Auf überwachsenen Pfaden.
Biografie von Knut Hamsun (2002, List - Übertragung Alken Bruns).
Besprechung von Rüdiger Wartusch in der Frankfurter Rundschau, 19.10.2002:

Alles schwimmt auf dem Tablett
Biographische Prosa aus der Haft - Knut Hamsun, noch einmal taub und unschuldig

Er trägt es mit Fassung: "Es wird ein bisschen einsam, aber ich bin Einsamkeit gewohnt, zu Hause reden sie auch nicht mit mir, weil ich so taub und anstrengend bin". Auch die Sehkraft lässt nach, was schlimmer ist als Taubheit; aber die Hoffnung besteht, "noch viele Jahre Gehsicht zu haben". Mal blickt er stolz auf Jüngere, die er überlebt hat, mal rechnet er sich selbst unter die Toten, mal dominieren Ansätze von Hoffnung und Hoffart: "auch der Grandiose fällt".

Der das schreibt, in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Jahren danach, ist ein Mann Mitte Achtzig, mithin "ein Mann in den besten Jahren". Knut Hamsun (1859-1952), der 1920 den Nobelpreis für Literatur für sich verbuchen konnte, ist vielleicht Norwegens bekanntester Autor vor Jostein Gaarder, ganz sicher aber nicht der Unumstrittenste seines Landes. Er schreibt, angeklagt der Kollaboration mit den deutschen Besatzern, in der Gefangenschaft - über sich, seinen Prozess und seinen Alltag. Vor allem über den.

Wenn er etwa mit Stolz zu Papier bringt, er habe neue Galoschen bekommen, wenn er seine Unvertrautheit mit einem Flugzeug kund tut, dann hat das etwas unzweifelhaft Rührendes. Und auch wenn er vom Rauchen spricht, gibt er sich ganz unverfänglich: "Aber eines Tages habe ich keine Zigarren mehr, was dann? Dann höre ich auf zu rauchen, ja, ich höre auf. Das habe ich schon dreimal getan, jedesmal für ein Jahr, von Datum zu Datum. Ich will soweit Herr meiner selbst sein, dass ich aufhören kann. Gut. Aber ich fange ja wieder an, wozu dient denn dann das Ganze? Ich will soweit Herr meiner selbst sein, dass ich auch wieder anfangen kann." Beschaulich klingt das, irgendwie kommod und nicht einmal unsympathisch

Doch gelegentlich - und wenn man genauer hinschaut, fast ständig - schwingen Bedeutungsebenen mit, die eine metaphorische Lesart nahelegen. Über einen Spaziergang etwa heißt es: "Aber hier treffe ich auf einen Weg, und den wage ich nicht zu gehen, ich könnte jemandem begegnen." So schreibt einer, der allein sein möchte, weil er sich selbst kaum in die Augen schauen mag. Und noch deutlicher wird er, wenn es um die ihm dargebrachten Speisen geht: "Aber alles schwimmt auf dem Tablett. So soll es sein, ich habe es verdient." Und auf einmal ist, projiziert ins Alltägliche, von Schuld die Rede.

Was Knut Hamsun getan und verdient hat, soll der Prozess ans Tageslicht bringen, ein Prozess, der wie so viele nicht von allen als fair betrachtet werden kann. Den Angeklagten wundert bereits, dass man sich überhaupt für seinen Fall und Prozess interessiert: "Warum schweigen sie nicht von mir und meiner Sache?" Eigentlich ist er ja ein bekennender Feigling, gibt andererseits die selbstbewusst gemeinte "Erklärung, dass ich einstehe für das, was ich getan habe" und wünscht sich zugleich "Nachsicht mit meinen eigenen Mängeln". Dabei zählt ihm die Meinung der anderen eher wenig: "Ich werde von den Menschen weder gehasst noch geringgeschätzt, und das ist gut. Im übrigen wäre es mir auch gleichgültig gewesen. Ich bin so alt."

Was den Prozess betrifft, sieht sich Hamsun auf der sicheren Seite: "Ich habe gleich zu Anfang im Untersuchungsgericht am 23. Juni die Verantwortung für das, was ich getan habe, auf mich genommen und diesen Standpunkt seitdem unverkürzt aufrechterhalten. Ich wusste ja, dass sich die Dinge, sobald ich frei sprechen konnte, zu einem Freispruch für mich wenden, oder sich einem Freispruch so weit annähern würden, wie ich selbst zu gehen und das Gericht zu akzeptieren wagte. Ich wusste, dass ich unschuldig war, taub und unschuldig, ich hätte mich in einer Examinierung durch den Staatsanwalt wohl behauptet, einfach indem ich einen großen Teil der Wahrheit erzählte."

