1.) - 2.)

August.
Erzählung von Christa Wolf (2012, Suhrkamp).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 28.12.2012:

Kein Mord, nirgends – aber Christa Wolf
Aus dem Nachlass erschienen: Die große kleine Erzählung „August“.

Die Geschichte eines Mannes, der sich an seine Nachkriegs-Jugend in einer „Mottenburg“ erinnert, wie Tuberkulose-Kliniken damals genannt wurden. Sechzig Jahre später ist August Busfahrer – und Held in einem der schönsten Texte von Christa Wolf.

August ist Witwer, Fahrer eines Ausflugsbusses von Prag nach Berlin, in dem sich gern auch mal eine Gruppe quietschvergnügter Rentner austobt. Aber selbst das verhindert nicht, dass August seinen Gedankenblitzen und Erinnerungsbildern nachhängt. Er sieht sich wieder in dem kleinen Flüchtlingsjungen, der er war in der Nachkriegszeit, die Mutter kam ihm auf der Flucht abhanden, der Vater wird vermisst. Er wird aufgenommen in einer „Mottenburg“, wie die Bewohner dieser Klinik für Tuberkulose-Kranke sie nannten. August, das Kind, verguckt sich hier hoffnungslos in die junge Pflegerin Lilo, so wie sich Grundschüler auch gerne mal in ihre Lehrerin verlieben.

August ist ein Alltagsheld in der gleichnamigen Erzählung von Christa Wolf, die nach ihrem Tod im Dezember 2011 nun aus ihrem Nachlass erschienen ist. Zugleich ist dieser August für Christa-Wolf-Leser ein alter, aber flüchtiger Bekannter, eine Randerscheinung aus ihrem großen Roman „Kindheitsmuster“, deren weiteren Lebensweg sie nun mit diesem kleinen Juwel einer Erzählung weiterverfolgt.

Es ist eine Widmung an Gerhard Wolf

Augusts erste, kindlich-verklärte, unerfüllbare Liebe verschränkt sich mit seinen Erinnerungen an die Frau, die dann später ein halbes Leben über an seiner Seite bleiben sollte. Jene verstorbene Frau, die eine Leerstelle in seinem Herzen und viele davon in der gemeinsamen Wohnung hinterlassen hat.

Es sind weniger die stillen, vertrauten Bilder dieser Erzählung, es ist ihr Ton von zärtlicher Melancholie, der sie kostbar macht. Christa Wolf erzählt darin, ohne es ausbuchstabieren zu müssen, vom Wert der Geborgenheit, vom Geschenk menschlicher Nähe und echter Wärme, von einer Vertrautheit, die nicht aus Gewöhnung besteht, sondern aus dem rückhaltlosen Vertrauen, im anderen aufgehoben zu sein.

Warum das diesmal bei der mitunter gedankenspröden Erzählerin Wolf so ist, erhellt ein Brief im Anhang dieses Buchs: Es ist eine Widmung an Gerhard Wolf, über ein halbes Jahrhundert lang ihr Gefährte, der die Erzählung zum Geburtstag bekam: „Was soll ich Dir schenken, mein Lieber, wenn nicht ein paar beschriebene Blätter, in die viel Erinnerung eingeflossen ist, aus der Zeit, als wir uns noch nicht kannten.“

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2.)

August.
Erzählung von Christa Wolf (2012, Suhrkamp).
Besprechung von Oliver Pfohlmann in Der Standard, Wien vom 5.1.2013:

Christa Wolf: Begegnung mit der schönen Lilo
Die letzte Erzählung von Christa Wolf ist zugleich auch ihre schönste: Eine späte Erinnerung an eine Kinderliebe

August ist Busfahrer. Den Ruhestand schon in Sichtweite, bringt er auf einer seiner letzten Fahrten eine Seniorengruppe von Prag zurück nach Berlin. Während hinter ihm fröhlich "Ännchen von Tharau" angestimmt wird und erst das Sandsteingebirge, dann Dresden vorbeiziehen, verliert sich August in Erinnerungen: an sein beschauliches Leben mit Trude, seiner verstorbenen Frau, in der längst untergegangenen DDR. Und vor allem an " die Lilo", ein Mädchen, das August als Kind kurz nach Kriegsende kennenlernte.

Damals, Ende 1946, ist August acht Jahre alt, sein Vater ist verschollen, die Mutter auf der Flucht ums Leben gekommen. Weil der Junge die "Motten" hat, also tuberkulös ist, kommt er in die "Mottenburg" - eine provisorische Lungenheilstätte in einem Schloss bei Boltenhagen, Mecklenburg. Dort begegnet August "der Lilo", ebenfalls krank und einige Jahre älter als der Junge.

