Auf dem offenen Meer von Bettina Balàka, 2010, HaymonAuf offenem Meer
Erzählungen von Bettina Balàka (2010, Haymon).
Besprechung von Bernhard Oberreither aus dem titel-magazin vom 7.6.2010:

Lächerliche Vorstellungen von Autonomie
Wenn es um die Geschichte als Stoff geht, weiß man genau: Damit muss man ja auch erst einmal etwas wollen: Helden umdeuten, Vergessene zu ihrem Recht kommen lassen, scheinbar in Stein Gemeißeltes in Frage stellen oder das Schreiben über Geschichte selbst reflektieren. Oder man illustriert damit eine allgemeine These, wie Bettina Balàka es höchst amüsant tut.

So lässt sie beispielsweise einen regimetreuen Büttel des Kommunismus politische Gefangene malträtieren, einen unbedeutenden Schiffsjungen Verschwörungen aufdecken, einen Kriegsschiffskapitän das falsche Ziel ins Visier nehmen oder zwei Nachgeborene spüren, dass das Erbe des Nationalsozialismus auch ihr in Bälde erwartetes Kind noch etwas angeht.

Was dabei Balàkas Geschichten gemein ist, sie zu Fallbeispielen, zu Fällen macht? Ein Matrose steht in der Erzählung „Lignum Vitae“ an der Reling und erklärt es dem Schiffsjungen. Der meint noch ganz naiv, das Meer stünde für Freiheit. – „Siehst du!“, rief Peterson und deutete mit dem Finger auf mich, als hätte ich genau das Richtige gesagt. „Und dennoch ist es eine Tatsache, dass man auf offenem Meer wie ein Gefangener lebt. (...) Auf einer Brigg wie der Mary Mallory“, führte Peterson aus, „kannst du zwanzig Schritt in die eine Richtung gehen“ – er deutete Richtung Heck – „und fünfzehn in die andere“ – er deutete auf den Bug –, „du kannst in die Wanten klettern oder ein paar Treppen hinuntersteigen. Das ist dein ganzer Bewegungsfreiraum. Von Freiheit keine Spur.“

Das Meer, man errät es wohl, steht für das Leben, die Geschichte und dergleichen. Und trotz der scheinbaren Weite kann man sich in Wirklichkeit kaum rühren, gibt es äußere Zwänge, die die eigene Entscheidungsfreiheit arg beschränken – oder zumindest so tun, als könnten sie es.

Ironischer Weise ist es der oben genannte Matrose selbst, der seiner These zum Opfer fällt: Im nächsten Hafen wird er „vergessen“, was auf die Kappe des Schiffsjungen geht. Der ist dabei der Meinung, eine Verschwörung Sir Isaac Newtons gegen einen unschuldigen Passagier, den Uhrmacher John Harrison, vereitelt zu haben, ohne zu merken, dass er auf der Suche nach einem Vaterersatz möglicherweise einer Wahnidee auf den Leim gegangen ist.

Von humanen Folterknechten ...

In „Titanic“, dem Herzstück des Bandes, erzählt Balàka von den Verwerfungen zwischen Ideologie und Wissenschaft und dem manchmal unvermittelten Umschlagen von durchaus humanem Gedankengut in menschenverachtenden Dogmatismus. Sie tut das aus der Sicht eines Mannes, der wahrscheinlich ein hochanständiger, sympathischer Mensch wäre, wäre er nicht stellvertretender Direktor eines russischen Gefängnisses, in dem politischen Gefangenen der Garaus gemacht wird. Den historischen Hintergrund bilden die vom Sozialismus begrüßten, vielversprechenden, aber eben leider gefälschten wissenschaftlichen Erkenntnisse des Botanikers Lyssenko, der in den 30ern und 40ern die Vererbungslehre durch eine ursozialistische Gewöhnungs-, eine Umerziehungslehre ersetzen will. Und Wawilow, einer seiner Gegner, landet im Gefängnis, wo ihm der Icherzähler die genetischen Flausen austreiben soll: Während der eine nichts will, als ungestört von Ideologien seine Pflänzchen zu erforschen, und selbst seinem Gefängniswärter noch verrät, wie der sein krankes Kind heilen kann, vermeint der andere in der Vererbungslehre die wissenschaftliche Legitimierung der Aristokratie zu erkennen und zerstört seine Gefangenen psychisch und physisch. Zynisch zeichnet Balàka das Paradebeispiel eines Mannes, der aus im Grunde philanthropischen Überlegungen zum überzeugten Folterknecht wird.

... computergesteuertem Weltuntergang ...

Unterdessen sitzt im SciFi-angehauchten Golfkriegsambiente von „Friendly Fire“ Kapitän Mordock (Obacht, sprechender Name!) in der Kommandozentrale seines gepanzerten Schiffskolosses und lässt draußen den computergesteuerten Weltuntergang von der Leine. Was er da eigentlich tut, erfasst er nicht wirklich: Der frühere Spieleentwickler sieht nur aufblinkende Punkte auf seinem Monitor; denkt er an seine Gegner, hat er bloß das undeutliche Bild von Filmpiraten vor Augen. Die irreale Komponente, die der digitalisierte Krieg aufweist, wird von Balàka zur bösen Pointe zugespitzt: Eines der Pünktchen am Monitor nämlich ist das Passagierflugzeug, in dem gerade seine Frau mitsamt Tochter sitzt.

... und Gewissenskonflikten zwischen Überzeugung und Pragmatismus

In „Blaue Augen“ erwischt der Fallstrick der Geschichte zwei, die sich eigentlich sicher fühlen in ihren demokratischen, antifaschistischen Überzeugungen. Ein Ehepaar befindet sich auf dem Weg ins Krankenhaus, wo die im Sterben liegende Großmutter des Mannes den beiden ihre luxuriöse Wohnung vermacht. Was kein Problem wäre, wäre die Wohnung nicht „arisierter Besitz“. Und wäre die Dahinscheidende, ehemals glühende Anhängerin der „Bewegung“ und BDM-Führerin, nicht immer noch überzeugte Nationalsozialistin, die sich nichts sehnlicher wünscht, als im Jenseits dem Führer die Hand zu schütteln. Das ist den beiden natürlich zuwider – aber soll man deswegen auf so eine Traumwohnung verzichten? Vor allem, wo gerade ein Kind unterwegs ist?

Menschlein versus Geschichte

Die Rollen sind klar verteilt bei Balàka: Auf der einen Seite die Menschlein, auf der anderen der reale oder eingebildete Moloch Geschichte, der ihre lächerlichen Vorstellungen von Autonomie Lügen straft. Der augenscheinliche Umschlag in vielen Erzählungen – vom Widerstandskind zur Nutznießerin des Regimes, vom machtlosen Schiffsjungen zum Aufdecker einer Verschwörung – ist immer nur ein scheinbarer: In der Determiniertheit, der Schwäche der Figuren war alles schon angelegt. Und gerade hier liegt der Hund begraben: So schön sich auch alles ineinanderfügt, so verlässlich Balàka ihre Figuren in die bereitgestellten Fallen tappen lässt – ihre Protagonisten wirken dadurch ein wenig ferngesteuert, ihre erzählten Welten manchmal wie hastig bestückte Kulissen.

Nichtsdestotrotz ist das Buch ein hervorragender Kurzgeschichtenband. Balàkas Charaktere sind treffsicher, ihre Beschreibungen oft berückend atmosphärisch und die Schnitttechnik atemberaubend. Ihre trockenen, hochgradig schwarzen Pointen liegen dem Leser wahrscheinlich lange im Magen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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