Aufgeklappt
Roman von Ludwig Laher (2003, Haymon).
Besprechung Sebastian Domsch aus Rezensionen-online *LuK*:

Lest einen anderen!
Ludwig Lahers Romanportrait des Dichters Ferdinand Sauter

Werke der Wiederentdeckung von Schriftstellern haben immer etwas Paradoxes an sich, zumal wenn sie nicht von Literaturwissenschaftlern oder Biographen stammen, sondern wiederum von einem Schriftsteller. Da schreibt einer ein Buch mit dem durchgehenden Tenor: Lest einen anderen! Das erfordert sicher eine gehörige Portion Selbstsicherheit und außer dem Vertrauen in die eigene Urteilskraft auch die Überzeugung, neben dem Vielgepriesenen selbst bestehen zu können. Während man Ludwig Lahers neuem Roman "Aufgeklappt" Ersteres gerne bescheinigen mag, bleibt der Erfolg von Letzterem bisweilen fraglich.

"Aufgeklappt" ist der letzte Teil einer Trilogie, in der sich Laher die vielleicht etwas undankbare Aufgabe gestellt hat, vergessene Künstlerpersönlichkeiten zu portraitieren. Der erste Band, "Selbstakt vor der Staffelei", widmete sich dem Hamburger Maler der Romantik Victor Emil Janssen, der zweite beleuchtete unter dem Titel "Wolfgang Amadeus Junior: Mozart Sohn sein" das sicher nicht leichte Schicksal, der Nachkomme eines weltberühmten Musikgenies zu sein, zumal wenn man selbst komponiert.

Im dritten Buch dieses Tryptichons wendet sich Laher nun dem Dichter Ferdinand Sauter zu, der 1804 im salzburgischen Werfen geboren wurde und 1854 in Wien an der Cholera verstarb. Sauter, in seiner Zeit vor allem als Originalgenie, Stegreifpoet und Schöpfer von Gassenhauern und Schankliedern bekannt, ist eine große Herausforderung für jede biographische oder interpretatorische Annäherung. Sein Leben und sein Werk sind gleichermaßen von Entstellungen und Umdeutungen gekennzeichnet. Sauters konsequente Verweigerung einer Veröffentlichung seiner Gedichte in Buchform hat dazu geführt, dass es bis heute nur fragmentarische Werkausgaben gibt. Keiner der Herausgeber hat sich die Mühe gemacht, das gesamte, weit verstreute nachgelassene Material zusammenzutragen. Der wesentliche Teil seiner Gedichte ist vermutlich für immer verschollen. In der Auswahl und der Anordnung der Gedichte wurde, wie Laher betont, nie eine ausreichende Unterscheidung getroffen zwischen den Gelegenheitswerken, die Sauter in seinen Stammkneipen auf Zuruf dichtete, und seinen ernsthafteren Werken. Durch politische und moralische Zensur wurden die Texte noch zusätzlich entstellt.

Was aber an Textsicherheit fehlt, das wird durch die Legendenbildung um seine Person ausgeglichen, die sich des Wiener Lokalkolorits bedient und den Autor zum Sprachrohr unterschiedlichster politischer Einstellungen macht. Beeindruckend ist die Liste der Sauter-Verfälscher, die Laher mit ehrlichem Ärger auseinander nimmt, die fragwürdigen Biographen, tendenziösen Editoren und gar die Schriftstellerkollegen, die ihn als Figur für ihre eigenen Zwecke verwursteten. Was Lahers Vorgehensweise selbst von diesen trennt, ist allerdings vor allem seine eigene Behauptung der Aufrichtigkeit. Statt dass er, der doch offensichtlich sehr intensiv und aufrichtig recherchiert hat, nur auf eine einzige Quelle seiner Informationen verweist, ergeht er sich in so trauten wie fiktiven Zwiegesprächen mit dem toten Dichter, der Lahers Arbeit ständig gutmütig kopfschüttelnd hinter einem Bier- oder Weinglas hervor zu beobachten scheint. Ludwig Laher ist uns in Sachen Ferdinand Sauter immer schon einen ganzen Schritt voraus. Er hat ihn schließlich bereits verstanden, daran lässt er keinen Zweifel, und nun möchte er, dass wir ihn auch verstehen, und zwar richtig. Darum imaginiert er Szenen, wie er gewesen sein muss, der Sauter, zeigt ihn im Gespräch mit Freunden und beschreibt seine Eigenheiten. Der Gestus der kumpelhaftigen Bekanntschaft, mit dem er einerseits sein Untersuchungsobjekt und andererseits seinen Leser an sich zu binden sucht, erwirkt in seiner Aufdringlichkeit jedoch einen eher gegenteiligen Effekt. Wenn er ganz unbekümmert vor sich hin sinniert, ein wenig die Texte interpretiert, dann wieder eine Anekdote erzählt, darauf ein Angriff auf falsche Deutungen, dann gelingt ihm dabei manche einleuchtende Erkenntnis und auch ein dichtes Stimmungsbild, doch gleich darauf fühlt sich der Leser wieder mit seinen Fragen nach Wahrheit und Dichtung zurückgelassen, während Laher bereits mit dem Dichter in die nächste Kneipe verschwindet.

Es gelingt Laher sicherlich, den Leser davon zu überzeugen, dass sich eine weitere Beschäftigung mit Ferdinand Sauters immer wieder im Buch zitierten Texten lohnt. Doch wo das Interesse an ihnen steigt, da bietet Laher nur als kongeniale Wahrhaftigkeit verkleidete Unsicherheiten über den Dichter. Insofern wird er dem Titel seines Buchs auf jeden Fall gerechter als der hinzugefügten Bezeichnung Roman, denn er hat in der Tat das längst verschlossene Kapitel Ferdinand Sauter wieder aufgeklappt. Nur schade, dass er uns nicht sagt, wo man weiterblättern kann.

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