Auf dem schwarzen Berg.
Roman von Bruce Chatwin (1982)
Besprechung von Angelika Overath in der Frankfurter Rundschau, 14.12.2001:

Flirt mit der Welt
Eine Aufforderung, sich in Bruce Chatwin zu verlieben

Ihr Glas, gefüllt mit purem Wodka, stand auf dem weißen Damasttischtuch. Hinter dem Abdruck des Lippenstifts schwamm eine Zitronenscheibe zwischen den Eiswürfeln. Wir saßen nebeneinander auf einer Bank. - "Worüber schreibst du gerade, Bruce?" - "Wales, Diana." - Die Unterlippe schoss nach vorn. Ihre geschminkten Wangen schwenkten in einem Winkel von neunzig Grad herum. - "Wale!" sagte sie. "Blauwale... Pottwale...! Der weiße Wal!" - "Nein... nein, Diana! Wales! Das walisische Wales! Das Land im Westen Englands." - "Oh! Wales. Ich KENNE Wales. Kleine graue Häuser ... mit Rosen bedeckt... Im Regen..."

"Ein Abendessen mit Diana Vreeland" heißt dieser kurze Text erstaunlicherweise, obwohl nur von Wodka die Rede ist, und die große alte Dame der New Yorker Modewelt, Diana Vreeland, nicht weiter vorgestellt wird. Optisch erscheint sie über Lippenstiftspuren und Wangenrouge. Präsent aber ist sie, weil sie imaginiert. Die englische Vokabel "Wales", ein Teekesselchenwort für das Land Wales und die Tierfamilie der Wale, wird zur Initialzündung ihrer Fantasie. Über ein Wort erfindet sie für den Moment die Wirklichkeit, die für beide gilt: den Weißen Wal oder die walisischen Rosen im Regen. Zelebriert wird, auf dem weißen Damasttischtuch und bei purem Wodka, ein kleines Abendmahl der Fantasie.

Die Szene erschien 1982, der Autor, Bruce Chatwin, ist zweiundvierzig Jahre alt und beendet sein drittes Buch. Es heißt nach einem walisischen Hügel "Auf dem schwarzen Berg" und erzählt die Geschichte von Zwillingsbrüdern, die auf ihrer Farm das komplizierte Glück eines symbiotischen Lebens führen. Interpreten werden später sagen, dass sich Chatwin in diesem Buch mit seiner nie ganz offen gelebten Homosexualität auseinander setzt.

"Abendessen mit Diana Vreeland" erscheint noch einmal sieben Jahre später. Kurz vor seinem Tod im Januar 1989 stellt Bruce Chatwin einen Sammelband früherer Arbeiten zusammen. Dieser Nachlass zu Lebzeiten versammelt journalistische Texte, die meist für das Sunday Times Magazine geschrieben worden waren. Der Autor nennt sie "Fragmente, Geschichten, Portraits, Reiseerzählungen" und gibt ihnen einen existenziellen Titel: "Was mache ich hier". Für die Buchform hat er die Texte überarbeitet und einem redigierenden Prozess der Erfindung unterworfen. In der Spanne von Tatsache und Fiktion entwickelte Bruce Chatwin eine eigene literarische Mischform, die, wie er zeigte, zwischen Roman und Reisebericht, impressionistischer Skizze und Portrait, ethnologischer Studie und Reportage spielerisch wechseln kann.

Was allen seinen Texten gemeinsam bleibt, ist ein Insistieren auf dem harten Kern erlebter Realität. Schon die frühen Lieblingslektüren des Kindes waren keine rein fiktiven Geschichten, sondern Expeditions- und Reiseberichte mit dokumentarischem Charakter. Jules Verne etwa habe ihm nie gefallen, weil er glaubte, dass das Wirkliche stets fantastischer sei als das Fantastische. Seine Lektorin Susannah Clapp aber kolportiert ein relativierendes Wort, mit dem Chatwin den anderen Pol seines Schreibens benannte: "Ich halte nichts davon, mit der Wahrheit herauszurücken."

Der Engländer Bruce Chatwin, geboren im Kriegsmai 1940, stirbt mit 48 Jahren am 18. Januar 1989 in Nizza an Aids. Obwohl er einen flammenden Artikel für die Unterstützung von Aidskranken schrieb, hat er bis zuletzt versucht, seine Krankheit als eine seltene exotische Ansteckung zu deklarieren. Er sprach unter anderem von einer Virusinfektion, die er sich in einer Fledermaushöhle auf Bali zugezogen habe, oder von einer Erkrankung durch das Verspeisen eines schwarzen 1000-jährigen Eis im Süden Chinas. "What am I doing here" erscheint posthum bei Jonathan Cape in London; ein Jahr später gibt der Carl Hanser Verlag eine leicht gekürzte deutsche Fassung heraus.

