Atemschaukel.
Roman von Herta Müller
(2009, Hanser).
Besprechung von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 20.8.2009:
Ich weiß du kommst wieder", sagt die Großmutter, als er abgeholt wird. Es ist Januar 1945, und Leo ist 17; er lebt im rumänischen Hermannstadt als Deutscher; die Lust pocht ihm wie allen Jungen seines Alters in den Adern. Er ist nicht unglücklich wegzukommen. Die Blicke von Mutter und Vater schnüren ihm längst den Hals zu, wie das so ist in jenem Alter, zumal, wenn man ein so gefährliches Geheimnis hütet wie Leo. Es ist kühn und realistisch zugleich, dass Herta Müller in ihrem neuen, beeindruckenden Roman "Atemschaukel" die Deportation eines Rumäniendeutschen in ein russisches Arbeitslager als abenteuerlichen Aufbruch schildert. Ohne zu wissen, was ihn erwartet, sehnt sich Leo "an einen Ort, der mich nicht kennt".
Den Großmuttersatz ICH WEISS DU KOMMST WIEDER schreibt Herta Müller grundsätzlich in Versalien, vermutlich um den Medailloncharakter der Äußerung zu unterstreichen. Denn Leo, der bald gar nichts mehr haben wird außer seinem "Hungerengel", hat Trost bitter nötig. Man darf das Medaillon natürlich auch schlicht Erinnerung nennen: die Erinnerung daran, dass auf ihn gewartet wird. Dass es einen Platz gibt für ihn, außerhalb des Lagers. Aber so einfach geht dieser Roman mit den Phänomenen eben nicht um: Sie bedeuten sich selbst und weit mehr. Jedes Ding, auch Sätze und einzelne Wörter, werden quasi umhüllt von einer Extrabedeutung. Sie erhalten eine poetische Schutzschicht gegen das Furchtbare der äußeren Tatsachen. Von diesem komplizierten Vexierspiel handelt der Roman im Kern.Man muss dabei wiederum
unterscheiden zwischen der biographischen und der poetischen Dimension.
"Atemschaukel" erzählt die Geschichte Oskar
Pastiors - und erzählt sie wieder nicht. Die Autorin, Jahrgang 1953, war mit
dem 1927 geborenen Dichter eng befreundet, und sie wollten dieses Buch
eigentlich zusammen schreiben, wie das Nachwort mitteilt. Dazu kam es nicht,
Pastior starb vor drei Jahren. Es lässt sich für uns Leser nicht rekonstruieren,
welche Formulierungen auf Pastior zurückgehen, welche auf Herta Müller. Fest
steht nur, dass eine kongeniale Nähe von beider Sprachempfinden
zusammengeschmiedet vorliegt in diesem Buch, das auf der persönlichen Ebene als
Hommage an den Freund zu lesen erlaubt ist.
Alle Rumäniendeutschen zwischen 17 und 45 Jahren - Pastior selbst stammte
bekanntlich von Siebenbürger Sachsen ab- mussten für die Verbrechen der
Nationalsozialisten büßen und beim Wiederaufbau der Sowjetunion helfen. Wobei
nicht verschwiegen sei, dass unter ihnen natürlich tatsächlich überzeugte Nazis
waren. In der Familie des Romanhelden Leopold Auberg jedenfalls ist der
Rassegedanke offenkundig fest verankert, wie aus der Bemerkung Leos hervorgeht,
sein heimliches Verhältnis mit einem Mann sei in den Augen seiner Eltern "rein
körperlich betrachtet schon höchste Abscheulichkeit. Mit einem Rumänen kam noch
Rassenschande dazu".
Das Lager, in dem Pastior schuftete, lag in der Ukraine, und dort liegt auch das
Lager, in das Leo Auberg für ganze fünf Jahre seines jungen Lebens verfrachtet
wird. Die Ansammlung von Baracken, nach Männern und Frauen getrennt, bleibt
auffallend abstrakt. Wie unter der Lupe werden die Szenen beim Friseur
betrachtet, die Liebeständel, die Schikane bis hin zur Folter, die Dramen ums
Brot... Niemals ist Herta Müller versucht, ein Panorama zu liefern oder gar eine
Theorie: Verdichtung ist Prinzip. So bleibt es bei Tableaux, bedrückenden und
berückend schönen.