Christa Wolf hat diese Episode, die im Zentrum ihrer letzten, nun posthum veröffentlichten Erzählung steht, schon einmal geschildert - gegen Ende von Kindheitsmuster, ihrem großen autobiografischen Roman von 1976. Dort heißt das Mädchen Nelly und ist das Alter Ego der Autorin, mit der Betonung auf "Alter" - so fremd blickte die Hitler-Gläubige Jungmädel-Führerin, die Christa Wolf einmal war, der sozialistisch aufgeklärten Erzählerin in ihrer DDR-Gegenwart entgegen.

Viele Einzelheiten und Personen jener Monate in der Mottenburg, an die sich August während der Fahrt nach Berlin erinnert, begegnen dem Leser daher wieder: die resolute Oberschwester und die fidele Ärztin, die mit Alkohol und männlichen Besuchern die verlorenen Kriegsjahre nachzuholen versucht. Die Durchleuchtungen der mottenbefallenen Lungen durch den Röntgenarzt Dr. Brause, bei denen Nelly/Lilo assistieren darf. Das unheimliche nächtliche Klopfen, mit dem sich eine Mutter in der dritten Nacht nach ihrem Tod von ihren Kindern verabschiedet haben soll. Das gemeinsame Sarg-Schauen der Mottenbewohner: Wird ein Toter mit den Füßen zuerst hinausgetragen, bedeutet das, dass ihm bald jemand "nachlaufen" wird.

Und natürlich die traurige Geschichte vom Hannelörchen, die so gern " Meine Güte, drei Bonbons in einer Tüte" sagte. Nelly/Lilo singt der hochinfektiösen Kleinen, ungeachtet der Gefahr, auf dem Sterbebett vor, wie August beobachtet. Er ist sich sicher, dass das selbstlose schöne Mädchen einen "Schutzengel" hat. "Die Lilo" rezitiert für ihn Gedichte, unterrichtet ihn im Schreiben und isst mit ihm die Kartoffeln, die er für sie vom Feld gemopst hat. Sein Leben lang wird August dankbar dafür sein, "daß es in seinem Leben etwas gegeben hat, was er, wenn er es ausdrücken könnte, Glück nennen würde", wie es heißt, als der alte Mann in der Gegenwart, zurück in Berlin-Marzahn, wieder seine einsame Wohnung aufschließt.

August entstand im Juli 2011, also nur ein halbes Jahr vor Christa Wolfs Tod, als Geschenk an ihren Mann zum 60. Hochzeitstag. Für sich genommen, ist es die ungemein berührende Geschichte einer kurzen Kinderliebe vor dem Hintergrund von Kriegsende, Krankheit und Tod. Ein letztes Mal vermischen sich, wie so oft in Wolfs Texten, die Zeitebenen, meldet sich das Gestern im Heute zu Wort. "August (...) sieht alles vor sich, als wär's ein naher Film. Wo er doch sonst so vieles vergessen hat, weil es sich nicht lohnte, denkt er, es zu behalten."

Ihre ganze emotionale Wucht entfaltet die etwa 30-seitige Erzählung einer schon schwerkranken Autorin jedoch erst vor dem Hintergrund des Romans: Denn in Kindheitsmuster hatte die Erzählerin für den kleinen August nur einen einzigen Absatz übrig. Fast abfällig heißt es im Roman, er sei ein "plumper, vierschrötiger, schwerfälliger Junge" gewesen. Eifersüchtig habe er sich mit seinen "Hundeaugen" an Nelly geklammert und ihr noch nach ihrer Entlassung unbeholfene, fehlergespickte Briefe geschrieben.

Für die Ich-Erzählerin des Romans zeichnet sich jene Heranwachsende, die sie einmal war und die vom Verlust der Heimat (auch ihrer geistigen, des Nationalsozialismus) verstört ist, durch emotionale "Panzerung" aus. Vor dem Leid des Hannelörchens will Nelly erst davonlaufen; die anhängliche Liebe des kleinen August ist ihr nur lästig. Beim Abschied verspricht " die Lilo" dem Jungen, ihn nicht zu vergessen, erinnert sich der alt gewordene August in der Erzählung - angesichts des Romans muss man annehmen, dass er ihr erst Jahrzehnte später beim Schreiben ihrer Jugenderinnerungen wieder einfiel. Wirklich eingelöst hat "die Lilo" ihr Versprechen erst jetzt - mit einer ihrer schönsten Erzählung überhaupt.

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