Au! Schau: Himmel, Joe!
Kurzprosa und Lyrik von Karl Ferdinand Kratzl (2000).
Besprechung Helmut Gollner aus Rezensionen-online *LuK*:

Ei ohne Schale
Karl Ferdinand Kratzels erstes Buch

Ein Ei mit Schale: das ist der Normalfall, adaptiert, integriert, protegiert. Ei ohne Schale: das ist Karl Ferdinand Kratzl, ungeschützt und unzugehörig. Schale ohne Ei: das ist Kratzls bittere Wunschvorstellung, »hohle Nuß, kein Verdruß!« Den schmerzenden »Schlaaaz« im Innern verwünscht er.

»Au!…« ist Kratzls erstes Buch; geschrieben hat er schon immer. Bekannt aber ist uns Kratzl als Schauspieler und als Kabarett-Juwel. Das Buch enthält Kurzprosa und Lyrik. (Vorneweg: das einzige Ärgernis richtet sich gegen den Verlag: eine beeindruckende Menge von Formalfehlern!)

Alle Texte handeln, egal worüber sie reden und in welchem Tonfall, von der schrecklichen Bedürftigkeit des Ichs. Sie sind gedeckte Gebete um Erlösung, plump gesagt: durch Liebe. Von vielen geliebt zu werden, reicht dabei nur zur Not, es bräuchte unendliche Liebe, wo die Selbstliebe fehlt. Kratzls Mangelkrankheit äußert sich als existentielle Ungeborgenheit.

Den »Doppelhans« kann man als Selbstporträt nehmen: Es hat Hans als Kind in zwei Hälften zerrissen, »seitlich offen voller Blut«. Der halbe Hans klebt sich mit der offenen Seite an den Spiegel, um sich durch sein Spiegelbild zur Illusion der Ganzheit zu verdoppeln. Und um sich das augenfällig zu machen, bewegt er sich als Hampelmann.

Sein Hampeln, mit dem er die eigene Figur und die Existenz selbst in die Lächerlichkeit zieht, dient dem Überspielen der lebensgroßen Wunde, die gleichwohl jede der Bewegungen auslöst und dirigiert. Humor ist Galgenhumor. Viele Texte Kratzls und das meiste seines Kabaretts sind eine Art guter Miene zum bösen Spiel. Die Grimasse lockt wenigstens Zuschauer, ohne die man alleine bliebe mit dem bösen Spiel. Das Lächerlichmachen der Leiden ist ein Versuch, sie kommunizierbar zu halten.

Die Ausrufe des Buchtitels »Au! Schau: Himmel, Joe!« verheißen rettenden Aufblick zum Himmel. Das ist Sarkasmus: die Strategie der Sehnsucht gegen die Unerreichbarkeit von Glück. Diese Art von Notwehraggression gehört zum Textverhalten Kratzls. In dem Gedicht, dem der Titel entnommen ist, lautet die Zeile übrigens: »Au! Schau! Himmel! Öd!«

Natürlich macht Unglück aggressiv (»Die Zündschnur hängt uns bei jedem Loch heraus«), vor allem gegen die Schmerzfreien, die sich ihre Verfassung als Verdienst verrechnen, daraus Rezepte entwickeln, die zu Ratschlägen führen, die nichts anderes als Schutz der Rezepte und alles andere als Verständnis des Unglücks sind. Lebenschance gibt es (außer vor Publikum) nur in der »Leidensgemeinschaft der Ratlosigkeit«. Die Rechtsprechung der Schmerzfreien (der Vernunft) läuft auf Leidensverbot hinaus, also auf Existenzverbot. Das Recht auf die Wahrheit (der Leiden) bedeutet Mißachtung der Gesetze, als Anarchie. »Schauen Sie: Die Anarchie ist Luftschnappen, ein wenig überleben zu dürfen.« Eine Frage kommt mitten aus der primären Unvernunft des Leidens: »Warum haben die, die recht haben, nicht auch die Schuld?« Die Frage rechnet dem Leben seine Ungerechtigkeit auf, ohne durch Beantwortbarkeit beschwichtigt werden zu können.

