Aufzeichnungen 1973-84 von Elias Canetti, 1999, Hanser1.) - 2.)

Aufzeichnungen 1973-1984.
Aufzeichnungen von Elias Canetti (1999, Hanser).
Besprechung von Susanna Engelmann aus Rezensionen-online *LuK*:

"So denken, als hätte man noch nie gedacht"
Elias Canettis Aufzeichnungen 1973-1984

Bissig und besonnen, geht das zusammen?«

Es ist wohl nicht zuletzt das eigene Schreiben, das der siebzigjährige Elias Canetti im Sinn hat, als er diesen Satz zu Papier bringt. Vermutlich mit einem jener legendären Bleistifte, die stets peinlich gespitzt wie ein Arsenal von Speeren auf seinem Schreibtisch liegen, notiert er ihn in einem jener zu Hunderten sich häufenden kleinen Hefte, in denen er seit Jahrzehnten all das festhält, was ihm an Einfällen zugeflogen kommt. Bissig und besonnen – in diesen Eigenschaften liegt nicht wenig vom Canettischen Selbstbild als Autor beschlossen. Und so ist die Frage, ob das überhaupt zusammengehe: bissig und besonnen, auch eine radikale Anfrage an die Maßstäbe seines eigenen Schreibens. Daß es zusammengeht, das aber zeigt sein Werk. Und kein anderer Teil seines Werks zeigt es so eindrucksvoll wie eben jene Einfälle, die er schlicht Aufzeichnungen nennt.

Eigentlich war ihre Veröffentlichung gar nicht vorgesehen. Entstanden sind sie im Kriegsjahr 1942, im englischen Exil, und zwar als Ventil gegen den Druck der nahezu ausschließlichen Konzentration auf das Opus magnum »Masse und Macht«. Eine Übung der Freiheit sollten sie sein, frei von jeglichem Zwang und Zweck, frei auch von jeglichem Zugriff durch Leser. Doch spätestens mit dem Erscheinen von »Masse und Macht« im Jahre 1960 verlieren die Aufzeichnungen ihren Ventilcharakter und gewinnen ihr eigenes Recht. 1965 gibt Canetti eine erste Auswahl heraus, weitere Bände mit Aufzeichnungen folgen. Zu Lebzeiten Canettis sind es »Die Provinz des Menschen«, »Das Geheimherz der Uhr« und »Die Fliegenpein«, postum erscheinen die von ihm selbst noch fertiggestellten »Nachträge aus Hampstead« und die nach seinem Manuskript von der Tochter Johanna herausgegebenen »Aufzeichnungen 1992–1993«. Fünf Jahre nach Canettis Tod hat der Hanser Verlag nun einen weiteren Band des Aufzeichnungswerks vorgelegt: die – wiederum nach dem Manuskript des Vaters von Johanna Canetti edierten – »Aufzeichnungen 1973–1984«.

Es handelt sich um Canettis zweite Lese seiner Aufzeichnungen aus diesem Zeitraum – eine erste hatte 1987 das »Geheimherz der Uhr« hervorgebracht. Ein second flush, wenn man so will, wobei die Assoziation aus dem Bereich der Teegewinnung – der rituelle Teetrinker Canetti hätte sie vielleicht verziehen – insofern zu revidieren wäre, als es, streng genommen, nicht die zweite Pflückung der Teeblätter, sondern die zweite Sortierung des bereits gepflückten Blattbestands ist, die ins Bild paßt. Denn die aphoristische Ernte der Aufzeichnungen – lose Blätter eben, darunter viele kleine Blattknospen und feinste Blatttriebe –, sie ist ja längst eingebracht und gelagert, wenn ihr Autor sich daran macht, eine Auswahl zu treffen. War es der Achtzigjährige, der mit dem »Geheimherz der Uhr« die erste Lese vorgenommen hatte, so hat die nun erschienene Nachlese der Endachtziger gehalten. Es ist ein schmales Bändchen geworden. Nur den halben Umfang seines Zwillingsbandes mißt es. Und wiegt doch um nichts weniger als jener.

