Augen überall, Gedichte von Pia Juul, 2001, DVAAugen überall.
Gedichte von Pia Juul (2001, DVA - Übertragung Peter Urban-Halle).
Besprechung von Cornelia Jentzsch in der Frankfurter Rundschau, 25.10.2001:

Alle wollen zurück in die Gussform
Die dänische Dichterin Pia Juul hat ihre "Augen überall"

Die achtziger Jahre gelten in Dänemark, zumindest was die Lyrik betrifft, als Jahre des Aufbruchs. Eine überdurchschnittliche Anzahl von jungen Dichtern veröffentliche ihre Debüts, neue Schreibrichtungen deuteten sich an. Dieser Generation, zu der neben anderen auch die bereits auf deutsch erschienenen Pia Tafdrup und Søren Ulrik Thomsen zählen, sagt man nach, dass sie die medienverwöhnteste sei. Wie keiner zuvor verhalfen ihr Presse, Rundfunk und Fernsehen zum Durchbruch und zur Popularität. Der damals noch einzige Fernsehkanal des Landes wurde Anfang der 80er zum Forum der jungen Poesie, man konnte endlich auch Dichterporträts oder Lesungen im Fernsehen anschauen. Die Medien entdeckten die Lyrik als Marktlücke und holten sie aus ihrer subkulturellen Nische in das Scheinwerferlicht und stellten ihre Protagonisten vor die Mikrofone. Für das Genre entstand damit eine verfängliche Situation. Einerseits fanden die Dichter schnell Gehör und konnten die Erfolge einer für die Poesie ansonsten recht raren Öffentlichkeit genießen. Andererseits verlangt jede medial gestützte Öffentlichkeit ihren Preis, die in der Anpassung an die Gesetze eben dieser Öffentlichkeit liegen. Während dieses Lyrikbooms veröffentlichte auch 1962 geborene Pia Juul ihren ersten Band. Die Literaturkritik bemerkte angesichts ihrer Publikationen: "die wichtigste und kompetenteste jüngere Dichterin seit langem". Eine Auswahl aus ihren letzten beiden in Dänemark erschienenen Gedichtbänden En død mands nys (Das Niesen eines toten Mannes, 1993) und sagde jeg, siger jeg (Sagte ich, sage ich, 1999) ist jetzt auf deutsch in der Übersetzung von Peter Urban-Halle unter dem Titel Augen überall erschienen.

Auffällig an diesem Band ist, dass die meisten der Gedichte in einem klar umrissenen Raum spielen. Dieser als "Ich" bekannte Raum besitzt in Pia Juuls Poesie keine äußerlichen Merkmale, ist keiner bestimmten Person zuzuordnen, auch nicht unbedingt der der Autorin. Die entpersönlichte Hülle funktioniert wie ein Gedichtjoker, der für alle Figuren offen gelassen wird. Augen überall, der Titel des Bandes deutet darauf hin. Für die Autorin bedeutet dieses konturierte Areal ein Aktionsfeld, auf dem die Worte sich auskennen. Denn kurz dahinter beginnt bereits die Fremde: "Naß, kalt, überall stinkend / Wir glauben wir stünden / in Verbindung miteinander / daran ist nichts Wahres / Zufällig / stolpern wir über einen schönen Stein / und beugen uns gleichzeitig / über ihn".

Anders als in den sechziger oder siebziger Jahren, wo die Alltagspoesie den Mainstream formte oder die Sprache in experimenteller Art umgewendet wurde, wird in den achtziger Jahren der Körper als Rückzugsort des Individuums wiederentdeckt. Er funktioniert als Refugium, in dem man von keiner Gesellschaft zu irgend etwas verpflichtet werden kann, weder zur Opposition des Alltags noch zur Geste völliger Abkehr.

