Auf die schönen Possen von Volker Braun, 2005, Suhrkamp1.) - 2)

Auf die schönen Possen.
Gedichte von Volker Braun (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Michaela Schmitz aus Rheinischer Merkur, 18.08.2005:

Volker Braun ist überzeugt: Der dritte Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus führt durch die Dichtung
Weisheit des Narren

Manchmal ist Lyrik aktueller als ihr Ruf. Die Gedichte von Volker Braun zum Beispiel. Zum Lachen ist sie und zum Weinen, seine tragikomische Poesie. Wie die Wirklichkeit eben. Ihr versucht der aus Dresden stammende Braun in seinen Versen „Auf die schönen Possen“ nahe zu kommen. Wie nahe, zeigt seine doppelseitige Kritik an der kapitalistischen und der sozialistischen Ideologie. Denn, so der Autor in seiner Büchnerpreisrede: „Eine Revolution, die kein Brot gibt, und eine Demokratie, die die Arbeit nimmt, sind keine ernsthaften Avancen.“

Vorweggenommen hat er damit die Re-Ideologisierung gesellschaftlicher Debatten, die Experten für den vorgezogenen Bundestagswahlkampf versprechen. Volker Braun diagnostiziert in seinen Gedichten aber nicht den Zwiespalt von Ideal und Wirklichkeit. Sondern er zeigt nach Büchners Vorbild die Risse, die durch die Wirklichkeit selbst gehen. Und sucht nach einer doppelten Lösung: der Mensch und die Gesellschaft. Denn, so Braun in seiner Rede, „was sind... allgemeine Begriffe gegen die akute Erfahrung..., gegen die Kraft der Sinne, die Lust, das Entsetzen“.

Das lyrische Ich seiner Gedichte ist in zwei Republiken verwurzelt und doch in keiner beheimatet. Ursache einer identitätskritischen, aber auch wahrnehmungs- und erkenntnissteigernden Doppelsichtigkeit. Im dauernden Blickwechsel zwischen zwei Welten wird das Ich zur „Wettererscheinung zwischen den Schläfen“; eine zerrissene Identität, die vergeblich ihr Gleichgewicht sucht. Auch wenn beide Augen eine schöne Welt lügen, bleibt Gleichgewicht, so der Titel der ersten Gedichtfolge, trügerischer Schein. Das Ich muss sich den Gegensätzen stellen.

Dieser Forderung kommt es im Gedichtzyklus „Totentänze/Liebeslager“ nach. Dichtend versucht es, sich im Spannungsfeld von Eros und Tanatos neu zu verorten. Erst führt der Tod die Feder. In barocker Memento-mori-Manier wird die materialistische Ideologie, das Volkseigentum, der Klassenkampf und die Solidarität in feierlichen Madrigalen zu Grabe getragen. Dann diktiert Eros dem lyrischen Subjekt morbid-sinnliche Liebesverse. Es schlägt seine Liebeslager in Pontinischen Sümpfen auf und lässt sich von seiner Begierde nach „ewigem Beischlaf“ zu grotesken Liebesspielen zwischen Gräbern treiben. Durchaus ironisch gemeint ist der Abgesang auf die Liebe und die sozialistischen Ideale. Alle Titel werden demonstrativ in eckige Klammern gesetzt. Im „Shakespeare-Shuttle“ in der Buchmitte befindet sich das lyrische Subjekt schließlich „glücklich beschäftigt die Zeit zu überholen... im freien Fall durch die Evolution“. Am Ende sind nämlich sowohl das Sein als auch das Bewusstsein dahin.

Woran soll sich das lyrische Ich nun nach dem kollektiven Zerfall der Utopien und dem ungenügenden Trost durch die Liebe halten? Die Lösung: das Lachen. Die Antwort: eine Narretei. „Mach dir den Kopf nicht, wenn dein Hintern fällt“, so der Appell.

Diesem Gebot der Zeit gehorchend, pflegt Braun das Narrentum in lustvoll gereimten Versen „Auf die schönen Possen“. Sein absurd-humorvoller Aufruf: „An Liebe halt dich, die vergeht./ Nach Höhrem nicht verrenk den Geist./ Bereichre dich an der Vergänglichkeit/ Nur was verwelkt gewährte Lust.“ Mit Galgenhumor und Todesmut lacht Braun in seinen Versen gegen das „Freudenelend“ des Lebens an. Die Geschichte selbst reißt die Witze, der Dichter gibt nur den Senf dazu. Angesichts dessen wird der „Zeitgeist“ zur Nebensache, zum „Anhang“, dem letzten Gedichtzyklus des Bandes. Eine Randnotiz, epigrammatisch auf einen „flüchtigen Zettel“ geschrieben.

Volker Brauns Gedichte sind politisch, weil sie privat sind. In diesem Sinne sind sie radikal. Denn, so der Autor, mit Büchner: „Ist radikal sein nicht die Sache an der Wurzel fassen, die der Mensch ist?“

Mit philosophisch-lakonischer Poesie versucht Volker Braun an diese menschliche Wurzel zu rühren. Und dichtet Verse, die bewegen. Vielleicht, weil sie trotz ihrer formalen Perfektion nicht an Authentizität und Bodenhaftung verloren haben. Denn egal ob im Endecasillabo oder barocken Alexandriner intoniert, ob im Reim oder freien Rhythmen, Goethe zitierend, verfasst: Volker Brauns Gedichte sprechen Themen an, die die Menschen angehen. Dabei ist die Lyrik weder einseitig agitatorisch noch zeitgeistverhaftet flüchtig. Weil es Braun gelingt, Aktuelles an Aussagen von zeitloser Allgemeingültigkeit anzubinden.