Wärme ist ein anderes Wort für Liebe. Also friert Kratzl und legt sich als Eiswürfel ins Kühlfach, um zu erkalten, statt zu frieren. Wer friert, kann nicht kalt sein: der »konkrete Eiswürfel« zittert in Panik vor dem Kreislauf des Wassers, den die ersehnte Wärme auslösen würde: Schmelzen, Rinnen, Verdunsten…

In einer anderen der (häufigen) Kältemetaphern entkleidet sich der Frierende, »um angenommen zu werden«. Schutzlosigkeit möchte Schutzbedürfnisse wecken. Kratzls Regressionsformen weisen auf Herkunftsort und -zeit der Verletzungen: »Mein persönliches Paradies«, heißt es, »ist ein ganz säuglingshaftes. Lull und Lall….« Und noch weiter: »Wir halten in den Fingern ein sausendes Geräusch… Es ist das Zittern des Embryonalen vor seiner Zeugung.« So fern ist dann auch die Heilung.

Einer der stärksten Texte, das siebenseitige Gedicht »Gebet an Venus-Justitia«, endet mit den Zeilen: »Vom Regen fließe ich in die Traufe./Von der Fruchtblase in die Taufe./Ich habe keinen Regenwurm, nicht einmal Semmeln./Eine Amsel schaute mich gestern lang verharrend an./Sie stutzte eine ganze Weile,/stocherte dann im Rasen herum und:/flog weg.« Auch die Amsel beteiligt sich an der Abwendung der Welt, für die das lyrische Ich keinerlei Köder (Regenwurm, Semmeln) hat. Die Amsel wiederholt damit am Ende, was eine Frau in der Mitte des Gedichts ganz ähnlich schon getan hat: »nach einem tiefdeutigen Blick einfach gegangen.«

Märchenfee für die Hoffnung auf Rettung im Märchenland ist die Frau. Das geradezu als pränatal empfundene Liebesversäumnis drängt, in der Frau nachgeholt zu werden. Aber Märchen sind keine Therapie für die Realität; dementsprechend aggressionsbedroht ist die Frau: Im Märchenland stoß ich euch ein altes Regenschirmgestell zwischen die Schenkel. »Ich bin der Märchenonkel, dem das Märchenbuch um den Schädel gehaut worden ist.«

Kratzls bisweilen bis an die Knochen getriebenen Texte sind ohne Wehleidigkeit: sie verzichten auf das einschlägige Klagevokabular, sind ausreichend ungefällig und ausreichend auto-aggressiv; enthalten Kraftpakete an Sätzen, die ihre Sprengladung nicht durch Umgänglichkeit oder Fügsamkeit entschärfen. Die Texte entwickeln ihre Überlebensanarchie auch formal. Ihre nachhaltigste Überzeugungskraft erreichen sie für mich dort, wo das existentielle Chaos nicht durch die große Ordnungsmacht der Sprache oder der Zusammenhänge zum Kosmos beschwichtigt wird; wo die geballten Existenzmitteilungen genügend dissoziiert bleiben, um nicht einfach von ihren Erklärungen verschluckt werden zu können.

Für den einfachen Satz »Auf der Wiese steht ein Baum« hat Kratzl zwei Ohrfeigen bekommen: eine von der Wiese und eine vom Baum; obwohl der Baum tatsächlich auf der Wiese steht. Seither spricht der Autor nicht mehr, sondern schießt mit Buchstaben. Das ist Poesie, möchte man hinzufügen.

Kratzls Poesie- und Sprachverständnis kommt aus dem unmittelbaren Erleben: letzten Endes der Unausdrückbarkeit/Unverstehbarkeit des Unglücks, der Unkommunizierbarkeit des Chaos. Und das ist im Grunde wieder: die Unerreichbarkeit von Liebe. »Was bleibt (einem) da über, als Fremdwörter für die einfachsten Dinge der Welt zu verwenden.« Wenn es einen (kleinen) Einwand gegen Kratzls eindrucksvolles Premierenbuch gibt, dann den, daß er noch zu wenig Fremdwörter für das Ausmaß seines Fremdseins verwendet. Andererseits: Fremdsprachigkeit macht einsam. Und wer weiß, ob Fremdwörter zu den rettenden Liebeserklärungen taugen…

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