Aufbruch von Ulla Hahn, 2009, DVA1.) - 3.)

Aufbruch.
Roman von Ulla Hahn (2009, DVA).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 10.09.2009:

„Heldejaad” geht jetzt zur Uni
Ulla Hahns neuer Roman „Aufbruch” setzt „Das verborgene Wort” fort

Das amerikanische Märchen vom Millionär mit der Tellerwäscher-Ausbildung soll ja vor allem den beruflichen Ehrgeiz von Millionen Tellerwäschern beflügeln. Aber es wird erzählt, weil es vom Besonderen handelt und nicht vom Normalfall; so verrät es auch etwas von den unerfüllten Sehnsüchten einer Gesellschaft. Die deutsche Version dieses Märchens geht ein bisschen anders: Das Unwahrscheinlichste für die Tellerwäscherkinder hierzulande ist, dass sie einst an einem Professorenschreibtisch sitzen werden oder sonstwie zur Bildungselite gehören.

Kann gut sein, dass daher der gigantische Erfolg für Ulla Hahns Roman „Das verborgene Wort” (2001) rührte – 500 000 verkaufte Exemplare allein in Deutschland. Denn dieser Roman erzählt von den vielen Widerständen, die das Proletarierkind Hildegard zu überwinden hat, wenn es seinen Bildungshunger stillen will – Hilla oder „Heldjaad” Palm aus Dondorf am Rhein, das jenem Monheim zum Verwechseln ähnlich sieht, in dem die spätere Universitätsdozentin, Literaturredakteurin, Dichterin und Klaus-von-Dohnany-Ehefrau Ulla Hahn aufgewachsen ist. Die Autorin garantierte schließlich den guten Ausgang der autobiografisch verbürgten Geschichte.

So geht es nun weiter mit Hilla – „Aufbruch” heißt der zweite Teil der geplanten Trilogie, der heute erscheint: Am Anfang wird sie endlich ins Aufbaugymnasium aufgenommen, am Ende wird sie in Köln ins Studentenwohnheim einziehen. Dazwischen schildert Ulla Hahn Backfisch-Jahre zwischen Elvis und den Beatles, zwischen Auschwitz-Prozessen und dem Quelle-Katalog als neuer Wohlstandsbibel. Es bleibt aber – trotz der vielen Seiten – eher eine aquarellierte Gesellschaftsskizze als ein farbenprächtiges Sittengemälde der 60er Jahre.

Wieder sorgt das rheinische Platt aus den Mündern der Dondorfer für die Farbe dieses Romans, der betulich dahinplätschert wie der Rhein im Sommer bei Niedrigwasser. Da wirkt Hillas längere Affäre mit dem reichen Kakao-, Pralinen und Schokoladen-Erben Godehard van Keuken, für den wir wahrscheinlich eine Entsprechung in der Wirklichkeit suchen sollen, genauso gesucht und aufgesetzt wie die Vergewaltigung, die einen Schatten über die zweite Hälfte des Buchs wirft. Nein, Ulla Hahns wahre Stärke bleibt die Kurzstrecke – nicht das Märchen, nicht der Roman, sondern das pfiffige Gedicht.

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Leseprobe I Buchbestellung 0909 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

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Aufbruch von Ulla Hahn, 2009, DVA2.)

Aufbruch.
Roman von Ulla Hahn (2009, DVA).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 11.09.2009:

„Aufbruch“: Ulla Hahns Fortsetzung ihres Bestsellers „Das verborgene Wort“ erscheint heute.

„Dat Kenk vun nem Prolete“, das ist Hilla Palm; das Kind von einem Proleten, das auf den Flügeln der Worte die Freiheit – nicht nur des Geistes a, aus denen man wunderbare Geschichten herauslesen konnte, bildeten die Grundmauer dieser Freiheit. Ulla Hahn (geboren 1946), zuvor vor allem bekannt durch ihre Gedichte, legte 2001 den dickleibigen Roman „Das verborgene Wort“ vor und beherrschte damit monatelang die Bestsellerlisten. Leser schenken ihr noch heute Steine, die ihnen besonders gut gefallen.