»Es hat dich kein Thema verlassen«, notiert Canetti 1984, und tatsächlich trifft man sie hier alle wieder, die großen Themen, die sein Werk durchziehen: Sprache und Literatur, Religion und Mythos, Glaube und Denken, Masse und Macht, um nur einige zu nennen. Und vor und über allem: den Tod, dessen Ächtung er mit alter Leidenschaft und inzwischen neuen Mitteln betreibt: »Der Alte beißt mit Jahren statt mit Zähnen.« (Also doch: Bissig und besonnen – hier geht es zusammen.) All diese Themen umkreist Canetti in den Aufzeichnungen in immer neuen Ansätzen, aphoristischen An-Sätzen. Er folgt darin dem eigenen Imperativ eines offenen, sich nie ganz schließenden Denkens – und formuliert ihn hier noch einmal neu: »So denken, als hätte man noch nie gedacht. Das Ungebärdige des Anfangs, ich kann nicht darauf verzichten.«

Die Jahre zwischen 1973 und 1984 sind für Canetti eine Zeit der privaten Veränderung und des literarischen Erfolgs. 1973 – da ist der 68jährige seit zwei Jahren zum zweiten Mal verheiratet und seit einem Jahr erstmals Vater, da erscheint die »Provinz des Menschen« und wird mit viel Aufmerksamkeit und Lob bedacht, und da beginnt die Arbeit an der eigenen Lebensgeschichte. Deren Abschluß markiert das Jahr 1984. In der Zwischenzeit nimmt Canetti eine Vielzahl von Auszeichnungen und Ehrungen entgegen, darunter 1981 den Nobelpreis für Literatur. All das kommt in den veröffentlichten Aufzeichnungen dieses Zeitraums nicht explizit zur Sprache. Es kommt zwar vor, doch anders als im intimen Tagebuch (das Canetti denn auch gesondert führt) erscheint es in einer weitgehend entpersönlichten Form, die dem Autor Zuflucht und dem Leser Zutritt ermöglicht. »So sind die Aufzeichnungen zu einer Form geworden«, schreibt Canetti 1975. »Es ist kein Ende ihrer Fassenskraft. Alles, was darin fehlt, ist wichtig. Der Leser bringt sich selbst als Ergänzung.«

Das Spiel mit dem Nichtgesagten, von dem der knappe aphoristische Text mehr als jeder andere Prosatext lebt, ist bei Canetti nicht auf zündende Effekte angelegt. Darin grenzt er sich deutlich ab von Karl Kraus, seinem Idol der frühen Jahre, von dem er in einer späten Aufzeichnung sagt: »Manchmal denke ich – heute noch –, daß Karl Kraus mich zerstört hat.« Im Unterschied zu Kraus’ Aphorismen setzen Canettis Aufzeichnungen weder auf polemische Rhetorik noch auf sprachliche Virtuosität. Ihre Sprache ist einfach, gleichwohl erschließen sie sich nur langsam. Neben allgemeinen Einsichten verzeichnet Canetti Gedanken sehr verschiedener Art und Form: Mehrsätziges, Einsätziges und Ein-Wort-Aphorismen – wie: »Mitleidsprotz«; Lesefrüchte – wie das Pythagoras-Zitat: »Ursprung der Erdbeben… eine Zusammenkunft der Toten«, Porträtskizzen von Schriftstellern – wie: »Arno Schmidt gestorben. Aus Eigensinn?« oder: »Das stöhnende Flußpferd Flaubert«; Beobachtungen anderer – wie: »Seine Seinsseligkeiten«, und, vielleicht mehr denn je und offener denn je, Beobachtungen seiner selbst.

Das in den Jahren zwischen 1973 und 1984 entstehende autobiographische Werk bescherte seinem Autor Ruhm und Kritik zugleich. Zahlreiche Aufzeichnungen reflektieren denn auch Entstehung und Wirkung der Lebensgeschichte. »Von deinem Leben darfst du mitteilen, was du willst«, ermutigt sich Canetti 1984. »Es braucht weder komplett noch geeicht (zu) sein.« Und so, wie er hier womöglich auf diejenigen Kritiker reagiert, die bemängeln, was alles in der Lebensgeschichte nicht erzählt wird, hat er dort vielleicht jene im Sinn, die dem unangefochten erzählenden Ich der Lebensgeschichte ein skandalös antiquiertes Selbstbewußtsein vorwerfen: »Energie des Erzählens, ich kann ohne sie nicht sein. Ich bin ein wirklicher Erzähler und kein moderner.« Doch gerade in den späten Aufzeichnungen kommt neben dem selbstbewußten auch der selbstkritische Canetti ausgiebig zu Wort. Der prüft immer wieder, ob das Alter seine Tod-Feindschaft nicht doch entschärft, »ob der Tod für den, der ein Kind heranwachsen sieht, verblaßt… ob das Zeugen von neuen Menschen genügt, um den Tod zu umgehen«. Und wenn er bekennt: »Ich glaube noch immer nicht, daß ich sterben muß«, um sogleich fortzufahren, »aber ich weiß es«, dann hat diese paradoxe Klärung für ihn vor allem eine ganz praktische Konsequenz: »Fang endlich an, die Fragen zu stellen, die du nie beantworten wirst. Du hast sie zu lange gemieden.«

