Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus.
Aufzeichnungen von Christine Lavant (1946/2001, Otto Müller Verlag, hrsg. Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider).
Besprechung von Sabine Franke in der Frankfurter Rundschau, 15.8.2002:

Gott verliert eine Spielerin
Aufzeichnungen der mysteriösen Christine Lavant

Die Dichterin Christine Lavant zählt zu den faszinierendsten und zugleich unbekanntesten großen Namen in der deutschsprachigen Literatur. 1915 als neuntes Kind in eine Bergarbeiterfamilie geboren, wuchs sie im Kärntner Lavanttal auf, das sie Zeit ihres Lebens kaum verlassen hat. Materielles Elend und ein von qualvollen Krankheiten gezeichneter Körper sorgten für ein Klima des Ausgeschlossenseins, das so endgültig schien, dass sie sich bereits früh darin einrichtete. Die intensive Suche nach menschlichem Zuspruch, angstvolle Todessehnsucht und verzweifelte Hoffnung auf göttliche Tröstung zeichnen sich als Konstanten ihrer hochangespannten Existenz ab. Es entstand ein Werk, dessen eigenartige Bilderwelt und gedankliche Tiefe so außergewöhnlich ist, dass Ludwig von Ficker, der ehemalige Mentor Georg Trakls, überzeugt davon war, zum zweiten Mal in seinem Leben einem Genie begegnet zu sein.

Die ungewöhnlich zurückgezogen lebende Künstlerin, die mit Strickarbeiten Geld verdiente und der das Dichten nach eigenen Aussagen "peinlich" war, erhielt nach ersten Veröffentlichungen bald die wichtigsten österreichischen Literaturpreise, zudem fand sie Kontakt zu anderen Dichtern wie Thomas Bernhard, Christine Busta, Paul Celan und Hilde Domin. An letztere schrieb sie 1966 jedoch: "Mir graut es vor meinen Gedichten und eigentlich vor aller Kunst. Sie passt nicht zu mir, war ein unbegreifliches Zwischenspiel". Dies war keine Attitüde, denn Christine Lavant war tatsächlich künstlerisch verstummt. Sie starb 1973 und hinterließ, neben einer umfangreichen Briefkorrespondenz, ein Lyrik- und Prosawerk, das im Salzburger Otto Müller Verlag veröffentlicht wird. Dort ist nun mit Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus ein Text erschienen, an dessen Existenz bis vor kurzem niemand mehr geglaubt hat.

"Das ist der erste Fall in meiner Praxis, der aus eigenem Antrieb zu uns gekommen ist" - so stellt der Oberarzt von Abteilung Zwei, der Beobachtungsstation für die "Leichteren", die neue Patientin vor. Ihre private Sorge ist es, als verrückt genug zu gelten, dass die Heimatgemeinde für die "Kur" aufkommt, zugleich aber das Privileg, das ihr als "Freiwilliger" in der Anstalt zugestanden wurde, nämlich die Erlaubnis zu schreiben, nicht zu verwirken. Sie hat einen schwierigen Stand, finden sich doch in der Klinik auch Hierarchien, die ein Oben und Unten, ein potentielles Dazugehören oder Ausgestoßensein mit sich bringen. Viel mehr noch als draußen scheint es in dieser abgeschlossenen Welt auf das richtige Verhalten anzukommen und ein falsches Kopfnicken, eine zu oberflächlich bedachte Reaktion kann die Zuteilung des Sonderkaffees durch die Schwester oder die ersehnte Anerkennung der "buckligen Königin", der Führerin der Wahnsinnigen, kosten. Auch hier wird der verrückte Tanz einer Kranken eher geschätzt als der hässliche Weinkrampf, wo den Patientinnen doch beides von derselben fürchterlichen Kraft eingegeben scheint. An dieser unerklärlichen, geradezu spirituellen Kraft scheidet sich der kranke Geist vom gesunden. Die Neue erkennt schnell, dass sie dem Wahn nicht anheim gefallen ist und folglich auch hier nicht dazugehört.