„Dat Kenk“ ist im neuen Roman „Aufbruch“ ein fast erwachsenes Mädchen geworden. Es hat die ersten Lebenskämpfe gewonnen: Hilla darf das Abitur nachmachen, kann die Tretmühle eines Bürolehrlings hinter sich lassen und hat ihre Sauferei besiegt. Aber die nächsten Kämpfe stehen an. Die junge Frau lebt in einer Welt – die 60er-Jahre der alten Bundesrepublik –, die „dat Kenk vun nem Prolete“ möglichst unten halten will, besonders wenn es weiblich ist. Und das gilt nicht nur für hochnäsige Wirtschaftswunder-Profiteure, sondern auch für die eigenen Eltern. In dem kleinen Ort am Rhein in der Nähe von Köln, der industriell geprägt ist, sind gebildete Frauen überflüssige Wesen.

Aber Hilla, die eigentlich Hildegard heißt und am Ende des Romans den Weisheiten der Patronin Hildegard von Bingen viel zu verdanken haben wird, stürzt sich jetzt erst einmal in das Glücksgefühl, Latein lernen zu dürfen. Herrlich, wie Ulla Hahn das Hohelied auf diese von vielen gefürchtete Sprache singt. Sinnlich und himmelhoch jauchzend lässt sie ihre Hilla diese Mutter vieler europäischer Sprachen genießen. Wie die junge Frau überhaupt eine Sprach-Schlürferin ist, die Worte, Dichtung, Lesbares als lebenspendende Nahrung aufsaugt: „Ich war auf einen Herzsatz gestoßen; ... Der Satz war mir zu Herzen gegangen, und ich würde mir, was das Buch zu sagen hatte, zu Herzen nehmen... Indem ich es erlas, würde ich mich selber lesen, indem ich es verstand, verstand ich mich. Bücher sollten mich aus mir herausfordern.“

Das Einswerden mit einem Buch funktioniert nicht

Das Einswerden mit einem Buch funktioniert natürlich nicht. Das verhindert schon das verständnislose Elternhaus von Hilla: der düstere Vater, der sie früher mit dem Gürtel schlug, die hypersparsame, katastrophensüchtige Mutter und die superkatholische Oma. Sogar positive Begegnungen können tückisch sein. Zwar sind der verstorbene Großvater, Erfinder der „Buchsteine“, und der Bruder Bertram, der Pfarrer und so mancher Lehrer unerschütterliche Schutzengel, aber mit Liebes-Kandidaten hat Hilla kein Glück. Eine Jugendliebe ist nur noch schmerzliche Erinnerung, der reiche Godehard sucht, wie sie erkennen muss, bloß ein Double für seine verstorbene Verlobte, und beim Schulfreund, der ihr Mathe-Nachhilfe gibt, schlägt ihr in dessen Zahnarzt-Elternhaus Oberschicht-Dünkel entgegen.

Hahn versucht sich hier an einer grotesken Episode. Sie schneidet „filmisch“ ineinander: die Fernsehszenen von John F. Kennedys Ermordung und das inquisitorische Gespräch über Hillas schiefe Zähne und die Zahnspange (hatte ihr Vater zerstört).

Dörfliche Damen mit Quelle-Katalog

Die Autorin wagt, beeindruckt – gewinnt aber nicht überzeugend, denn das Konstruierte tritt zu deutlich hervor. Von Zeit zu Zeit scheint der Schriftstellerin einzufallen, dass sie politische und kulturhistorische Fakten einstreuen sollte, dann tauchen von Adenauer über die Beatles bis Gastarbeiterinnen allerhand 60er-Jahre-Phänomene auf, um sogleich spurlos zu verschwinden. Am besten gelingt das Zeitkolorit, wenn Hahn einen kleinen dörflichen Damen-Clan schildert, der zum Beispiel kichernd und ratschend aus dem neuen Quelle-Katalog bestellt. Das lebt und sprüht, sprachspielt mit Platt, Hochdeutsch, Englisch und Latein – und ist heute obendrein aktueller Abgesang auf jene Verkaufskultur.

