Aufzeichnungen eines Psychopathen von Wenedikt Jerofejew, 2004, TropenAufzeichnungen eines Psychopathen.
Roman von Wenedikt Jerofejew (2004, Tropen-Verlag - Übertragung Thomas Reschke).
Besprechung von Ilma Rakusa in Neue Züricher Zeitung vom 29.06.2004:

Von der Unrentabilität des poetischen Denkens etc.
Wenedikt Jerofejews „Aufzeichnungen eines Psychopathen“

Keiner wie er hat so reichlich für Legenden und Mythen gesorgt: Wenedikt Jerofejew, geboren 1938 im russischen Norden, aufgewachsen im Kinderheim (während sein Vater im Gulag sass), vom Studium mehrfach „wegen moralischer Zersetzung“ relegiert; Heizer, Kabelverleger, Leerguthändler, Hilfsarbeiter und begnadeter Säufer; Verfasser der orgiastischen Satire „Die Reise nach Petuschki“, die ihm Weltruhm bescherte, sowie einer satirischen „Kleinen Leniniana“ und des sozialkritischen Theaterstücks „Walpurgisnacht oder die Schritte des Komturs“; gestorben 1990 in Moskau an Kehlkopfkrebs. Zur verifizierbaren literarischen Hinterlassenschaft des Lebenskünstlers und Kultautors „Wenitschka“ gehörten 2500 Seiten Notiz- bzw. Tagebücher und mehrere Fragment gebliebene Texte, während der angeblich verloren gegangene Roman „Schostakowitsch“, bis dato unauffindbar, wohl nie existiert haben dürfte. Doch hat Jerofejew seinen Lesern noch ein weiteres Geschenk vermacht: eingelagert bei Freund Wladimir Murawjow fanden sich seine 1956 bis 1957 entstandenen „Aufzeichnungen eines Psychopathen“, jenes Erstlingswerk, das bereits den ganzen Jerofejew vorwegnimmt.

Der Titel gemahnt unverhohlen an Gogols „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“, wo ein kleiner Beamter sich als König von Spanien imaginiert, am Schluss jedoch, hilflos und verzweifelt, bei der leiblichen Mutter Zuflucht sucht. Grössenwahn und Schwermut grundieren auch Jerofejews Text, mehr noch das gogoleske Groteske, das seinen Gegenpart in religiöser Sinnsuche hat. Aber das Spektrum dieser fünfteiligen Aufzeichnungen ist weiter, reicht vom Existenziellen zum Politischen, vom Alltäglich-Banalen zum Allegorischen, von den erbärmlichen Niederungen des Seins zu den deliranten Höhen des Rauschs, den flirrenden Gegenden exzentrischer Anomalie. Der (behauptete) Wahnsinn erweist sich dabei als fintenreich: er gibt dem Sonderling Narrenfreiheit und dem Schriftsteller poetische Lizenz.

Jerofejew übt sich im fröhlichen Tabubruch ebenso wie im Ausreizen des Paradoxes: selbstanklägerische Ichergüsse (in Sachen Trinken, faulem Herumliegen usw.) kontrastieren mit scharfen Invektiven gegen die sogenannten Hüter von Ordnung und Normalität, penible Alltagsprotokolle mit Reihen von Bibelzitaten, die beklemmende politische Allegorie eines Vogelimperiums (mit „Tauwetter“-Periode und einem Bergadler-Führer, der „vor dem Wort Militarisierung die Vorsilben ‘re’ und ‘de’ verwechselt“) mit absurden Minidramen à la Daniil Charms, eine „Theorie der Wochentage“ mit einer „Liste der freien Gedanken“. Was sich als säuberlich datiertes Tagebuch ausgibt, besteht in Wirklichkeit aus einem bunten Gemisch von Selbstgesprächen, Erzählungen, Notaten und dokumentarischen Skizzen, von echten oder fingierten Bekenntnissen Dritter, von phantastischen Visionen (u.a. des eigenen Todes) und skurrilen bis anrührenden Reflexionen über Liebe, Glück, Sinn und Sinnlosigkeit. Kaum zu beschreiben, über wieviele rhetorische Register Jerofejews „Psychopath“ verfügt: es wird hysterisch gelacht („hä-hä-hä“, „hia-hia-hia“, „hi-hi-hi“), vulgär geschimpft und elegisch gejammert, der delirante Furor bedient sich der Hyperbel, um rasend komische Szenen zu entwerfen, und gerät die Sinnkohärenz ins Wanken und der Wortfluss ins Stocken, regiert die Lakonie von Sätzen wie: „...aber ich will ja nicht, dass ich will...“ oder „Geht das denn - zu zweit allein?“

Jenseits aller provokativen Blödeleien sind die „Aufzeichnungen eines Psychpathen“ ein zutiefst ernstes, kluges und vielseitiges Werk, das nicht nur über eine singuläre Befindlichkeit, sondern indirekt über den Zustand der (damaligen) sowjetischen Gesellschaft und über die Welt im allgemeinen Auskunft gibt, freilich aus betont unorthodoxer Sicht. Dem Pathos offiziell proklamierter Prosperität stellt Jerofejew in Gestalt seines Icherzählers ein luzides Scheitern entgegen, dessen Tragikomik berührt. Die stärksten Textstellen sind dabei wohl nicht die räsonierenden, sondern die deskriptiven. Eintragung vom 15.-16. Februar 1957: „Der Bahnhofsfussboden lässt das Rückgrat vereisen. (...) Die Augen sehen keine gebratenen Buletten und keine weiblichen Reize. Sie sehen banale Heizkörper.“ Oder sie sehnen sich nach dem „Eingeschlafenwerden“, dem seligen Moment des „Verlusts der Empfindungen“.

Ist denn die Realität so arg, dass sie der verkehrten Welt von Rausch und Wahnsinn weichen muss? Irgendwo fallen die Worte „Sumpf“ und „Zukunftslosigkeit“, doch wird aus dem Alkoholismus des Helden nicht eine Parabel gesellschaftlicher Zerrüttung konstruiert. (Dieses Kunststück gelingt Jerofejew fünfzehn Jahre später in seiner „Reise nach Petuschki“.) Statt simplen Kausalitäten huldigt das Tagebuch einer ironisch-verzweifelten Moral (und Ästhetik) des Andersseins. Exemplarisch der unter dem 22. August 1957 resümierte verrückte Tagesablauf von W.J.: das Frühstück, bestehend aus 500 Gramm Shiguljowskoje-Bier, 250 Gramm Schwarzbrot und zwei Papirossy findet abends beim Eindunkeln statt, begleitet vom Nachdenken über Regierungsformen. Es folgen, über die zum Tag gemachte Nacht verteilt, Fremdsprachenunterricht, Flanieren, Bier- und Wodkakonsum, literarisches Schaffen und „Eindringen in das Dickicht meiner Weltanschauung“, ein bescheidenes Mittagessen und ein diätetisches Abendessen („mit Brustserviette und Wattepropfen in den Ohren“), dann die Vorbereitungen zum Schlaf: „In straffer Haltung vor dem Bett Aufstellung nehmen und mit heller Stimme ein Wiegenlied von Mozart singen... So hinlegen, dass der Hinterkopf, die Beine, der Bauch und das Nervensystem nach oben gekehrt sind und alles andere nach unten (freitags können auch die Beine nach unten gekehrt sein).“
Wer es noch nicht ahnt: die euphorisch-melancholischen Grenzgänge des Antihelden Wenedikt Jerofejew halten wundersame Überraschungen bereit.

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