1984 notiert Canetti: »Jedes Jahrhundert ist einem mehr geheuer als dieses. Ist es das letzte?« Gewiß hätte er viel darum gegeben, das 20. Jahrhundert, dem er mit seinem Jahrhundertwerk »Masse und Macht« erklärtermaßen an die Gurgel wollte, persönlich zu verabschieden. Wer weiß, womöglich gelingt es ihm ja noch. Wie sich diese Auferstehung vollziehen könnte, das verrät eine jener koboldhaft-grotesken Aufzeichnungen, in denen sich (der bissige) Canetti in bester Lichtenbergscher Tradition des aphoristischen Verfahrens der Umkehrung bedient: »Er hieb seinen Sarg in Stücke und jagte die Leidtragenden beißend in die Flucht.« Vielleicht aber begnügt sich (der besonnene) Canetti ja auch mit seiner literarischen Präsenz zum Jahrhundertausgang. 51 Jahre und sechs Bände umfassen sie nun, seine Aufzeichnungen. Ein Jahrhundertwerk ganz anderer Art: das Jahrhundert in der Nußschale, in Abertausenden von Nußschalen.

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Aufzeichnungen 1973-84 von Elias Canetti, 1999, Hanser2.)

Aufzeichnungen 1973-1984.
Aufzeichnungen von Elias Canetti (1999, Hanser).
Besprechung von Martin Meyer in Neue Zürcher Zeitung:

Demut und Stolz der Fussnote
Aus dem Nachlass: Elias Canettis «Aufzeichnungen 1973–1984»

Es gibt Dichter, die sich verbergen. Alles Persönliche, alles Biographische ist ihnen Schweigen. Bekenner mögen sie gleichwohl sein, doch soll ihr Wort ins Allgemeine gehen – ohne die Schleifen der Anekdote. So hätten sie den reinen Text geschaffen, ein Zeugnis der Unbelangbarkeit. – Ganz anders aber Elias Canetti. Zeit seines Lebens ein Auto dieser Vita. Ein machtvoller Erzähler, getrieben und aufgestachelt von den Ereignissen: manchmal rücksichtslos gegen sich selbst, oft genug abweisend gegen andere. Hier hochmütig – ein Mann des polemischen Eigensinns, des stehenden Urteils. Dort wieder bescheiden – oder allzu modest? Der Ankläger eigener Verfehlungen, im Missverhältnis zwischen Anspruch und Gelingen. Que peut un homme?

Es erstaunt nicht, dass diese Frage den Wiedergänger im Werk des berühmten Schriftstellers spielt. Auch Canettis Aufzeichnungen von 1973 bis 1984 variieren sie. Was habe ich vermocht? Wo bin ich, vielleicht, gescheitert? Daraus sich ein Rechnen und Messen ergibt, das freilich stets noch den Zustand der Welt bedenkt. Als Grundsatz soll gelten, Gott ist tot. Das höchste Wesen, ein Chimäre der Einbildungskraft. Um so mehr aber bedrängen den Diaristen die Realitäten des Daseins, und weder Hegel noch Nietzsche, weder Sartre noch Freud können ihm helfen. Im Gegenteil, solche Geister – der bodenlosen Aufklärung? – lösen ihm einen seltsamen Ekel aus.

Gott ist tot. Doch mit einer Art von Trotz und Aufbegehren: «Gott, wie hast du deine Schöpfung ausgehalten?» Ein schiefer Einwurf – wenn man ihm auch nur einen Rest von Theologie unterstellte. Indessen spricht Canetti im Grunde – und nicht bloss da – zu sich selbst, und dies ist es, was ihn so sehr bekümmert: wie er all das Widersinnige und Nichtige der «Schöpfung» bestehen könnte. Weder überzeugen ihn die philosophischen Systeme – die er verachtet –, noch retten ihn die grossen Begriffe – denen er misstraut.

Was bleibt? Schwer zu sagen. Zur Kenntlichkeit gelangt zunächst der alte, der uralte Gegner und Widersacher des Poeten. Es ist der Tod. Keinem anderen Thema widmet Elias Canetti soviel abwehrende und vom Hass erfüllte Energie. Der Tod, das bedeutet den Un-Sinn schlechthin. Der Tod, das impliziert die Vergeblichkeit von allem und jedem. «Vom Tod bist du mehr als je besessen.» Gewiss. Doch wären jene bereits zurechtgewiesen, die darin eine etwas kuriose Obsession und idée fixe erkennten. «Warum erweckt es solchen Hass bei Menschen, wenn ich den Tod attackiere? Sind sie zu seinen Verteidigern bestellt? Wissen sie so sehr um ihre mörderische Natur, dass sie sich selbst angegriffen fühlen, wenn ich den Tod attackiere?» – Eine gar schlichte Gleichung.