Trotz dieser Schlenker, die unterhaltsam sind und ein Erinnerungs-Ach-ja auslösen, verliert Ulla Hahn nie die Spannung zwischen „Proleten“ und Bürgern aus den Augen. Dabei schildert sie nur punktuell den selbstbewussten Arbeiter, dem Bücher wichtig sind, sondern ausführlich einen verdrucksten Kleinbürger, der sich unterwürfig ausbeuten lässt – wie Mutter und Vater. Diese Haltung verabscheut Hilla, begehrt zäh auf. Und lernt hinzu. Die Frankfurter Nazi-Prozesse laufen gerade; die Schüler sollen sich in ihrem heimischen Umfeld von der damaligen Zeit berichten lassen. Und da erfährt das Mädchen, dass Großmutter, Mutter und Vater einst sehr wohl Zivilcourage bewiesen haben. Dieses Lernen, die eigenen Klischees aufzubrechen, setzt sich in „Aufbruch“ unaufdringlich, aber immer stärker durch.

Das fürchterlichste Lernen – nämlich, dass die Buch-Welt nicht gegen alles schützt – gehört dazu: Hilla wird vergewaltigt. Da kann selbst sie sich nicht aus dem kleinherzigen „Hilla-Selberschuld“-Teufelskreis befreien. Die Katastrophe verkapselt sich wie TBC in ihrem Körper. Dichter-Worte dürfen nicht mehr gefühlt werden, sonst zerspringt der Schutzpanzer: Hilla muss sich selbst von ihrem Lebenselixier abschneiden. Zunächst liest sie nur noch Sachbücher – bis sie in Köln ihr Germanistikstudium aufnimmt. Dort an der Universität puffert die Wissenschaftssprache, die Ulla Hahn genießerisch persifliert, die emotionale Kraft der Dichtung ab.

Die Autorin führt ihre Figur mit der Vergewaltigung in den kalten, luftleeren Raum – einen ohne Liebe zur Kunst, ohne Vertrauen in den Glauben –, lässt sie in der völligen Unsicherheit einsam schweben. Und verliert sie doch nicht. Hier liegt die Leistung Hahns. Hier geleitet sie unsentimental und weise – eben nicht literarisch konstruiert – ihre Heldin aus dem seelenzerfetzenden Schmerz in den erträglichen Alltag des Weitermachens: „Wie viele Seiten hat ein jedes Ding, hatten wir als Kinder den Großvater gefragt. So viele, wie wir Blicke für sie haben, war seine Antwort gewesen. Und bei Menschen war das nicht anders. Im Guten und im Bösen.“

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Aufbruch von Ulla Hahn, 2009, DVA3.)

Aufbruch.
Roman von Ulla Hahn (2009, DVA).
Besprechung von Ingeborg Jaiser aus dem titel-magazin, 8.3.2010:

Proletenkind
Schon mit ihrem Vorgängerroman hat die ursprünglich als Lyrikerin bekannte Autorin eine Erfolgsgeschichte geschrieben, die als Teufelsbraten verfilmt wurde. Nun folgt ein weiterer Abschnitt der Chronik einer hart erkämpften Bildung.

Das verborgene Wort ist fortgeschrieben worden: Aus Hildegard Palm, dem begabten, aber widerspenstigen Mädchen aus dem bildungsfernen Milieu einer muffigen Kleinstadt im Rheinland ist der aufbegehrende Teenager Hilla geworden. Noch immer hat sie kein eigenes Zimmer, teilt die Schlafkammer im Elternhaus in der Dondorfer Altstraße 2 mit ihrem jüngeren Bruder Bertram; noch immer weiß sie keinen anderen Ausweg, als sich zurückzuziehen zum Lesen, Lernen, Träumen und Alleinsein in einen schäbigen, unbeheizbaren Holzstall.