Ein historischer Roman ist diese "Atemschaukel" definitiv nicht. Nach
Erklärungen für das, was geschieht, sucht die Autorin auf fast schon akribische
Weise nicht. Es ist eher so, als suche sie in der Erniedrigung aller die Würde
des einzelnen. Und diese scheint ihr nur durch eine Erhöhung der Sprache möglich
zu sein. In der Sandgrube, während einer kurzen Pause, heißt es: "Oben bog sich
der Himmel. Zwischen Himmel und Sand zog sich die Grasnarbe als Nullinie. Die
Zeit still und glatt, rundum ein mikroskopisches Glitzern. Es kam Ferne in den
Kopf, als wäre man abgehauen und gehöre jedem Sand in jeder Gegend der Welt,
nicht der Zwangsarbeit hier. Flucht im Liegen war das. Ich ließ die Augen
kreisen, ich war echappiert unter den Horizont ohne Gefahr und Folgen."
Auch Herta Müllers Mutter ist in einem russischen Lager gewesen, hat darüber
aber wohl nur in vorwurfsvollen Andeutungen gesprochen. Es ist keineswegs
jedermanns Wahrnehmung des Lageralltags, die sich in diesem Roman niederschlägt,
es ist die Wahrnehmung eines der sprachlichen Benennung fähigen Menschen, man
könnte sagen: eines Schriftstellers, wenngleich Leo Auberg überhaupt nicht als
(und sei es zukünftiger) Schriftsteller geschildert wird. Ganz im Gegenteil
erfährt Leo, dass er als Ich verschwindet. Das geht allen so. Die Macht
übernimmt nicht der Kapo Tur Prikulitsch (eine grandiose böse Figur), auch nicht
der russische Lagerkommandant, sondern der "Hungerengel".
Diesem kommt, hinwegfliegend über die vielen kleinen Szenen, die Hauptrolle zu.
Den Hungerengel muss man sich wie einen Geist vorstellen, den der Hungernde sich
schafft, um gegen ihn kämpfen zu können. Das gelingt Leo auch, immerhin überlebt
er die "Hautundknochenzeit" - im Unterschied zu vielen anderen - aber, und das
ist ein gewichtiges Statement: Der Hungerengel nimmt ihn in Besitz für immer.
Als nach drei Jahren plötzlich etwas Geld gezahlt wird für die Arbeit, als Leo
sich auf dem Basar mit Essen versorgen kann und sein Fleisch wieder üppiger
wird, da hat der Hungerengel ihn immer noch im Würgegriff. Nie wieder kann Leo
sich binden; zwar heiratet er nach der "unzumutbaren Entlassung" aus dem Lager,
doch nur, um der Normalität zu genügen. Sein Herz wird er niemandem mehr
schenken.
Ganz klar begibt die Autorin sich mit dieser Metaphorik in eine Gefahrenzone.
Nicht, dass sie sich die Geschichte eines anderen "leiht" (im Unterschied zur
Lagerliteratur eines Imre Kertész oder
eines Warlam Schalamow), ist das Problem.
Das muss erlaubt sein. Aber die Beschwörung der poetischen Kraft im Unglück
bringt die Leserin an eine, nämlich ihre eigene Grenze. Kaum wird es Zufall
sein, dass Wortbildungen wie "Eigenbrot", "Herzschaufel", nicht zuletzt die
titelgebende "Atemschaukel" , an die frühe Lyrik
Paul Celans denken lassen. Er kam aus demselben k.u.k.-Sprachraum wie
Oskar Pastior und Herta Müller, dorther, wo
das Rumänische neben dem Deutschen und Ungarischen und Russischen lebte. Die
altertümliche, mal klare, mal überbordende Sprache dieses Romans konserviert
diese untergegangene Welt. Nehmen wir das als Herausforderung an und als
schwierig schönes Geschenk.
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Leseprobe I Buchbestellung 0809 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
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Atemschaukel.
Roman von Herta Müller
(2009, Hanser).
Besprechung von Jens Dirksen aus der
NRZ vom
20.08.2009:
Mehr denn je glaubt man, längst alles zu wissen über das unsägliche Leid, das der Zweite Weltkrieg über die Menschen in Europa gebracht hat. Selbst das Elend der deutschen Vertriebenen ist kein Tabu mehr, seit ein politisch Unverdächtiger wie Günter Grass 2002 mit der Novelle „Im Krebsgang” den Untergang von Flüchtlingen auf der „Wilhelm Gustloff” thematisierte – und so das Reden darüber aus dem Ruch von Revanche und Aufrechnen befreite.