Zu diesem Zeitpunkt ist Bruce Chatwin, der mit 36 Jahren sein erstes Buch schrieb und zu Lebzeiten gerade fünf Bücher veröffentlicht hat, bereits ein Mythos. 1997 erscheint eine erste Biografie: "Mit Chatwin." Es sind die Erinnerungen seiner Lektorin Susannah Clapp, die die überquellenden Manuskripte und ihren exzentrischen Autor betreute; drei Jahre später kommt die Biografie des Freundes und Schriftstellers Nicholas Shakespeare heraus. Das Buch ist das 800 Seiten starke Ergebnis einer siebeneinhalbjährigen Recherche. Nicholas Shakespeare führte 50 Interviews in 22 Ländern auf fünf Kontinenten. Wie schon das Buch von Clapp wurde es sofort ein Publikumserfolg. Warum das alles? Warum so viel Aufmerksamkeit für einen Autor, der letztlich Reporter war und hauptsächlich Reiseliteratur geschrieben hat?

Ich fuhr über die Magellanstraße nach Feuerland. An der Nordküste der ersten Meerengen stand ein Leuchtturm, orangerot und weiß gestreift, hoch über einem Strand, der mit kristallhellen Kieselsteinen, lila Muscheln und zerbrochenen scharlachroten Krebsschalen übersät war. Am Wasserrand durchsuchten Austernfischer mit ihren langen Schnäbeln die rubinroten Algen nach Schalentieren. Die Küste Feuerlands war ein aschgrauer Streifen, kaum drei Kilometer entfernt. Vor einem Restaurant, einer Blechbude, stand eine Reihe von Lastwagen in Erwartung der Flut, die die beiden Fährschiffe für die Überfahrt wieder flottmachen würde. Drei alte Schotten standen in der Nähe. Sie hatten rosageäderte himmelblaue Auge, und ihre Zähne waren abgefault bis auf ein paar kleine bräunliche Stümpfe. Im Restaurant saß eine kräftige dralle Frau auf einer Bank und kämmte sich das Haar, während sie sich von ihrem Begleiter, einem Lkw-Fahrer, Mortadellascheiben auf die Zunge legen ließ.

Das waren neue Farben, das war ein neuer Ton, der süchtig machen konnte. Es war der scheinbar kalte Blick auf scheinbar nichtssagende Details. Auf einmal waren nie gesehene Einzelheiten die Hauptfiguren von verheißungsvollen Geschichten. Chatwins Prosa schien Leben pur zu sein, ein hochprozentiges Destillat, gereinigt von all dem Überflüssigen, das das Leben sonst ausmacht. Hans Magnus Enzensberger hat den todkranken Schriftstellerkollegen zuletzt noch in Nizza besucht. In seinem Nachruf charakterisiert er ihn als einen Geschichtenerzähler, "der weit über die Grenzen der Fiktion hinausgeht". Das ist nur ein scheinbares Paradoxon.

Normalerweise ist von den Grenzen der Realität die Rede, die erst die künstlerische Vorstellung, die Erfindungsgabe überschreitet. Dabei wird vergessen, dass gerade das reine Fantasieren Grenzen hat; sie liegen in seiner Unverbindlichkeit. Was nur ausgedacht ist, muss mit uns nichts zu tun haben. Der Reisende Bruce Chatwin hingegen hat nach Wirklichkeiten gefahndet. Unterwegs - oft zu Fuß, Schritt für Schritt - suchte er Antworten auf die merkwürdige Frage, die sein Dasein war. Das gab seinem Schreiben eine philosophische Dringlichkeit, auch da, wo er nicht direkt "mit der Wahrheit herausrückte".

Als Reporter interessierten ihn fremde, extreme, unmögliche Lebensformen. Der Autor, der einem Kinderglauben an die heilere Welt der Nomaden anhing, war sicher das Gegenteil von einem bildungsbeflissenen bürgerlichen Reiseschriftsteller. Tourismus, konnte er wettern, sei eine Todsünde, Wandern hingegen eine Tugend. Es war das ziemlich komplizierte Faszinosum des Einfachen, das den anspruchsvollen und radikalen Ästheten Chatwin anzog. Er trat auf wie ein Snob und träumte von der Askese. Als etwas, das schön war - intensiv, überraschend, echt -, schien das Leben gerechtfertigt. Und wo das Leben nicht schön war, gab es immer noch die Möglichkeit, es erinnernd, erzählend in Kunst zu verwandeln. Man musste nur an das Leben glauben.