Und weil er gegen „das große Umsonst“ immer noch eine letzte Utopie bewahrt: seine letzte Verblendung, die, so Braun, herrlichste Einbildung einer gelingenden Symbiose von Volkseigentum und Demokratie. Und schließlich, aber nicht zuletzt, weil er trotzdem noch an die Handlung der Kunst glaubt, an „das sinnliche Argument, das uns rigoros in die Wirklichkeit führt... Sie mag scheitern, indem es gelingt.“

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Leseprobe I Buchbestellung 0905 LYRIKwelt © Rheinischer Merkur/Michaela Schmitz

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Auf die schönen Possen von Volker Braun, 2005, Suhrkamp2.)

Auf die schönen Possen.
Gedichte von Volker Braun (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Angelika Overath aus der Neue Zürcher Zeitung vom 15.4.2006:

Die Welt zu beschreiben, bis ich versiege
«Auf die schönen Possen» – Gedichte von Volker Braun

Was bleibet aber, ist nicht ausgemacht. Denn ob die Dichter noch etwas stiften oder – gemäss einem wenig originellen Kalauer – stiften gehen, wenn es so bleibt (die Börsenlage, die Globalisierung, das Kulturmarketing usw.), das muss sich im Zweifelsfall eben doch immer wieder neu erweisen. Ein Autor, sagte der grosse polnische Augenzeuge und Erzähler Ryszard Kapuscinski einmal, sei immer nur so gut wie sein letzter Satz. Das mache bescheiden. In diesem besten, weil handwerkstreuen Sinn bescheiden sind die jüngsten Gedichte des in Dresden geborenen ehemaligen Berg- und Tiefbauarbeiters, Philosophiestudenten, politischen Schriftstellers und Büchnerpreisträgers Volker Braun, der im vergangenen Jahr seinen 65. Geburtstag beging.

Mit «Auf die schönen Possen» schaut er gelassen-melancholisch zurück auf ein Dichterleben in zwei deutschen Staaten, sich fragend, was denn blieb von all dem Aufruhr dieser Jahre und was bleiben wird für eine Zukunft nach dem 11. September. Und schon im ersten Poem ruft er dem Nachgeborenen zu: «Lern harmlos lesen / Enkel; die Blättlein / Rieseln, nach schönen Tagen / Ein Freudenelend / Ist das Leben.» Das ist mit dem Augenzwinkern des Älteren gesagt, denn freilich wollen diese präzisen Gebilde genau gelesen werden, und Genauigkeit war nie harmlos. Doch ein neuer Ton von Bedenken und Ergebung prägt diese Lyrik, für die mit dem Oxymoron «Freudenelend», in dem das Wort «Leben» zärtlich und unrein mitklingt, eine versöhnliche Formel gefunden ist.

Die Gedichte handeln von konkreten historisch-politischen wie persönlichen Erfahrungen, vom Mauerfall ebenso wie vom Tod des Dichterfreundes Karl Mickel, sie nehmen Hiroshima auf und den Umweltgipfel von Kyoto. Und immer wieder öffnet sich, wie etwa in dem Poem «Sächsische Flut», das den Überschwemmungssommer 2002 thematisiert, ein Fenster für den intimen Blick, der dann zum dichterischen Fokus wird: «Das Grab meiner Mutter / Steht unter Wasser / Im Loschwitzer Friedhof: was sollchn da Tränen / Vergiessen.» In diesem Bild mit der Dialektwendung relativiert der grosse Regen nur scheinbar die Relevanz von individueller Trauer. Vielmehr werden die Wasser der Flut zum grossen Weinen über einen untergegangenen deutschen Osten, einen verlorenen dritten Weg. «Wie im Westen also auch auf Erden», heisst es an einer anderen Stelle. Im überfluteten Grab der Mutter weinen die Himmel über eine zu Grabe getragene Utopie.

Einem Zyklus «Totentänze», der sich in sieben formal strengen, je zehnzeiligen Gedichten den abgelegten linken Imperativen widmet (etwa «Volkseigentum», «Klassenkampf», «Solidarität»), antwortet ein Zyklus «Liebeslager», in dem der Autor dem Begehren und der Lust huldigt: vom entzündenden Blick der fremden Passantin bis zum Beischlaf zwischen Gräbern als einer Verbeugung vor der menschenalten Engführung von Eros und Thanatos: «Und wie von Leben trunken / Umbeinte sie mich hart, ich sahe / Die schwarze Erde, und der Himmel nahe.» So münden politische und persönliche Lebenserfahrung in eine Vanitas-Modulation von neuer Freiheit: «An Liebe halt dich, die vergeht. / Nach Höhrem nicht verrenk den Geist. / Bereichre dich an der Vergänglichkeit. / Nur was verwelkt gewährte Lust.» Damit aber bleibt dem Dichter zum Glück des Lesers zuletzt doch immer noch, mit «Spucke mehr als Geduld / Die Welt zu beschreiben / Bis ich versiege –».

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