Aber die Gefahr liegt in den Umständen, denn "Amtsrichter Stabel ist fanatisch, ja, fanatisch in seinem Hass auf Deutschland, und er glaubt steif und fest an das heilige Recht der Alliierten, die deutsche Nation zu vernichten und vom Erdboden zu vertilgen". Nun ist Hamsun ja nicht direkt ein Deutscher, aber mitgefangen, mitgehangen: "Was mich fällen, was mich niederwerfen soll, sind einzig und allein meine Artikel in den Zeitungen" und die Telegramme, die bedrohte Personen beschützen sollten. Sein Thema war vornehmlich die politische Entwicklung des Heimatlandes. "Ich schrieb über Norwegen, das jetzt einen so hohen Platz unter den germanischen Ländern Europas erhalten sollte", schreibt er nun, "und was ich schrieb, war richtig". Wer diese Aufzeichnungen als Rehabilitation liest, hat das zwanzigste Jahrhundert nicht verstanden.

Und was ich schrieb, war richtig: "ist nicht der Sinn der Sache der, dass wir hier sind, um zu sterben? Doch, natürlich. Aber wir werden bis zum letzten Augenblick wirklich alles mitnehmen, was wir kriegen können." - Und was ich schrieb, war richtig: "Gerade jetzt wirbelt ein neues und hoffnungsvolles Geschlecht aus dem Untergrund herauf." - Und was ich schrieb, war richtig: "Ist es nicht so, dass das Dasein für uns Menschen vor langer, langer Zeit fröhlicher war als jetzt?" - Und was ich schrieb, war richtig: "Wir sind alle sehr schuldig. Wir sind Millionen Schuldige." - Und was ich schrieb, war richtig: "Tacitus meint, wir Germanen seien gut im Sterben." - Und was ich schrieb, war richtig: "Auch auf dem Schweigen liegt Segen." Und was ich schrieb, war richtig: "Es ist Kleinkram, worüber ich schreibe, und was ich schreibe ist Kleinkram."

Die Nonchalance und Alltäglichkeit, die Hamsun hier an den Tag legt, ist Camouflage. Ehrlicher ist sein Urteil, wenn er sich eingesteht, mehr gewollt zu haben: "Ich habe in diesen Papieren über vieles schreiben wollen, habe es aber nicht getan. Ich habe gute Gründe, das Schlimmste zu befürchten und lieber zu schweigen." Seine gebrochene Erzählerfigur ist taub vor allem gegen sich selbst und die eigene Wahrheit, doch gerade sie hätte ihm erlaubt, sich selbst den Prozess zu machen. Doch Hamsun hält sich bedeckt, und auch in literarischer Hinsicht kommt nicht viel. Er kombiniert eigene Texte und fremde wie etwa das Gerichtsprotokoll, schließt spärliche sprachkritische Beobachtungen anhand von Sprachvergleichen und immerhin eindeutige Einschätzungen der eigenen Lyrik ein ("Angeberei"). Gerade das aber, was er seinen Gedichten vorwirft - sie reflektierten alles "in Grund und Boden" - fehlt seiner biographischen Prosa.

Auch die neue Ausgabe kann da nicht abhelfen, da ein erhellender Anhang fehlt. Bemerkungen wie "hast du das über Truman gelesen" werden nicht erklärt, der Wunsch nach Erläuterungen bleibt unerfüllt. Das Nachwort von Heinrich Detering erlaubt einen ersten Einblick in die Problematik des Textes, mehr Aufschluss kann diese Ausgabe leider nicht geben.

Knut Hamsun hat, von 1945 an, drei Jahre an Auf überwachsenen Pfaden geschrieben, bis zum Prozessende. Und er schreibt, vermeintlich bescheiden, für "den einzelnen, der vielleicht nach uns kommt und liest". Seine Auseinandersetzung mit der Schuld verharrt zwischen Verleugnung und Verdrängung, wohlgesetzt, doch unbegründet.

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