Bruce Chatwin, Sohn eines Anwalts und einer berufslosen Mutter, kam verhältnismäßig spät zum Schreiben. Da sein Vater im Krieg als Marineoffizier wenig zu Hause war, verbrachte das Kind die ersten Jahre seines Lebens an der Seite der zärtlichen, aufmerksamen Mutter bei wechselnden Verwandten. Er wurde kein guter Schüler und begann mit 18 Jahren, da er sich für alte Möbel interessierte, sein Berufsleben als Botenjunge in dem Kunstauktionshaus Sotheby's. Er arbeitete zunächst in der Antiquitätenabteilung, bald in der neuen Abteilung für Impressionismus, die nach der legendären Oktoberversteigerung 1958 entstanden war.

Bruce Chatwin machte schnell Karriere. Er verblüffte damit, ein stilsicheres Auge zu haben. Er erkannte mühelos Fälschungen. Bald wurde er von Sotheby's auf Einkaufsreisen geschickt. Chatwin kaufte auch privat Kunst und handelte zwischenzeitlich mit Objekten. Bevor er literarische Prosa verfasste, schrieb er minutiöse Artikel für die Auktionskataloge von Sotheby's. Hier musste jedes einzelne zum Verkauf angebotene Objekt möglichst genau und möglichst attraktiv vorgestellt werden. Wichtig dabei war festzustellen, durch welche Hände ein Gegenstand bereits gegangen war. Denn der Wert eines Kunstwerks liegt nicht zuletzt in seiner Provenienz und seiner Geschichte.

Indem Chatwin immer mehr dazu überging, sich dem Alltag mit dem Blick des Auktionators zu nähern, wurde er zum Schriftsteller. Seine Frau Elisabeth äußerte einmal, dass für ihn seine Gänse Schwäne waren. Mit einem Auge, das verwandeln konnte, machte er aus seinen Augenblicken Pretiosen. Er gab dem Gesehenen den Glanz des Sammlerglücks. Neben der Obsession für Nomaden, denen er sein Australienbuch "Traumpfade" widmet, ist es bezeichnenderweise auch die Gegenfigur des Sammlers, die im Zentrum seines letzten Buches "Utz" steht. Recherchierend und schreibend war Chatwin Nomade und Sammler zugleich.

Bruce Chatwin ist viel fotografiert worden. Er hatte jene Attraktivität, die auf Männer wie Frauen gleichermaßen wirkt. Er wusste darum und setzte sie ein. Der Fotograf McCullin hat sein Auftreten lachend beschrieben: "Als ich die Tür erreichte, schwang diese plötzlich auf und gab den Blick auf Chatwin frei, der wie Miss World dastand. Er sah aus, als hätte er einen Laden betreten und gesagt: Ich möchte das schönste Lächeln, die schönsten Augen und das schönste Haar." Und vermutlich hatte er all das bekommen.

Immer wieder wurden die "verrückten, verrückten Augen eines Entdeckungsreisenden aus dem neunzehnten Jahrhundert", seine blaue Augen erwähnt, seine exquisite Kleidung, das ganze Strahlen des blonden schlanken Mannes, der bis zum Ausbruch seiner Krankheit, Mitte vierzig, nie älter als 35 Jahre aussah.

Miranda Rothschild, eine langjährige Vertraute und kurzfristige Geliebte, brachte es gelassen auf eine Formel: "Man denke an das Wort ,charmant '. Man denke an Verführung als Antriebskraft. Er war darauf aus, alles zu verführen, und es spielte keine Rolle, ob es sich um einen Mann, eine Frau, einen Ozelot oder einen Teewärmer handelte."

Wer einen Stein aufhebt, verändert den Stein. Er belädt ihn mit seiner Aufmerksamkeit. Sammler sind Menschen, die Dinge aufheben. Sie gehören in die Gattung der Liebenden. Für sie ist schön, was zu sammeln sie sich entschlossen haben. Bruce Chatwin hat Wellblechhütten fotografiert, als seien es avantgardistische Paläste. In einem chinesischen Billigteller aus maschinell bedrucktem Emaille konnte er Anklänge an den russischen Futurismus entdecken. Der in seiner Krankheit schon von Visionen gehetzte Chatwin bestimmte das Material eines kultischen Messers der australischen Aborigines als "eine Art Wüstenopal" von wunderbarer Farbe, "fast die Farbe von Chartreuse". Es waren die Scherben einer Bierflasche, kunstvoll zurechtgeschliffen. Unter seinem Blick wurden übersehene Dinge kostbar. Wie ein Liebender veränderte er das Objekt seines Begehrens. Seine Texte sind ein groß angelegter Flirt mit der Welt. Das Tröstliche, das Versöhnliche, das noch von seinen krudesten Beschreibungen ausgeht, ist das große Trotzdem des Bräutigams, der - und sei es nur als Gegenzauber - verspricht, dass, wie es auch sei, das Leben schön ist.

