Auf der anderen Seite der Welt.
Roman von Dieter Forte (2004, S. Fischer).
Besprechung von Werner Jung in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:

Aufsteiger, Spinner
Überzeugend: Dieter Forte glaubt fest an die Geschichten in der Geschichte

Was liest man da? "Er war jetzt eine Nacht und einen Tag von der Welt der anderen entfernt, die Anfang und Ende hatte, in der die Zeit begrenzt war, täglich neu erschaffen wurde und wieder verfiel, und nur die, die diese Welt verließen, wussten davon, wie von einem Geheimnis, aber sie konnten mit den in ihrer Zeit Zurückgebliebenen nicht darüber reden, weil deren Wissen mit der ablaufenden Zeit verging." Dann an anderer Stelle, sehr viel weiter hinten: "Wenn er gelegentlich in die City geriet, wie die Innenstadt jetzt genannt wurde, bemerkte er mit Unverständnis, dass die Stadt jedesmal wieder einen Sprung rückwärts in die Gedächtnislosigkeit früherer Tage gemacht hatte." Es geht mithin um alles: Erinnerung und Geschichte, Zeit und Erzählung, das Leben und den Sinn - kurz: ums Großeganze dessen, was die Welt nicht mehr im Innersten zusammenhält.

Dieter Forte, der bereits in seiner Romantrilogie Das Haus auf meinen Schultern das Projekt einer forcierten Poetik der Erinnerung inmitten einer transzendental obdachlos gewordenen Zeit betrieben hat, kommt nun noch einmal auf diesen innersten Schreibimpuls zurück. Ja, er verdichtet ihn sogar und verspinnt ins Garn seiner Erinnerungsarbeit die Idee eines neuen (spät-postmodernen) Zauberberg-Konzepts. Damit sind die Glocken hoch gehängt. Doch sind sie auch gut zu hören?

Mit seinem Roman hat Dieter Forte ein Stück Prosa geschrieben, das Zeit-, Geschichts- und Gesellschaftsroman zugleich ist, eingelagert in eine nihilistische Metaphysik, deren Herkunft aus dem französischen Existenzialismus der 40er und 50er Jahre (vor allem Camus) nicht zu überlesen ist. Irgendwann Anfang der 50er Jahre wird der Erzähler, ein damals lungenkranker Jugendlicher, zur Kur an die See, auf eine Insel, geschickt. Hier erfährt er die "andere" Zeit, seine Ausgesetztheit sozusagen, den Verlust von Welt, Geschichte und Wirklichkeit. Aus der rauen, dennoch insgesamt komfortablen Bergwelt Thomas Manns ist jetzt die weit bedrückendere des Hospitals an der See geworden. Das Erlebnis der Natur vis-à-vis de rien, die Unendlichkeit des Wassers und die Ewigkeit der Gezeiten wie die Begegnung mit Todkranken und Sterbenden eröffnen dem Erzähler, der sich rückblickend dieser Zeiten erinnert, Möglichkeiten, aus der Distanz die vermeintlichen Realitäten anders und schärfer zu perspektivieren. Eben unter dem Blickwinkel Schopenhauerscher désinvolture. Jetzt - und vor allem nachdem ihm ein alter Mann und Bettnachbar (Settembrini - Naphta) in einer Art Dauererzählung den Rahmen vorgezeichnet hat - ist er in der Lage, den Aberglauben der Wirtschaftswunderzeit, den Irrglauben an diesseitige Paradiese mit wachsenden Konten sowie auch das respektive Vergessen der Nachkriegsjahre zu durchschauen.

Gewiss hat man vieles von dem, was Forte hier beschreibt, bereits häufiger gehört und gelesen: jener Kulturhunger der frühen 50er Jahre, der Aufbruch in die nachgeholte Moderne, der Einfluss der amerikanischen Populärkultur und des Jazz, einschließlich der nachfolgenden deutschen Trivialisierungen. Nur, Forte gelingt es, diese Geschichte in einen ganzen Sack von Geschichten zu verpacken.

Die Topographie der alten Bundesrepublik, die Schicksale der Menschen - eine ganze Zeit wird in vielen kleinen und kleinsten Geschichten erzählt, wenn da bei Forte Spinner und Nonkonformisten, Aufsteiger und Kapitalisten, "Winners and Losers" zu Wort kommen. Ein buntes Kaleidoskop, ein Panoptikum oder auch ein Patchwork entsteht da, allerdings: Hier rundet sich nichts, gibt es keinen Abschluss, wird auf jede Teleologie verzichtet.

Ausdrücklich stellt Forte die Poetik seiner Texte immer wieder vor, seine tiefe Überzeugung, dass von "der" Geschichte nur in Geschichten berichtet werden kann, dass die (große) Geschichte einer Vielzahl von (kleinen Alltags-)Geschichten bedarf. Und Erzählung ist schließlich das Werk der Erinnerung - der Anstrengung jener Erinnerung, die auf das Leben selbst zielt. Dann aber wieder die deutliche Warnung als Ausdruck grundsätzlicher Skepsis: "Weil es in der Welt keine Idee mehr gab, die große Geschichten ermöglichte und zusammenhielt, kein Lebensweg, der den Menschen über das Geschehen erhob, nur noch ein kurzatmiger Erzähler, der die Bruchstücke sammelte, weiter erzählte, wissend, dass es Bruchstücke waren, eine ausgeformte, sinnvolle Erzählung wäre eine Lüge gewesen."

Dieter Forte hat mit seinem neuen Roman, der sich nahtlos an seine Trilogie anschließt, wiederum ein so beeindruckendes wie bestürzendes Buch vorgelegt: abgrundtief pessimistisch und zugleich doch wieder vom Bloch'schenen Perspektivenlicht der Hoffnung durchzogen, dass nämlich, solange erzählt werden kann, längst noch nichts verloren ist. "Die Dinge", heißt es da einmal, "haben keine Bedeutung, wenn sie keine Geschichte haben. (…) Erst eine Geschichte gibt allem um uns herum die Bedeutung, die wir verstehen."

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