Auch wenn es Nacht ist.
Roman von Jo Mihaly (2002, Edition Memoria).
Besprechung von Beatrix Langner in Neue Züricher Zeitung vom 2.8.2002:

Engel der Heimatlosen
Ein wiederentdeckter Flüchtlingsroman von Jo Mihaly

Von einem Buch, das von der Flucht der deutschen Bevölkerung aus den kleinen Landstädten des heutigen Westpolen im Januar 1945 erzählt, möchte man nicht unbedingt soviel Anmut und Innigkeit des Gefühls erwarten, wie Jo Mihaly (1902-1989) in ihren Roman «Auch wenn es Nacht ist» gelegt hat. Als wären sie aus unmittelbarer Anschauung niedergeschrieben worden, behält man die bildhaften Szenen und fein gezeichnete Figuren noch lange im Kopf. Sie hat ihn wenige Jahre nach Kriegsende geschrieben, ohne Kenntnis des politisch-historischen Diskurses über Flucht und Vertreibung der Deutschen, der unsere Lektüre ein halbes Jahrhundert später durch historisches Wissen ergänzen muss.

Nach dem undatierten Manuskript aus dem Nachlass hat die Kölner Edition Memoria, die sich der verschollenen Werke deutscher Exilliteratur widmet, diesen Roman der Öffentlichkeit erstmals zugänglich gemacht. Es ist ein passioniertes Buch, das die Schrecken des Krieges mit der Kraft einfühlenden Erzählens vor Augen stellt und sich vor den vielen Antikriegsromanen der fünfziger Jahre durch seine novellistische Struktur und poetische Dichte abhebt. Am Beispiel eines jungen Mädchens, das im Chaos der deutschen Rückzugsgefechte die verwüstete Stadt Schneidemühl / Provinz Posen verlassen muss und ihre Eltern sucht, werden menschliche Schicksale skizziert, die der Krieg und die Flucht katastrophisch aufeinander zu trieb. Hungrig, unbeschuht und unbeschützt läuft das Mädchen Martha, ein Engel der Heimatlosen, durch verschneite Wälder, ohne im geringsten körperlichen oder seelischen Schaden zu nehmen, und findet auch ihre Familie unversehrt in Swinemünde wieder....Fortsetzung

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