Am Tag zuvor war ich den Nonnen des Klosters Santa Maria Auxiliadora bei ihrem Sonntagsausflug zur Pinguinkolonie auf Cabo Virgenes begegnet. Ein ganzer Bus voller Jungfrauen. Elftausend Jungfrauen. Rund eine Million Pinguine. Schwarz und Weiß. Schwarz und Weiß. Schwarz und Weiß.

Die fünf Bücher Chatwins spielen in fünf Weltgegenden und überschreiten die Gattungen. Sein erstes Buch "In Patagonien", das den Ausflug auf die Pinguininsel festhält, erzählt von Feuerland und den walisischen Auswanderern, aber es thematisiert auch die Sehnsucht des Jungen Bruce nach einem Stück Faultierhaut. Noch vor den Kunstobjekten bei Sotheby's war das Kind beeindruckt von einer Vitrine im Wohnzimmer seiner Großmutter. Hier lag, hinter Glas neben anderen persönlichen Erinnerungsstücken, ein schrumpeliges Stück Haut mit rötlichen Borsten. Ein nach Feuerland gereister Cousin hatte es einst mitgebracht. Für das Kind, dem man sagte, es stamme von einem vorzeitlichen Tier, war es eine Verheißung. Als nach einem Aufräumen das "Stück von dem Brontosaurus" verschwunden war, muss es für den Knaben den starken Sog einer Sehnsucht hinterlassen haben.

Viel später, auf dem Höhepunkt seiner Karriere bei Sotheby's, bricht Chatwin überraschend nach Patagonien auf: Jetzt war die Zeit gekommen, nach einem Ersatz für die Haut zu suchen. In einem Interview sagte er aber auch, wer schreibe, müsse ein Ziel haben, und wenn er keines habe, so müsse er eines erfinden. Vielleicht war das Stück borstige Haut auch ein literarisches Symbol für einen, der ausgezogen war, sich nun mit Haut und Haar in eine andere Existenz aufzumachen. Und Patagonien war als Ziel nicht schlecht: Es war das entfernteste Stück Erde.

Chatwins Prosa macht Ernst mit der Tatsache, dass jedes Erzählen über die Welt letztlich fiktiv ist. Sprache, wenn sie stilistisch über den Wetterbericht hinausgeht, erzeugt und lenkt Vorstellungen. Der Erzähler, der eine wahre Geschichte erzählt, ist ein Übersetzer. Er übersetzt aus der Komplexität des erlebten Augenblicks in eine sprachliche Struktur.

Erzählen kann das Leben verständlich machen, weil es auswählt und damit vereinfacht. Erzählen heißt über den erzählenswerten Ausschnitt entscheiden, heißt pointieren, dramatisieren, dem Erlebten eine Form geben.

Die romantische Vorstellung, es schlafe ein Lied in allen Dingen, das der Dichter zum Klingen bringen könne, ist dem modernen Reporter Bruce Chatwin nicht fremd. Sein Australienbuch "Songlines", deutsch "Traumpfade", folgt den mit Legenden belegten Nomadenwegen der Ureinwohner Australiens. Die "songlines" sind reale Pfade, die mittels der Lieder memoriert und gewandert wurden. Für die Nomaden "singt" die Welt und kann gesungen werden. Sie leben in einer Korrespondenz von Gehen und Singen, von Armut und Fülle.

Bruce Chatwin glaubte an das Leben der Nomaden und hielt sich doch auffällig viel in den wechselnden Villen seiner reichen Freunde auf. Er predigte die Besitzlosigkeit und sammelte Kunst. Er liebte seine Frau und lebte weder monogam noch besonders häufig mit ihr zusammen. Er sah provozierend gut aus und starb mit 48 Jahren, von Aids entstellt. Chatwin war voller Widersprüche, und Widersprüche zogen ihn an: als eine Chance. Sein letzter Held, der triebhafte Sammler Utz, zerschlägt am Ende seine Porzellansammlung und überlässt sie der Prager Müllabfuhr. Er will nicht mehr den Liebesersatz. Mit den Scherben gibt er auch seine wechselnden Gespielinnen auf und heiratet seine Haushälterin, die seit Jahren auf ihn hofft. Er macht sie zur Baronin von Utz. Das ist ein Märchenstoff, von Chatwin wie eine Reportage erzählt.

Am Ende reist Bruce Chatwin auf den Berg Athos und lässt sich vor seinem Tod in den orthodoxen Glauben initiieren. Nach einem griechischen Gedenkgottesdienst bringt seine Frau Elisabeth die Urne nach Griechenland in die Mani, wo er an den "Songlines" geschrieben hatte. Sein Lieblingsort war ein 1000 Jahre altes, geducktes byzantinisches Kirchlein an den Hügeln des Taygetos gewesen. Neben den roten Ziegelmauern am Fuß eines Olivenbaums wird seine Asche in die Erde gemischt.

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