Aufbrechende
Paare.
Erzählungen von Jamal
Tuschick (2008, Weissbooks).
Besprechung von Jörg Plath in der Frankfurter Rundschau, 28.1.2009:
Der Stolz der harten Burschen
Peter Kurzeck, der eigensinnige Rhapsode
Frankfurts, hat einen Wahlverwandten bekommen. In Jamal Tuschicks Erzählungen
"Aufbrechende Paare" ist die Stadt am Main "kapriziös, zärtlich und so
großzügig, dass man umsonst in ihren Büschen pennen kann". Von den Figuren,
meist selten beschriebene proletarisch-kleinbürgerliche Deklassierte, lässt sich
so Vorteilhaftes nicht behaupten. Es geht rau und gemein zu.
Tuschicks Frankfurt ist eine Auffangstation für die von der
Liebe Gemarterten und Verstoßenen. Der Anspruch auf Liebe wird mächtig, jedoch
recht erfolglos erhoben. Einige Namen verbinden die vier Erzählungen wie einen
Reigen miteinander, doch bleibt unklar, ob sie dieselben Personen bezeichnen.
Deren psychologische Möblierung interessiert Tuschick nämlich keinen Deut. Die
Figuren handeln, als ob sie sich dabei verlieren: "Kurt erweitert den Kreis an
einem Wasserhäuschen."Zunächst reist Melchior aus
dem Südosten Europas an. Ein Heiliger König ist er nicht. Melchior Karneval
stammt aus einem Dorf auf dem Balkan, er hat einen deutschen Söldner umgebracht
und will nun dessen Frankfurter Geliebte Kat erben. Den etwas mühsamen Beginn
mit seiner Fantasy-Mischung aus Anachronismen und Gegenwartssplittern lässt die
zweite Geschichte vergessen, in der Tuschick von Herrschaft und Intrige erzählt,
von Vater und Sohn, die als Wirte einer Bornheimer Gastwirtschaft Angestellte
wie Gäste, Konkurrenten wie Lieferanten lustvoll und brutal unterwerfen. In der
dritten und vierten Geschichte löst ein Ich-Erzähler den allwissenden ab. Er
leidet unter der Trennung von einer Geliebten so rückhaltlos, dass sich der
Gedanke an Larmoyanz gar nicht erst einstellt. Jeder ist mit seinem Schmerz
allein, mögen die Schenken in Bornheim auch voll sein und sich die schönen
Frauen auf den Suhrkamp-Empfängen drängeln.
Wie
ein Polizeigriff
Nicht immer entgeht Tuschick der Gefahr, die Stadt zum
romantischen Schutzort zu erheben. Aber vor Kitsch und Sentimentalität bewahrt
ihn eine Sprache wie ein polizeilicher Zugriff: hart, oft parataktisch, ohne
begründende oder sonst wie Zusammenhänge herstellende Konjunktionen.
Ankündigungslos wechseln Blickrichtung, Ereignisse, Themen. Straßen und Kneipen
werden so zu Dickichten und Verhauen, bieten Schutz und stiften Verwirrung. Eine
Mischung aus Straßenargot und Soziologenjargon, aus Frankfurt-Bornheim-Arie und
teilnehmender ethnologischer Beobachtung lässt besonders die Gestalten der
Wirtschaft "Burg" in der zweiten Erzählung plastisch hervortreten: Der Leser
sitzt am Tresen, wenn Gäste die "Keramikabteilung" aufsuchen und der Wirt die
Bedienung aus Gründen der Machtvollkommenheit mit einer Schelle bedenkt. Alle
haben schon bessere Tage gesehen und zerreißen sich lautstark das Maul über die
vergleichsweise gut gekleideten "Frackleichen" gegenüber, die zu beneiden der
Rest von Selbstachtung verbietet.
So hat der 1961 Geborene schon in "Bis zum Ende der B-Seite" über eine Jugend
bei Kassel geschrieben, wo er aufgewachsen ist. Mit den stachligen
Milieuherbarien in "Aufbrechende Paare", seinem vierten Prosaband, erobert er
sich den Ort, an dem er seit Jahren lebt und (u.a. für die FR) schreibt. Gosse
oder Tresen - Jamal Tuschick gerät alles zum mythischen Gegenwartsort.[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
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