philosophische Zuspitzung als auch die erzählerische Konsequenz der früheren Romane. Zwar geht es auch hier um Varianten des Scheiterns, um kafkaeske Verirrungen und ein teuflisches moralisches Dilemma; doch die Handlung verliert sich in die Breite, die Botschaft in endlosen Raisonnements, und die Ernte der kleinschrittigen Entwicklung und ausladenden Reflexionen ist eher eine Summe disparater Verunsicherungen denn ein zwingendes Paradox, das aus der Verbindung von Hermans' Zynismus mit dem Thema des Erwachsenwerdens hätte entstehen können.

Paulina, 1,92 Meter gross und mit noch grösseren Erwartungen nach Paris gekommen, nimmt beherzt die Jobsuche in Angriff und landet zunächst in einer Situation, die alle Hermans'schen Boshaftigkeiten enthält - bei einem reichen Anwaltsehepaar, das sie in obszöne und kompromittierende Situationen bringt, in einem Verschlag zwischen maghrebinischen Arbeitern einquartiert, dem pubertären Grössenwahn des fetten, rechtsradikalen Sprösslings ausliefert und sie zu guter Letzt vor die Tür setzt. Von dieser Hölle gerät sie in einen Himmel, der sich bald als opaker Limbus erweist. Im Haus des alten Generals de Lune wird Paulina mit Luxus überhäuft; als Gegenleistung scheint man nur zu erwarten, dass sie den seltsamen Familienmitgliedern Gesellschaft und Gehör leistet: dem General mit seinem Faible für den Zeichner Constantin Guys, dem ältesten Sohn Armand bei alkoholisierten Streitereien mit seiner Frau um seine kläglich gescheiterte Schriftstellerkarriere, dem zweiten Sohn Michel bei seinen theoretischen Musik- und praktischen Klaviervorträgen und schliesslich Armands Sohn Edouard, der sich von der Welt der Kunst ab- und dem schnöden Mammon zugewandt hat. Während sich Paulina voller Minderwertigkeitsgefühle den autistischen Monologen, grotesken Dialogen und Lesungen aus Baudelaire und Kant unterzieht, wachsen Fragen über Fragen: Will man sie mit Edouard verkuppeln? Will Michel sie dem Ende ihrer Jungfernschaft entgegenführen? Und welche Rolle hat sie bei dem Problem des Generals zu spielen, der das Erbe eines verstorbenen jüdischen Flüchtlings verwahrt, das eigentlich dessen letztem Verwandten, einem ehemaligen SS-Offizier, zusteht?

Dem Leser stellen sich kleinlichere Fragen, etwa die, wieso Paulinas Erlebnisse an der Universität ausgeklammert bleiben, wie die angehende Französischstudentin den komplizierten Diskursen und Lektüren folgen kann und wie es kommt, dass die naive Holländerin zusehends die ausgereiftesten Kommentare zu den Fragen der Kunst gibt, die in ihrer Gegenwart verhandelt werden. Der Figur mangelt es an der unerbittlichen Kohärenz der früheren männlichen Protagonisten, ihr Reifeprozess wirkt sprunghaft und inkonsistent. Sie bleibt dem Autor fremd, ein holperiges Feld für die moralischen und erkenntnistheoretischen Initiationen, die sein Weltbild einer Heranwachsenden zumutet, und für die Rolle der Ästhetik, die aus den Aporien dieses Weltbildes führt.

Verweigerte Glückserfahrung

Bittere Wahrheiten drängen sich Paulina auf - so bei einem Besuch der Gluck-Oper der Gedanke, Eurydike habe mit ihrem Tod nur Recht bekommen, denn Orpheus sei «eigentlich nicht glücklich gewesen über ihre Wiederauferstehung und hätte das einfachste Mittel benutzt, um der Sache ein Ende zu bereiten». Sobald sich Paulina in die Welt einmischt, die ihr solche schwarzen Interpretationen einflüstert, nimmt sie teil am allgemeinen Scheitern. Am Ende sehen wir sie unerlöst aus der Geschichte und ihren vorgefassten Zielen entgegengehen, die sie in die unerfüllte Biografie leiten werden, wie sie Hermans' Menschen zugedacht ist. Doch diese Entwicklung hat diesmal keine Stringenz, keine Überzeugungskraft. Der Autor, der Paulina die Glückserfahrung verweigert, gesteht am Ende unter dem Deckmantel eines Fremden, er habe sich, wie Flaubert in Emma Bovary, in seine Figur verliebt; doch diese Liebe hat ihn offenbar, wie manche alternden Intellektuellen, ein wenig geschwätzig und blind gemacht.

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