Auf den Inseln
des letzten Lichts.
Roman von Rolf Lappert (2010,
Hanser).
Besprechung von Birgit Ruf in den Nürnberger
Nachrichten vom 18.08.2010:
An dieser literarischen Gestalt dürften Zeit-Autorin Iris Radisch, der US-Schriftsteller Jonathan Safran Foer und all die anderen, die derzeit in ihren Publikationen für fleischloses Leben eintreten, Gefallen finden: Megan, eine der Protagonistinnen in Rolf Lapperts packendem neuen Roman, stellt schon im Alter von vier Jahren das Fleischessen ein, weil sie die Tiere einfach viel zu sehr liebt, als dass sie sie verspeisen könnte. Mit sieben gewinnt das extrem naturverbundene Mädchen den Wissenschaftswettbewerb an seiner Schule mit einem Aufsatz zum Jagdverhalten der Zwergohrfledermaus. Doch so harmlos bleibt ihr Einsatz für die Umwelt nicht: Megan wird zur militanten Tierschützerin.
„Sie liebte alles. Tiere, Bäume, Blumen, eben alles. Außer vielleicht Menschen“,
sagt ihr Bruder Tobey, ein gescheiterter Rockmusiker. Er macht sich zu Beginn
des Romans auf die Suche nach seiner Schwester, die verschwunden ist, und
strandet auf einer entlegenen philippinischen Insel, von woher er das letzte
Lebenszeichen der Frau ohne Freunde erhielt.
Hier trifft der Mittzwanziger auf eine absonderliche Welt voller Rätsel und
Gefahren: Affen im Anzug, die beten und mit Messer und Gabel essen, Menschen,
die ihn töten wollen, und eine aufgelassene Forschungsstation, wo einst die
Kommunikation zwischen Menschen und Primaten untersucht und revolutioniert
werden sollte. Und jetzt? Was geht in den heruntergekommenen Laboren vor sich?
Was hält die Handvoll (Ex-)Wissenschaftler, eine scheinbar verschworene
Gemeinschaft „Schiffbrüchiger“, auf der Insel und womit finanzieren sie ihren
Lebensunterhalt? Sind sie Gäste oder Gefangene auf dem exotischen Eiland? Und
welche Rolle kommt ihm selbst zu? Tobey geht diesen Fragen nach, versucht Schein
und Wirklichkeit, Wahrheit und Lüge zu durchdringen und kommt auf diesem Weg
ziemlich weit.
Die ganze Wahrheit aber kennt nur Megan. In seinem spannend und klar
komponierten Roman begleitet Rolf Lappert zunächst Tobey bei seinem
abenteuerlichen Aufenthalt auf der Insel, blickt im Mittelteil auf die Kindheit
des früh von der Mutter verlassenen Geschwisterpaares auf einer Farm in Irland
zurück und schickt den Leser dann zurück auf die exotische, weitab von
Schifffahrtswegen gelegene Insel, deren Gerüche und Wege, Pflanzen und Klima,
Ruinen und Bewohner man dank atmosphärisch dichter, detailreicher und äußerst
anschaulicher Schilderungen schon so gut kennt. Jetzt geht es um Megans Ankunft
und Schicksal dort.
Mit düsterem, ruhigem Grundton und einer wohltuenden Prise Humor hat Lappert
eine Mischung aus Abenteuergeschichte, Robinsonade, Kindheitsroman und Thriller
geschrieben. Wie schon in seinem prämierten Vorgängerroman „Nach Hause
schwimmen“ geht es auch diesmal um das Prägende tragischer Kindheiten. Das
Verhältnis des Menschen zur Natur, speziell zu den Primaten, ist ein weiteres
zentrales Thema. „Am meisten fasziniert mich an der Beziehung zwischen Mensch
und Tier die Tatsache, dass wir nicht miteinander reden können“, sagt der Autor
in einem Interview und hebt genau dieses Manko in seiner Geschichte glaubwürdig
auf.
Über Wortkärtchen kommunizieren Affen mit Menschen - auch über ihre Gefühle und
Erinnerungen. Der Autor selbst ist übrigens Vegetarier und steht auf dem
Standpunkt: „Solange keine Menschen zu Schaden kommen, ist meiner Meinung nach
jedes Mittel erlaubt, gegen Tierquälerei und Umweltzerstörung vorzugehen. So
gesehen ist Megan meine Heldin, die das tut, wofür ich zu feige war und bin.“
Starke Worte und ein starker Roman, der angesichts der aktuellen Debatte über
sorgsameren Umgang mit der Tierwelt genau zum richtigen Zeitpunkt kommt.
Die vollständige
Besprechung mit Abb. von Birgit Ruf finden Sie unter
Nürnberger
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