Auf freiem Fuss von Gernot Wolfgruber, 2009, Jung und JungAuf freiem Fuß.
Roman von Gernot Wolfgruber (2009, Jung und Jung).
Besprechung von Karl-Markus Gauss in Neue Züricher Zeitung vom 4.06.2009:

Lektion des Kleinmuts
Der grosse Verschollene der österreichischen Literatur – Gernot Wolfgruber, wiedergelesen

Fünf Romane in zehn Jahren, das ist es im Grunde, was der Schriftsteller Gernot Wolfgruber, der dieses Jahr seinen 65. Geburtstag feiert, vorgelegt hat. Seit 1985, als der Roman «Die Nähe der Sonne» erschien, hat er nichts mehr publiziert, und sein Schweigen ist rätselhaft, hat der Autor dem Literaturbetrieb doch kommentarlos adieu gesagt und seinen Rückzug nie erklärt. Einer der erfolgreichsten Autoren seiner Generation, ist Wolfgruber heute der grosse Verschollene der österreichischen Gegenwartsliteratur. Seine dicht erzählten Romane vom versehrten Leben der sozialen Aufsteiger, die sich aus der Arbeiterschaft ins Milieu der Angestellten hochdienen und im «Niemandsland» – so der Titel seines dritten Romans – abhandenkommen, sind der jüngeren Generation meist nicht mehr bekannt. Deren literarische Protagonisten haben vor ein paar Jahren die Wiederkehr des Erzählens mit einem Aplomb ausgerufen, als hätte in Österreich seit Menschengedenken niemand zu erzählen gewagt bis auf sie. In Gernot Wolfgruber ist ein grosser Erzähler wiederzuentdecken; und mit ihm gilt es an eine abgebrochene Tradition des Erzählens zu erinnern, der die «Arbeitswelt» nicht auf wohlmeinend biedere, sondern formal erfindungsreiche, sprachlich kühne und gedanklich radikale Weise zum Thema wurde.

Literarisches Neuland

«Auf freiem Fuss», 1975 bei Residenz erschienen und jetzt bei Jung und Jung neu aufgelegt, war der Geniestreich eines Debütanten, der gleich mit seinem Erstling literarisches Neuland erkundete. Wolfgrubers namenloser Ich-Erzähler ist ein Jugendlicher aus der tiefen Provinz, der straffällig wird und im Rückblick davon berichtet, wie gering die Rolle war, die er in seinem eigenen Leben zu spielen vermochte. Der Roman beginnt mit dem Satz: «Es war alles zu selbstverständlich.» Selbstverständlich, dass für ein vaterloses Kind in der Ära des Wiederaufbaus der Zenit der schulischen Bildung schon mit vierzehn Jahren erreicht ist. Selbstverständlich, dass der nie geförderte Jugendliche zum Arbeiten in die Fabrik geschickt wird. Selbstverständlich, dass er dort zu kuschen hat – vor dem Besitzer, dem Betriebsleiter, dem Vorarbeiter, dem Portier; auch von den älteren Arbeitern, die den Neuling im besten Falle spöttisch empfangen, ist keine Solidarität zu lernen, sondern allenfalls, wie man seinen Zorn hinunterschluckt oder ihn an Schwächeren auslässt.

Schon nach wenigen Tagen weiss der Lehrling, dass er in der Fabrik nichts lernen kann, ausser zu parieren. Oder sich aufzulehnen. Die Renitenz, die er bald an den Tag legt, ist das, was nicht selbstverständlich ist in seinem Leben, denn alle, der Lehrer, die Mutter, der Onkel, die Kollegen, erwarten von ihm, dass er sich fügt. Er aber, der seine Hoffnungen schon begraben soll, noch ehe er sie überhaupt artikulieren hätte können, nimmt die tägliche Demütigung nicht einfach hin. Er ist frech und aufsässig – aber nicht kritisch; er lehnt sich gegen den Vorarbeiter auf – aber hat selber keinen Funken Solidarität im Leib. Er steht, zuerst in der Textildruckerei, dann in der Glasfabrik, an der Werkbank und träumt von einem «anderen Leben», das er sich jedoch nur als niemals endenden «Krankenstand» vorstellen kann. Manchmal blättert er im Schulatlas, weil der Traum vom Wegfahren süss ist, doch macht er sich nicht einmal auf den Weg in die nächstgrössere Bezirksstadt.

Er verliebt sich in ein Mädchen aus Wien und meint, mit ihr werde sich alles, schlichtweg alles in seinem Leben zum Guten, Interessanten, Erfüllten wenden; wenn sie im nächsten Sommer wieder zu Besuch kommt, wird er jedoch schon im Gefängnis gesessen haben und im Ort als Krimineller geächtet sein. Es ist die rationalisierte Arbeit selbst, die der junge Mann als Angriff auf seine körperliche Unversehrtheit und seelische Integrität erlebt. Der Rhythmus, der in der Arbeit schlägt, zerstückelt ihm jede Stunde seines Daseins: «Ich kaufe mir eine grosse Flasche Cola und teile den restlichen Nachmittag in neun Teile, indem ich jede Viertelstunde ein paar Schluck mache.»

Wie es ihm in der Fabrik gehe, fragen ihn der Onkel und die Mutter, Opfer der gesellschaftlichen Ordnung, deren verlässliche Stützen sie zugleich sind: «Meine Antworten sind Antworten auf Sätze gewesen, die sich nur wie Fragen anhörten, aber keine Antwort wollten. Ganz gut, habe ich gesagt . . . Meine Mutter, der nichts lieber war als solche Antworten, hat dann bald zu fragen aufgehört. Sie hat herumerzählt, dass ich es mit meiner Lehrstelle gut getroffen hätte.»

Die Arbeit als Kampf

«Auf freiem Fuss» ist ein sozialkritischer Roman, in dem es nicht um Arbeitskämpfe geht, sondern darum, dass die Arbeit selbst ein täglicher Kampf geworden ist. Wolfgruber bleibt so dicht an der Welterfahrung des jungen Fabrikarbeiters, dass wir lesend vermeinen, dessen schauerliche Entfremdung wäre unsere eigene. Minuziös, in mäandernden Sätzen wird hier die soziale Welt eines zornigen, jedoch unpolitischen jungen Mannes eingefangen, der gegen die menschenfeindliche Ordnung rebelliert, aber nicht daran interessiert ist, wie sie funktioniert, und nicht versteht, dass er selber ein Teil jenes Systems ist, an dem er leidet. Mit beklemmender Intensität erzählt Gernot Wolfgruber von der Entfremdung, die zwar im Berufsleben erlitten wird, nach und nach aber in alle Winkel des privaten Lebens vordringt.

Dem Erzähler gelingt kein Aufbruch. Er weiss mit dem Zorn und der Sehnsucht, die in ihm sind, nichts anderes anzufangen, als sich mit einem älteren Gefährten auf Diebesfahrt ins Umland zu begeben. Ein «Schicksal» möchte er haben, das «Gefühl des Abenteuers». Die beiden stellen sich so ungeschickt bei ihrem kriminellen Ausflug an, dass sie erwischt werden und im Gefängnis landen. Als der Erzähler nach ein paar Wochen wieder freikommt, hat er, der einst so Aufsässige, die Lektion des Kleinmuts offenbar gelernt. Er ist noch längst nicht erwachsen, da glaubt er schon, das Leben hinter sich zu haben.

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