Denn das Gespräch mit dem Feind – das als metaphysischer Disput für die Öffentlichkeit geführt sein soll: mit dem Pathos auch der literarischen Rhetorik – ist in erster Linie ein Selbstgespräch. Es ist ein Monolog ohne Ende, dessen finstere Melodie Canettis Werk begleitet, schattiert und dabei in Zweifel zieht. Ein Schriftsteller vor seinem Spiegel – der bösartig den Verdacht reflektiert, dass alles vergeblich sein könnte; noch die dem Leben hartnäckig abgerungene Autorschaft zuletzt ein Nichts.

Im Jahr 1980, kurz vor der Verleihung des Nobelpreises, heisst es: «Der Doppel-Vorwurf des Idioten: dass du lange, bis ins Alter, unbekannt warst; dass du jetzt, im Alter, bekannt bist.» Und dann: «Mein Vorwurf gegen mich wäre einfacher: dass das Buch gegen den Tod noch nicht besteht. Das wäre ein sehr starker, vielleicht ein vernichtender Vorwurf.» – Da, unter solchen Prämissen, darf er sich wahrhaftig als Sisyphus fühlen, dem das Buch nicht gelingen will. Allein, das Gefühl duldet keine weitere Erkenntnis – worauf er wieder über seine Bestimmungen ruminieren kann. Zum Beispiel so: «Selbstliebe und Todesliebe. Ihr Zusammenhang bleibt zu untersuchen.» Es bleibt beim Vorsatz.

Aber Selbstliebe, das trifft es schon. Eine Erotik im Umgang mit dem Ich, deren Mischung aus Skrupel und Überheblichkeit wohl einfach zu Canetti gehört. Dieses Leben in seinen äusseren und inneren Gefährdungen, in seinen Berührungen und Aggressionen soll trotz manchem ein Kunstwerk sein. Und diese Biographie eines unentwegten Lesers und Beobachters, eines zugleich naiven und raffinierten Kritikers soll ihre Singularität jedermann offenbaren. Sein Leben: geleistet gegen die Katastrophen der Geschichte; gegen die Macht der Vernichtung; auch gegen eine gewisse Konkurrenz.

Was Elias Canetti zu Wagner notiert oder zu Platon, wie er Dostojewski streift oder Freud, das hat den Eifer – nicht immer den Scharfblick – des Zorns. Wenn Canetti die «moderne Literatur» beurteilt, fällt ihm – dem Epiker gegen das Fragmentarische der Kunst – deren «Zerstörtheitsstil» auf. «Musil wird noch dasein, wenn über Thomas Mann gegähnt wird.» Und also auch diese Glosse kaum ein Muster von Geschmack. Die Polemik ist da und dort zu greifen; wobei es ihr wohl mehr auf den vitalen Gestus ankommt als auf das Niveau der Reflexion. – Mein Leben: wider die Gegenwart, wider die Gegenwärtigkeit des Anderen – als ob fast jeder andere ausersehen wäre, das fragile, sensible und ungesicherte Ich in dessen Existenz zu hinterfragen; im schlimmsten Falle: auszulöschen.

Nein, des Dichters «Aufzeichnungen» haben wenig Glanz. Der «Patriot des Lebens» – wie er sich selber nennt – erscheint hier, man muss es sagen: vornehmlich als ein gequälter Geist. Selten Heiterkeit; niemals Ironie. «Alles bei mir ist furchtbar ernst, und frei bin ich nur in der Übertreibung.» So ist's. – Schliesslich, das Verhältnis von Denken und Stil. Sätze und Sätze, die sich ineinander verschlingen; den Rhythmus zusammenpressen; das Gedachte verengen. «Durch Lob entstehen die Dinge und vergehen in Flüchen.» Nun ja. Dann, ohne die Absicht des Aphorismus: «In der Geschichte meiner Jugend ist mir sehr wichtig, wie sie sich mit Mythen erfüllt. Es sind nicht wenige und alle hatten ihre unheimliche Kraft und bestanden immer weiter nebeneinander. Keiner von ihnen verändert seine Gestalt, sie durchdringen einander nicht. Sie bleiben sie selbst, aber sie sind alle zugleich da.» – Das wird es wohl gewesen sein.

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