Aber dann erzählt doch wieder jemand eine neue alte Geschichte, die das Erzählen wert ist. Und zu Unrecht vergessen. Wie die Geschichte der Siebenbürger Sachsen, die noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs von den Russen zur Zwangsarbeit in die Ukraine verschleppt wurden – als „Strafe” dafür, dass Rumänien bis zum Sommer 1944 mit den Nazis paktiert hatte. Auf Anforderung des sowjetischen Generals Vinogradov wurden die in Rumänien lebenden Deutschen im Alter zwischen 17 und 45 zum „Wiederaufbau” in der UdSSR deportiert.
All das wäre wohl ein Halbsatz in wenig gelesenen Geschichtsbüchern geblieben. Wenn nicht Herta Müller einen der großartigsten Romane des Bücherherbstes diesem menschlichen Drama gewidmet hätte. „Atemschaukel” erzählt mit angehaltenem Atem, wie fünf Jahre Lager einen 17-Jährigen so zerbrechen, dass er der Welt, seinen Eltern und sich selbst ein langes Leben lang fremd bleibt.
Nach zwei Jahren ist der Junge, von dem wir erst spät erfahren, dass er Leopold Auberg heißt, im Lager schon zu Hause. Als er drei Jahre später nach Siebenbürgen zurückkehrt, ist er heimatlos, den Eltern und erst recht dem „Ersatzbruder”, der zwischenzeitlich zur Welt gekommen ist, ein Rätsel. Und Lagerinsasse ist er noch als Greis, auch wenn seit der Befreiung schon 60 Jahre vergangen sind. Auch dann noch überfallen ihn die Gegenstände von damals, „die Atemschaukel überschlägt sich, ich muss hecheln”.
Vielleicht weiß Herta Müller um diese grausamen Spätfolgen von Oskar Pastior, dem ebenfalls in Siebenbürgen geborenen Dichter. Mit ihm, einem Betroffenen, war sie in die Ukraine gereist, zu den Orten der Lager: Hier vegetierten die rumäniendeutschen Zwangsarbeiter, wenn sie nicht als Bauarbeiter und Erntesklaven und in der Petrochemie schufteten, Zement- und Kohlenstaub inhalierten oder sich im Kalk quälten.
Doch Oskar Pastior starb im Oktober 2006, kurz bevor er den Büchner-Preis entgegennehmen konnte. Herta Müller musste das Buch alleine schreiben, aber es wirkt, als hätte das Lagerleid selbst die Feder geführt, und das ist das eigentliche Ereignis dieses Romans: Es scheint, als hätten sich Halluzinationen und Schmerzen und Hunger eine ganz eigene, seltsam zärtliche, ja oft lyrische Sprache gesucht für das Leid, das sie anrichten. Vom „Hungerengel” ist da die Rede, der auch teuflische Züge annimmt, wenn der Anwalt, der auch unter den Internierten ist, seiner eigenen Frau immer weniger heimlich die Suppe weglöffelt und sie damit zum Tode verurteilt. Vom „Eigenbrot und Wangenbrot” ist auch die Rede, vom tödlichen „Eintropfenzuvielglück”, von einer „Tageslichtvergiftung” und vom „Wortgeruch” – „ich aß Speichel mit Abendrauch und dachte an Bratwurst”.
Die poetische Sprache aber ist eine Zange: Die braucht einer, der das Lager überlebt hat, wenn er noch Zugriff haben will auf die eigene Vergangenheit und sie sich zugleich vom Leibe halten.
„Wenn man nur Haut und Knochen ist, sind Gefühle tapfer”, sagt einer, der längst nicht mehr Haut und Knochen ist, aber dem das alles immer noch unter die Haut geht und in die Knochen fährt.
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Atemschaukel.
Roman von Herta Müller
(2009, Hanser).
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom
5.9.2009:
Raubbau mit Geknechteten
In
ihrem neuen Roman "Atemschaukel" erzählt Müller poetisch und eindrucksvoll vom
russischen Arbeitslager
Wie das Inhumane erzählen, das Grauen der Lager? Humanisiert nicht jegliche Schilderung das für eine Menschlichkeit Unvorstellbare? Wie an entsetzlichste Menschenverachtung erinnern? Die Fragen fanden - sowohl in Bezug auf das System Auschwitz als auch auf das System Gulag - seit 1945 verschiedene Antworten, insbesondere mittels der Sprachkunst von Lévi, Amery, Kertesz, Klüger... Die große Schriftstellerin Herta Müller, die aus Siebenbürgen stammt, fügt nun der literarischen Gestaltung, der Erzählung vom Verbrauch des Menschen, eine bislang nicht nur hierzulande kaum beachtete Geschichte hinzu, und dies adäquat, in Form eines höchst interessanten, poetisch imposanten Romans.
