Aufräumen von Franz Dobler, 2008, KunstmannAufräumen.
Roman von Franz Dobler (2008, Kunstmann).
Besprechung von Anton Thuswaldner in der Frankfurter Rundschau, 31.7.2008:

Nichts mehr zu retten
Das Leben, eine Zumutung: in Franz Doblers Roman "aufräumen".

Wenn es einen praktischen Gegner der Popliteratur gibt, die alles auf eine banale Ebene der gelangweilten Gleichgültigkeit führt, dann heißt er Franz Dobler. Er hat sich auf den rabaukenhaften Krawall eingeschworen. Wo Popautoren eine Welt voller Verheißungen und Konsum ausmachen, herrschen bei Dobler Verzweiflung, Angst und Hass. Franz Dobler ist der Hard-Rock-Literat unter den Zeitgenossen.

Wo er hinschaut, stoßen wir auf Typen, abgebrüht und ausgebrannt, vom Lebensekel angekränkelt, mit Wut im Bauch und Sehnsucht im Herzen. Die Gesellschaft ist eine Ansammlung kaputter Gestalten, und mitten unter ihnen befindet sich Beat Faller, Franz Doblers Held des Untergangs in Schönheit und Würde.

Er ist 54 und trifft, wo er auch hinschaut, auf Leute, die mit allem abgeschlossen haben wie er. Von der Gesellschaft ist nichts zu erwarten, jetzt will er Ordnung schaffen in seinem Leben. "Er ist nicht gut in solchen Reinigungsarbeiten, aber es ist unvermeidlich, demnächst muss damit aufgeräumt werden, aufräumen, ehe sie dich wegputzen."

In diesem Roman laufen die Gefühle Amok, weil sich Menschen nur noch im Überschwang bemerkbar zu machen verstehen. Sie kämpfen gegen das Übersehen-Werden, sie handeln, um aufzufallen, sie würgen ihre Wut heraus als weithin vernehmbares Zeichen, dass es in der Masse dieses klein gehaltene Wesen "Ich" gibt. "Jeder gibt irgendwann auf - aber wann?"

Die Popliteratur malt die Welt in strahlend bunten Farben aus, erzählter Hardrock aber ist schwarzweiß. Hier ist gewiss alles einfach gedacht, passt aber zu einem Menschen, dem, wenn er sich seine Plattensammlung vornimmt, "die Titel Murder, Death to Everyone, Babylon is Burning ins Gehirn" leuchten. Bei Dobler ist keiner je bei sich, der andere wird stets als Gegner wahrgenommen. Keiner weiß mehr ein noch aus, das Leben, eine Zumutung.

Das ist Literatur, die die Diagnose für die ganze Wahrheit nimmt, sich aber um die Ursache der Krankheit nicht kümmert. Und so wandeln Figuren wie lebende Zeitbomben durch das Buch, jederzeit bereit, in die Luft zu gehen, um den einen oder anderen auf diesem Höllentrip mitzunehmen. Das Gewaltpotenzial ist hoch, die Vergleiche bei Dobler gewagt. Dieter, früher ein Punk, jetzt ein schmieriger Unternehmer, der mit billigen Pornos sein Geld macht, liebt seine Kinder "wie Hermann Göring seinen Hund". Damit ist er gezeichnet für alle Zeit.

Beat Faller geht auf Abstand zu den Menschen und sucht sie. Die meisten, die ihm unterkommen, Zufallsbegegnungen, Großstadtpassanten, gelten als Belegexemplare für seine These, dass in dieser Gesellschaft nichts mehr zu retten ist. Einer randaliert in der Straßenbahn, zwei jugendliche Mädchen, "viel Metall im Gesicht", sind düstere Gestalten einer Generation, die auf keine Zukunft mehr hofft. Er mag sie nicht, aber sie alle stehen ihm nahe in ihrem Abwehrgestus und ihrer Weigerung, vereinnahmt zu werden.

Aber so jemand wie Kossinsky, ein störrischer, schwer kranker Alter, der als Halbjude den Nazis entkommen konnte, ein rhetorischer Radaubruder, liegt ihm. Er nimmt sich das Recht auf Ungerechtigkeit, schimpft auf "die Schöpfung, die Nazis und die Deutschen" und macht keinen "feinsinnigen Unterschied, dieses deutsche Steckenpferd". Wie Faller steht er für das Prinzip Grobschlächtigkeit. Und unverhofft steht eine Frau in seinem Leben, mit der er überraschende Gemeinsamkeiten findet. Kossinsky und Monika, die zwei halten Faller aufrecht.

Vierundzwanzig Stunden im Leben des Beat Faller zeichnet Franz Dobler auf, ein Leben bedroht vom Absturz. Je länger der Erzähler den wilden Mann nach einem Stückchen Glück suchen lässt, umso melancholischer wird der Ton. Auch Hardrocker haben ihre weichen Seiten.

Faller ist keiner, der Aggression zu seinem Leben braucht. Eigentlich ist er ein guter Kerl, der nur nicht sein darf, was er in seinem tiefsten Inneren zu sein wünscht. Seine Wünsche wirken recht kleinbürgerlich, ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe, ein bisschen Geld und keine Autoritäten, die sich ständig einmischen. Aber ein guter Kerl stand schon bei Alfred Döblin auf verlorenem Posten.

Franz Doblers Franz Biberkopf der Gegenwart möchte unbehelligt leben, aber die Zeiten sind nicht danach, gerade für einen, der Gleichgültigkeit nicht aufbringen kann. Als er fürchtet, dass sein Nachbar seine Frau umbringt, mischt er sich ein, das wird ihm zum Verhängnis. Jetzt tötet er. Er glaubt ja doch, dass man etwas tun muss für eine bessere Welt, damit steht er allein da. Jetzt gibt es noch mehr Anlass für Melancholie.

Mit geradezu Brechtscher Emphase erzählt Dobler ein Lehrstück ohne brauchbare Lehre. Halte still, mach dich klein, fall nicht auf und bleib so unscheinbar wie alle anderen. Wehe du unternimmst etwas zu Rettung der Welt, du wirst bestraft werden. Das Ende ist offen. Aber was hat einer, der sich eine Schusswaffe angeeignet und damit einen Mord, wie verständlich auch immer, begangen hat, schon zu erwarten.

Kein großes Buch, aber eines mit der unbändigen Lust, dem Kapitalismus sprachlich zu Leibe zu rücken.

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