Auf den Dächern wird wieder getrommelt.
Gedichte von Lisa Mayer (1999, Haymon).
Besprechung von Christoph Janacs aus Rezensionen-online *LuK*:

Die Weiblichkeit des Wortes
Zu drei Gedichtbänden Salzburger Autorinnen

Gibt es eine weibliche Dichtung, eine weibliche Schrift, die sich, signifikant anders als jene von Männern, der Wirklichkeit einschreibt und sie verändert; die ihre LeserInnen in einer eigenständigen, un-männlichen Sprache anspricht? Gibt es unverwechselbar Weibliches in der Literatur, das, abseits aller Ideologismen, als weiblich erkennbar ist? Ich meine nicht jene Literatur für Frauen, die angebliche oder echte Probleme und Themen von Frauen erörtert, ich meine auch nicht Literatur von Frauen – beides firmierend unter dem so vieldeutigen wie mißverständlichen Begriff »Frauenliteratur« –, ich meine, ja, was meine ich eigentlich?

Unmöglich, von »weiblich« und »männlich« zu sprechen, ohne Gefahr zu laufen, das, was weiblich und männlich bedeuten und sein könnte, zu verkürzen auf eine Karikatur desselben oder gar ein ideologiebefrachtetes Zerrbild. Noch weniger möglich, »weibliche« und »männliche« Literatur eindeutig zu definieren. Oder wäre es nicht besser, einfach »gute« von »schlechter« Literatur zu unterscheiden und Etiketten wie weiblich und männlich sein zu lassen?

Mögliche Antworten oder wenigstens Näherungen an in Erwägung zu ziehende vorläufige Antworten geben drei im Herbst erschienene Gedichtbände von Salzburger Dichterinnen. Roswitha Klaushofer, Jahrgang 1954, versammelt in ihrem ersten Buch Schattenversteck unterm Lid 50 knappe, höchst konzentrierte Gedichte oder besser: lyrische Gebilde, die, oft nur aus wenigen Versen und Worten bestehend, Zeugnis ablegen von Klaushofers langer und zäher Arbeit der Verdichtung. Schon das erste Gedicht »Schmetterlinge« weist den LeserInnen den Weg, den Klaushofer einzuschlagen beabsichtigt: »Sie kennen / die Jahreszeit // Ihr Flügelschlag / kommt unserem Herzen / sehr nah // Ihre Sommer / sind kurz.« Es sind fragile, auf das notwendigste sprachliche Material reduzierte Gedichte, die, meist von Naturbeobachtungen oder -metaphern ausgehend, Privates thematisieren, manchmal philosophischen Fragen nachgehen, aber nur äußerst selten Politisches, dann aber umso herber im Tonfall, ansprechen, wie »Indizien« zeigt: »In der Schleimspur / der Schnecke / ist nichts Bedrohliches / erkennbar // Es kann / keine Klage / geführt werden.« Manchmal allerdings geht Klaushofers Verkürzung so weit, daß kaum noch von Gedichten, sondern eher von Aphorismen, Sentenzen oder Epigrammen zu sprechen ist, bei denen der Zeilenbruch eher beliebig, zumindest nicht sinnstiftend erscheint. Und dort, wo Natur und Gefühl im Zentrum stehen, ist die Grenze zum Sentimentalen nur allzu nah. Wo sie aber die Reduktion nicht ins beinahe Verstummen vorwärtstreibt, gelingen ihr Gedichte von dunkler, herber Schönheit: »Wenn / ein Traum erlischt / bevor / er zu Ende ist / zeichnet sich ein Gefälle ab / das auch / im Sonnenaufgang stehen kann.«