Nachdem die Rote Armee 1944 in Rumänien die faschistische Diktatur besiegt hatte, wurden die dort lebenden Deutschen kollektiv zur "Reparation" der Kriegsschäden in der Sowjetunion gezwungen. "Alle Männer und Frauen im Alter zwischen 17 und 45 Jahren wurden zur Zwangsarbeit in sowjetische Arbeitslager deportiert" , ruft Herta Müller im Nachwort ihres atemberaubenden Romans Atemschaukel in Erinnerung und fügt Persönliches hinzu: "Auch meine Mutter war fünf Jahre im Arbeitslager."
Davon hatte Müller, die von der Securitate verfolgt wurde und 1987 nach Berlin ging, in verstohlenen Gesprächen ihrer Kindheit erfahren - im kommunistischen Rumänien war das Thema tabu. Vor einigen Jahren begann sie, einschlägige Erinnerungen aufzuzeichnen, auch jene von Oskar Pastior, der ebenfalls deportiert worden war. Mit dem Büchner-Preis-Träger wollte sie darüber ein Buch schreiben; Pastiors plötzlicher Tod 2006 ließ Herta Müller ein Jahr lang innehalten, bevor sie sich allein ans Werk machte.
Der Roman schildert Zwangsverschickung, Zwangsarbeit, Anstrengung bis zum Umfallen aus der Sicht des jungen Leopold Auberg aus Hermannstadt, der sich an die Worte seiner Großmutter klammert: "Ich weiß, du kommst wieder." Da er nach 60 Jahren über die fünf Jahre Lager erzählt, weiß man auch in der Lektüre, dass er wieder zurückkommt - und doch nie mehr "nach Hause" . Er hält sich an Wörter, die sowohl verdecken (bei seinen verbotenen homosexuellen Treffen vor und nach der Deportation gebraucht er Decknamen) als auch in die Imagination, in die Erhöhung der bodenlosen Erniedrigung flüchten helfen können.
Zwischen Himmel und Erde
Entsprechend und konsequent ist Herta Müllers literarisches Verfahren, verschiedene Ebenen zwischen Erde und Himmel anzusprechen, vom konkret Furchtbaren bis zu metaphorischen Erhebungen. So heißt es im ersten Kapitel Vom Kofferpacken: "Ich wollte weg aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen hatten." Oder später: "Seit der Heimkehr aus dem Lager ist die schlaflose Nacht ein Koffer aus schwarzer Haut. Und dieser Koffer ist in meiner Stirn." Eindringlicher lässt sich, in derartiger Kürze, Erinnerung nicht fassen.
Kommen die Zwangbilder aus dem Lager - sie "wollen mich nachts deportieren, ins Lager heimholen" -, bleibt fast die Luft weg: "Die Atemschaukel überschlägt sich." Das Leben ist im Metaphorischen aufgehoben, das Titelwort steht auch für körperliche Mühen einer Existenz, die beim inhumanen Raubbau dauernd dem "Hungerengel" ausgeliefert ist. Wie kann man den chronischen Hunger erzählen, fragt sich Leopold Auberg, es gebe ja keine passenden Wörter.
Die knappe, präzise Sprache und ihre Bilder schaffen es, ohne den Boden des Schreckens zu verlieren: "Der Gaumen ist größer als der Kopf, eine Kuppel, hoch und hellhörig bis hinauf in den Schädel." Eben mit dieser ihrer Sprachkunst macht Herta Müller eine unbeschreibliche Erfahrung einsichtig und vorstellbar. Nachvollziehbar ist für uns dieses Grauen ohnehin kaum.
Die Motivverknüpfungen schaffen eine eigene Sprachwelt für diese Existenz aus der Welt, die eine eigene Klarheit im Verbrauch des Menschen regiert, Hunger und Tod, Arbeit und Essen: "1 Schaufelhub=1 Gramm Brot" . Aus seiner Perspektive erscheint dem Deportierten das Lager als Unleben, in dem alles andere als das primär Praktische nur Luxus ist.