Schuld sind die Bücher

Mit außergewöhnlicher Hartnäckigkeit und Sturheit, doch auch mit ungeahnter pädagogischer Förderung ist ihr der Sprung aufs Aufbaugymnasium gelungen. Geistig ausgehungert lechzt sie nach Literatur, Bildung und Wissen. Doch neben den Klassenkameraden aus begüterten Familien bleibt sie stets ein unscheinbarer und blässlicher Fremdling – das Kind einer schlichten Hausfrau und eines ungelernten Arbeiters – eben „dat Kenk vun ne Prolete“. Und zu Hause, in einer ärmlichen, bigotten, erzkatholischen Umgebung lässt man sie täglich spüren, dass sie sich bloß nichts einzubilden braucht. „Nix wie Driss em Kopp“, rügt die bodenständige Mutter, „dat kütt alles von de Bööscher“.

Die Bücher sind auch Schuld an Hillas erster großer Liebe. Vor einer Grabbelkiste mit Remittenden lernt sie den Fabrikantensohn Godehard van Keuken kennen. Der umgarnt und entführt sie in feinere Kreise, nennt sie bald besitzergreifend „meine kleine Frau“. Hier driftet Ulla Hahns Entwicklungsroman leider ins schmonzettenhafte Klischee ab, das bestenfalls an Vicki Baums Milieuschilderungen, schlimmstenfalls an schnulzige Arztromane erinnert.

Doch bald ist auch dieses Kapitel abgeschlossen. Hilla entledigt sich des drängenden Verehrers genauso wie eines werbenden Klassenkameraden, dessen schnöseliger Vater – ausgerechnet der Schularzt – eine unliebsame Zahnspangen-Episode aus der Kindheit wachwerden lässt. Unabhängigkeit ist Hillas Credo. Aber „dä Kääls“ kann sie sich nicht vom Leibe halten. Nach einer Feier der katholischen Landjugend verpasst sie den letzten Bus und versucht nach Hause zu trampen. Der Abend endet in einer brutalen Vergewaltigung auf einer Waldlichtung. Diese traumatische Erfahrung teilt Hillas Jugend in ein Davor und Danach (und das Buch fast exakt in zwei gleich große Teile). Als „Hilla Selberschuld“ hadert sie mit dem Geschehenen, hüllt sich fortan in schlabberige, unattraktive Kleider, um nur kein männliches Begehren mehr herauszufordern.

Et hätt noch immer jutjejange

Blindlings stürzt sie sich ins Lernen und ergattert nach bestandenem Abitur erst einen Studien-, dann einen Wohnheimplatz in Köln. Der lange, steinige Weg eines aufstrebenden Arbeiterkinds scheint zum Ziel geführt zu haben. Doch zwischen den Zeilen ist schon eine Fortsetzung des Romanzyklus’ zu erahnen. Hilla Palm als Berufstätige, Ehefrau, Mutter? Nicht wenige Leser warten bereits darauf.

Ulla Hahn ist mit Aufbruch gleichermaßen eine Emanzipationsgeschichte wie ein Familienroman und Zeitepos gelungen. Detailgenau zeichnet sie ein Sittengemälde der 60er-Jahre, schmückt es mit zahlreichen Insignien des Wirtschaftswunderdeutschlands: vom Quelle-Katalog bis zu Klosterfrau Melissengeist, vom Fernsehkoch Clemens Wilmenrod bis zu Familie Hesselbach, von den ersten Gastarbeitern bis zu wachsenden Neubausiedlungen. Und nicht zuletzt ist dieser Roman auch eine unvergleichbare Liebeserklärung an die rheinische Tiefebene und den dort gesprochenen Dialekt.

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