Der Körper bildet den Echoraum, dessen Resonanzart und Tonhöhen vom Dichter selbst erzeugt werden können. Dabei wird er keinesfalls als unberührter, heiler und ursprünglicher Therapieort missverstanden oder missbraucht. Die Kritik warf dieser Generation vor, sich nur noch mit sich selbst zu beschäftigen. Pia Juul meint dazu: "Wenn man in der modernen Literatur Ich sagt, heißt es nichts weiter, als dass es unbedingt mit einem selbst zu tun hat. In meinem Roman beispielsweise hätte ich Schwierigkeiten mit der Aufrichtigkeit, wenn ich mich der dritten Person bedienen müsste."

Sich in diese ausschließliche Perspektive des Ichs zu begeben, ist nicht ganz ungefährlich. Denn es erfordert eine ziemliche Kraftanstrengung, in diesem Kreisen um das Ich sich eines verführerischen Magneten zu erwehren: des Mittelpunktes. Jener verfängliche Ort, wo die unentwegte Spirale ihrem Stillstand zustrudelt. Pia Juul gelingt das nicht immer. Zu oft finden sich in ihren Gedichten Stellen wie: "Weißt du noch / wir erwachten in einer Blutlache / und wir nannten es / schön" oder "Ich hab schon bessere Tage gesehen / ich wurde auf dem Bahnhof vergessen / und schwebe nun zwischen Leben und Tod".

Es genügt nicht, mit Bildern zu spielen, um Bewegung zu erzeugen. Das Nachahmen von Bedeutsamkeiten verringert sich nur zu Mimikry und rauscht über die Oberfläche. Die Gedichte wiederholen an diesen Stellen unfreiwilligerweise genau das, was die Medienmasse permanent vorexerziert. Der Gehalt solcher Verse bleibt beiläufig, obwohl er die Beiläufigkeit der Welt gerade verurteilen will: "Der König verkündet ein Todesurteil / und fragt was es zum Nachtisch gibt / Von Tagen satt fall ich um / Das gleiche Geräusch macht die Tür / wenn andre verlassen werden". Die Versbrechungen im Spiegelkabinett der Gedichte machen den Leser schwindelig, wenn sie übersteigert werden. Die Worte verlieren sich in einer Ferne, wo sie nicht mehr zu deuten sind, sondern nur noch als Licht- und Schattenspiel flimmern - die moderne, fragmentierte Außenwelt scheint endgültig draußen zu sein. Und das Innen vermag paradoxerweise in solchen Momenten nicht mehr als nur dieses Abwesende zu widerspiegeln - nicht als schmerzhaften Verlust, sondern nur als desinteressierende Leere.

Es wäre aber ungerecht, dem Band einzig seine zeittypisch colorierten Schwächen nachsagen zu wollen. Seine Stärken liegen unter anderem dort, wo Pia Juul die Innen- mit der Außenwelt auf eine raffinierte Weise verkreuzt und Vers für Vers die Perspektive beider Orte so geschickt austauscht, dass es der Leser erst nach einer Weile bemerkt. Oder wenn sie unerwartet bissig ironisch wird und die Verschwendung des Urins betrauert, der doch statt im Becken zu landen ätzend sauer ins Schwarze und auf Ruf und Ehre so mancher Zeitgenossen treffen könnte.

Es ist nur manchmal mit Gedichten ein schwierig Ding. Weil es nicht anders als mit dem Leben ist: "Verzweifelt flattert sie mit den / Armen / als ob es jemand gelänge / mit so kargen Mitteln zu fliegen". Dabei ist alles eigentlich ganz einfach, denn "Alle wollen zurück / in die Gußform", wie es auf einer anderen Seite heißt. "Man kann nicht umhin / sich nach früher zu sehnen / - als Jungs noch Jungs warn; / als richtige Mädels auch Jungs warn / und Puck kein Poltergeist mehr / Als der Fuchs Fuchs hieß / und der Hund Hund war / und die Stadt eine Stadt / und ein Großteil von uns / noch gar nicht geboren."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

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