Auf der Flucht von Hellmuth Karasek, 2004, Ullstein1.) - 2.)

Auf der Flucht.
Erinnerungen von Hellmuth Karasek (2004, Ullstein).
Besprechung von Teresa Grenzmann im Münchner Merkur, 8.11.2004:

Fünf Fluchten
Hellmuth Karaseks Erinnerungen

Es ist doch merkwürdig, dass nicht nur diejenigen Personen eine Autobio-Grafie, ein geschriebenes Leben, verfassen, welche ihr Leben auch mit dem Schreiben zugebracht, aus Worten gebaut haben. Ein solcher Gedanke entsteht beim Lesen der Erinnerungen eines Journalisten, Kritikers, Autors, Dramaturgen, Dramatikers: Hellmuth Karasek. Auch dieser hat jetzt, 70-jährig, sein Leben zum schriftstellerischen Werk gemacht, zum vielstimmigen Roman eines "Autografen", dem die Verquickung mit der Silbe "bio" spürbar gefällt: Der in genauen Beschreibungen in einem Gewitter von Anekdoten über sein Leben erzählt, sich selbst mit lustvoller Bereitschaft und in illustrer Geschäftigkeit darstellt.

In "Auf der Flucht" berichtet Karasek über das Aufwachsen in Brünn, Wien und Bielitz, in Schlesien und Sachsen, mitten im Krieg und auf Sichtweite mit Auschwitz. "Ich habe Glück gehabt, großes Glück, denn eigentlich habe ich den Stalinismus als Farce erlebt." Über das Aufwachsen in Tübingen, wo seine fünfte und letzte Flucht 1952 mit einem Geschichtsstudium endet. Doch das unruhige Leben bleibt bestehen: Innerhalb der öffentlichen Welt von Bühne, Zeitung, Rundfunk und Fernsehen arbeitet Karasek bei der "Stuttgarter Zeitung" und beim dortigen Theater, bei der "Zeit", beim "Spiegel" und "Tagesspiegel". In einer Zeit, da das Drama revoltiert, die Presse anbaut, das Radio experimentiert, die Quote noch nicht erfunden ist - welche später das "Literarische Quartett" mitbestimmt.

"Welche Augenblicke habe ich erlebt, wie ich sie erinnere?" Gründlich hat Karasek in seinem Gedächtnis recherchiert, um zum Chronist seiner Lebenszeit zu werden. Doch wie die meisten behält er sich die Fehlbarkeit des Erinnerungsvermögens vor. Stets weist er seinen Leser auf die zeitliche Distanz hin, sichert sich ab gegen die Verleumdungsklage der Vergangenheit.

"Von Kafka habe ich die Selbstachtung in der Selbstverachtung gelernt." Das besonders Eigene und eigentlich Besondere des Autobiografen Karasek aber ist es, wie er sein literarisches, dramatisches und filmisches Wissen einfließen lässt. Er spricht durch Tucholsky, Schnitzler, Brecht, malt aus mit Musil, Proust, Chaplin, charakterisiert mit Reed, Lenz, Shaw. Dazwischen immer Karl Kraus und Billy Wilder, Objekt seiner Biografie. Er liebe Nestroys "Dramaturgie des Zufalls" und sei mit Ende Zwanzig "Baloun" gerufen worden - so wie der Vielfraß aus Brechts "Schweyk".

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Auf der Flucht von Hellmuth Karasek, 2004, Ullstein2.)

Auf der Flucht.
Erinnerungen von Hellmuth Karasek (2004, Ullstein).
Besprechung von Matthias Kehle auf www.matthias-kehle.de:

An der Seite von Marcel Reich-Ranicki beim "Literarischen Quartett" ging er ein wenig unter. Manchmal wirkte er wie ein Schüler des dreizehn Jahre Älteren. Doch das darf nicht darüber hinweg täuschen, dass Hellmuth Karasek fast seit Anbeginn der Bundesrepublik eine außerordentliche Karriere in den Zentren der Publizistik durchlebte, sich oft an den Brennpunkten der Nachkriegsgeschichte aufhielt. Da Karasek auch noch ein außerordentlich gewitzter Erzähler mit einer gewissen Distanz zu sich selbst ist, ist ihm mit seinen "Erinnerungen" wohl ein Meisterwerk autobiografischen Erzählens gelungen.

Natürlich erinnert er sich an "MRR", an die kleinen und großen Skandale um Grass, Walser oder Sigrid Löffler und an seine Stationen als Redakteur der "Stuttgarter Zeitung", der "Zeit" oder des "Spiegels". Er zeichnet dabei liebevolle Porträts seiner Kollegen und Chefs, allen voran Rudolf Augstein und erinnert sich etwa an dessen grandioses Scheitern als Bundestagsabgeordneter der FDP.

"Wer sich erinnert, erfindet sich noch einmal", beginnt Karasek seine Memoiren, und in der Tat hat man den Eindruck, gerade seine Kindheit und Jugend hat er noch einmal "erfunden", und zwar im besten Sinne. Die Erinnerungen an die Eltern, an Weihnachten 1944, an die Flucht aus dem Osten Deutschlands oder an erste Liebschaften nehmen den größten Teil des spannenden Bandes ein. Die besten Passagen lassen gar an die wenigen großen Romane denken, die sich mit der frühen Nachkriegszeit beschäftigen, etwa Christoph Heins "Landnahme" - vielleicht war die Autobiografie ursprünglich als Roman konzipiert und ist dann aus den Fugen geraten? Ein wenig undiszipliniert und sprunghaft, aber nicht minder packend erzählt Karasek nämlich die Folgezeit.

Einmal konzentriert Karasek sich noch, wenn er nämlich von seinen Begegnungen mit Billy Wilder berichtet, mit dem ihn eine späte Freundschaft verband.

Falls der 70-jährige Hellmuth Karasek bis dato fürchtete, im Schatten des großen Alten gestanden zu sein, trotz seiner eigenen Romane und Dramen oder seiner Bücher übers Kino, so kann er nun "Auf der Flucht" getrost neben Reich-Ranickis Autobiografie stellen.

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