Lisa Mayer, ebenfalls Jahrgang 1954, legt mit Auf den Dächern wird wieder getrommelt ein bemerkenswertes Debüt vor: die 69 in acht Zyklen versammelten Gedichte sind von außergewöhnlicher Schönheit, stilsicher in der Wahl der sprachlichen Mittel, hochpoetisch, ohne jemals sentimental oder künstlich dunkel zu sein, in Bildhaftigkeit und Metaphorik eigenständig, so daß schon nach wenigen Seiten die ganz persönliche Handschrift erkennbar wird, wie »Ohne Gewähr« beweist: »Auf den Dächern / reichen die Vögel / mit breitem Gelächter / den Tag weiter // In den warmen Bäuchen / der Häuser / drehen Kinder sich / in ihren Träumen / nach Osten // Einer schlägt der Nacht / die Tür zu // Wieder das Dunkel / in Schränke verstaut / der Drossel geglaubt // Von weither lügt die Sonne.« Es ist eine gleichzeitig präzise und nicht kalkulierte Bilderflut, die die LeserInnen hier mitreißt, ein rhythmisierter Sog aus überraschenden Wendungen und Sätzen wie dem folgenden (aus dem Titelgedicht »Auf den Dächern«): »Wenn einer nicht weiß wohin / wie soll er dann sterben?« Treibende Kraft für alle Gedichte ist der Wille der Dichterin, das menschliche Sein sprachlich auszuloten; dabei scheint sie ein für unsere Zeit erstaunlich großes Vertrauen in die Sprache zu besitzen, frei von grundsätzlicher Skepsis und Reserviertheit poetischer Ausdrucksweise gegenüber, was sie aber nicht sorglos, sondern nur umso behutsamer werden läßt, so daß ihr selbst bei den kürzesten Texten Gedichte von großer poetischer Kraft gelingen: »Treibholz zuerst // dann eine Hand / bleib / ein Blick wird dir / Land zuwerfen / dich in Felle kleiden / eine Stimme.«

Gudrun Seidenauer, Jahrgang 1965, hat bereits 1996 mit ihrer Anagramm-Sammlung Apfel und Aug auf sich aufmerksam gemacht, mit der sie bewies, daß sie imstande ist, dieser rigiden lyrischen Form neue Facetten abzugewinnen und das in einer eigenständigen, bilder- und metaphernreichen Sprache. Nun legt sie mit Wüstenlieder ein weiteres Zeugnis ihres Schaffens vor, das gleichermaßen überrascht, verstört und betört: in neun zumeist über zwei, drei Seiten ausladenden Gedichten, die wiederum aus zahlreichen kleinen und kleinsten Einheiten bestehen, um-schreibt sie Leben, Liebe und Tod, manchmal in aphoristischer, prägnanter Kürze (»leben ist sterben ist ein gott / den du malst«; »um voneinander nichts zu wissen / gehen wir ins feuer«; »endlich ist wenig genug«), manchmal in poetischer Bildersprache (»hartes gebell das die nacht zurückjagt / hoch hinauf in den himmel«; »die schweren schläge der sonne / markieren das ziel«), manchmal in die Grenzen zum Pathos überschreitenden Gesängen: »verflachende tage von ferne / gesang gestirne // gesang der mit ihnen steigt / funkelt sich dreht // gesang der anschwillt / der was zu feiern ist kündet: // das verbrennen der schatten.« Seidenauer geht es um viel: nicht bloß um »die neudeutung des himmels«, sondern auch um die Neudeutung dessen, was als Poesie zu gelten hat und zu akzeptieren ist. Dazu ist sie bereit, mythische Gestalten (»die dreizehnte fee«, »die große jägerin«) wiederzubeleben oder zu erfinden und einen Tonfall anzuschlagen, der manchen Gedichten ein archaisch anmutendes Gepräge verleiht, was durch die in warmen Ocker- und Rotbrauntönen gehaltenen Lithographien der Salzburger Künstlerin Susanne Popelka noch verstärkt wird, die den schmalen Band zu einer bibliophilen Kostbarkeit machen.

Gibt es also eine weibliche Dichtung? Ich denke, die drei Gedichtbände geben, jeder auf seine Weise, ein beredtes Zeugnis davon, daß es eine Weiblichkeit des Worts gibt, eine Art, mit Sprache umzugehen und Bilder zu evozieren, wie sie Männern nicht oder nur selten eigen ist. Und daß es unverwechselbare lyrische Stimmen gibt, denen man unbedingt zuhören sollte.

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