Die Patientin, die mit scharfer Beobachtungsgabe Aufzeichnungen über ihren sechswöchigen Aufenthalt macht, leidet an Erschöpfung, Schlaflosigkeit und hat, wie bald deutlich wird, einen missglückten Selbstmordversuch hinter sich. Mit der Bestimmtheit einer Mörderin ist sie angetreten, den Auftrag einer "abgründigen und hoffnungslosen" Liebe zu erfüllen: "Es muss sich herausstellen, wie weit Geliebte in Sicherheit und Unberührbarkeit leben, wie groß die Vorhöfe ihres Herzens sind, darin sich das Drama der Einlassbegehrenden abspielt, immer wieder, immer wieder." Die Schreibende gehört nicht zu den emotional Leichtgewichtigen, sie fordert Tribut für ihre Liebesmühe. Da sie leer ausgeht, kann sie das menschliche Leben bloß noch für ein unseriöses Spiel Gottes halten, dem es sich zu widersetzen gilt. "Gott hat sicher nichts dagegen, einen Spieler zu verlieren, wo ihm noch genug Rasende zur Verfügung stehen, die es besser und echter können."

Die Dinge nicht spielerisch, sondern mit unbeirrbarer Konsequenz genau zu nehmen, dies ist eine andere, spezielle Art von Verrücktheit, die den Leidenden zum Künstler prädestiniert. Die Schreibende beweist mit den Aufzeichnungen, dass sie das Wesentliche nicht nur zu sehen, sondern es auch auf eindrückliche Weise literarisch festzuhalten vermag. Zu lesen ist der Bericht einer Wegsuche, die mit unprätentiöser Klarheit fixiert wird. Dass dabei Wunder zu verzeichnen und Engel immerhin eine gedankliche Möglichkeit sind, ist angesichts der religiösen und auch literarischen Prägung der Autorin nicht verwunderlich. Der Kommentar, bemüht, den Text außerbiographisch zu verorten, vergisst bei der Eruierung möglicher Vorläufertexte leider Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (stattdessen wird in vorauseilendem Gehorsam über Lavants Einstellung zur Euthanasie gemutmaßt). Dabei steht Lavant am selben Punkt wie Malte, der schließlich auch "furchtbar schwer zu lieben" war und "fühlte, dass nur Einer dazu imstande sei. Der aber wollte noch nicht". Zugleich lässt sich hier das künstlerische Problem Lavants ablesen. Der Plan, die Aufzeichnungen unter dem Titel "Das Ziel der Verdammnis" weiter zu führen, auf einen "frommen Schluss" hin, wie ihn einst ein interessierter Verleger gewünscht hatte, war ihr unmöglich: "Ich kann ja nichts Unwirkliches schreiben und müsste also vorher die Hölle hinter mich gebracht haben und dem Ziel irgendwie nahe sein . . . Man müsste irgendwie so von der Gnade getroffen werden, dass man in der innersten Substanz verändert wäre zum Guten hin."

Den 1946 entstandenen Text, der auf einen 1935 tatsächlich erfolgten sechswöchigen Aufenthalt der jungen Christine Lavant in der "Landes-Irrenanstalt" nach einem Selbstmordversuch zurückgeht, ließ diese in den 50er Jahren von der Bildfläche verschwinden, weil sie ihn für zu persönlich für eine Publikation hielt. Immerhin war in London von Nora Purtscher-Wydenbruck bereits eine Übersetzung ins Englische angefertigt worden, und so konnte nun aus deren Nachlass das bislang für verschollen gehaltene 37-seitige Manuskript geborgen werden. Die Herausgeberinnen informieren in einem materialreichen Nachwort (unter dem unkommentierten Titel Out of Biography) über Geschichte und Hintergründe der Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus. Wenn der der Verlag den kurzen Text durch einen optisch nicht gerade ansprechenden Riesensatz auf ganze 112 Seiten gestreckt hat, so kann dies die Freude darüber nicht trüben, dass hier ein hochinteressantes Stück Literatur der Vergessenheit entrissen wurde.

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