Auf der Wasserscheide von Peter Horst Neumann, 2003, RimbaudAuf der Wasserscheide.
Gedichte von Peter Horst Neumann (2003, Rimbaud).
Besprechung von Wolf Peter Schnetz aus den Nürnberger Nachrichten vom 3.01.2004:

Ein Dichter und Deuter
»Auf der Wasserscheide«: Peter Horst Neumanns neuer Lyrikband

In Platons berühmtem Höhlengleichnis, das verschiedene Ebenen von Wirklichkeit beschreibt, hocken Gefangene in einer Höhle. Hinter ihnen lodert ein Feuer. Sie blicken zur Wand. Dort sehen sie ihre Schatten. Die Schattenwelt ist die vermeintliche Wirklichkeit. Einem gelingt es, sich zu befreien. Von der Helligkeit draußen geblendet, bemerkt er wieder nur Schatten. Je mehr er jedoch mit dem Licht vertraut wird, desto klarer erkennt er das Wesen der Dinge. Nun kehrt er zurück, um zu berichten. Die Gefangenen glauben ihm nicht. Sie schließen ihn aus der Gemeinschaft der Troglodyten aus.

Dieses Gleichnis drängt sich bei der Lektüre des neuen Lyrikbandes von Peter Horst Neumann auf, dem »poeta doctus«, der in Erlangen Literaturgeschichte gelehrt hat und nun in Nürnberg lebt. Ernst Jandl schrieb zu Neumanns Buch »Pfingsten in Babylon«: »Unglaublich schöne Gedichte, in denen alles stimmt. Erkenntnisgedichte, ich finde kein Wort, das sie besser bezeichnet.« Sätze, die auch für die jüngste Sammlung »Auf der Wasserscheide« gelten können.

In fünf Zyklen sammeln sich 87 Gedichte, lyrisch-philosophische Stenogramme, messerscharf pointiert und zugleich ungemein poetisch wie »Barfuß auf dem Eise«, dieses äußerst vielschichtige Poem an der Grenzlinie einer Wasserscheide. Sein Gefälle reicht zurück in die Eiszeit und zeigt auf der anderen Seite in die Zukunft irgendwo in den Tropen. Gemeint ist aber auch die Eiszeit eines Regimes »in den Aufmarschgebieten der Gletscher« nach dem »1000-jährigen Reich« und das Überleben nach dem Verlust von Heimat.

Bei Neumann ist nichts zufällig. Die Worte wollen beim Wort genommen werden. Mühelos überbrücken sie Raum und Zeit. Auch diesmal wieder erzählt er von Kindheit, Krieg, Liebe und Verlust, von Orten »ohne Ortsangabe«, von Übergängen und findet eine treffende Zustandsbeschreibung der »Spaßgesellschaft« von heute: »Überfüllte Spitäler - / zu viele haben / sich krank gelacht. // In den Kühlfächern / der Krematorien warten / die Totgelachten / auf ihre Termine.« Wir begegnen einem ungewöhnlichen Seher, Dichter und Deuter unserer Zeit. Er überbringt uns seine Einsichten wie Sokrates in Platons Höhlengleichnis oft als bittere Wahrheit verpackt.

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