Die grobe Ordnung des Lagers bezeichnen Titel der mehr als 60 Kapitel (Von der Kohle, Vom Hungerengel) und Wörter, ihr entkommen Wortverdichtungen. Die fünf Jahre lassen sich nicht als chronologischer Ablauf wiedergeben, in der Gleichheit der Tage, sondern nur in Bezug auf Zustände einteilen (der "erste" , "zweite" , "dritte Frieden" für die Jahre ab 1945, die "Hautundknochenzeit" ), in Beginn und Schluss ohne wahrliches Ende, in Verhaltensweisen, Gegenstände, Zwischenfälle, Todeszahlen, Überlebenstechniken, ein paar Einzelschicksale.
Das Lager beschränkt. Vieles gibt es nur mehr als Wort. Ein Kochtopf braucht einen Deckel, heißt es, aber "nur die Redensart vom Deckel war noch da" . Wie sich alles wiedergeben, erinnern lässt, fragt sich der Heimgekehrte und bemerkt: "Erzählen kann man nur, wenn man wieder den abgibt, von dem man erzählt." Herta Müller erzählt poetisch, mit ihren Worten bringt sie das Inhumane und das Humane zu einem unvergesslichen Ausdruck.
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Atemschaukel.
Roman von Herta Müller
(2009, Hanser).
Besprechung von Sabine Dattenberger im Münchner Merkur,
9.10.2009:
Herta Müller legt mit
„Atemschaukel“ einen neuen – einen grandiosen Roman vor. Von Anfang an hat sie
sich als eine Schriftstellerin erwiesen, die die Deformation – seelische wie
körperliche – des Menschen durch die Diktatur mit einer schmerzhaften
Allwissenheit beschreiben konnte (zum Beispiel in „Der Fuchs war damals schon
der Jäger“). Alle Details gehen umso mehr unter die Haut, als Müller eine
vibrierend vitale und irritierende Sprachschöpferin ist. Deutsch wird bei ihr
zum Forschungsinstrument der edelsten Art. Damit hatte sie die Opfer des
rumänisch-
Ihre eigene Mutter war fünf Jahre in Arbeitslager,
berichtet Müller im Nachwort. Ab 2001 habe sie sich mit Deportierten aus ihrem
Dorf unterhalten und die Informationen aufgezeichnet. Außerdem ging sie auf
ihren Kollegen und Landsmann
Oskar Pastior
(1927-
Als Leser verfolgt man Leos Reise in ein russisches Irgendwo – Baracken, Steppe, Kohlebergbau, verrottete Chemiewerke, ärmliche Ansiedlung – und Herta Müllers Sprachgestaltung gleichermaßen fasziniert und erschüttert. Mit „Vom Kofferpacken“, dem durchaus komischen Aufbruch, beginnt in 56 Kapiteln der Überlebenskampf im Lager. Es folgt die Heimkehr eines Entwurzelten. Auch in „Atemschaukel“ wieder die Deformation durch ein Zwangssystem. Der Versehrte hat überlebt, bleibt aber unauslöschlich gezeichnet, zumal er wieder in einer Zwangsgesellschaft gelandet ist. Gesprochen wird über seine Erlebnisse ohnehin nicht.
Diesem Schweigen, das die Wunden nicht vernarben, sondern gefährlich schwähren lässt, setzt Herta Müller ihre Sprache entgegen: ihre Poesie, ihr Deutsch, das aus der fremden Umgebung ihrer Jugend, dem Terror und Müllers genialer Widerständigkeit eine atemberaubende Kraft gezogen hat. Die Dichterin hat den höchsten Grad an poetischem Ausdruck erreicht – zupackend genau, wie es keine noch so präzise Dokumentation erreichen könnte, und zupackend wortgewaltig, dass sich nichts in Harmlosigkeit und Beschönigung verflüchtigen kann. Müller hat sich zum ausgiebigen Hinschauen gezwungen, und sie ermöglicht es uns mit ihrer Kunst, dass wir es aushalten, ebenfalls mutig hinzusehen. Denn ihre Poesie ist Operationsbesteck: Es schneidet scharf, heilt aber.
Dabei ist die Autorin so wunderzauberfein erfinderisch, dass die deutsche Sprache Heimat, Zuflucht und Schutzhülle wird. Auch für den Leser. Schon in dem Titel „Atemschaukel“, jenem Pendel zwischen Lebenspenden und Luftabschnüren, wird das deutlich. Und so geleitet uns diese Sprache in das Lager. Wo Zementstaub die Lungen erstickt, Kalk die Körper frisst, Kohle sich in die Poren bohrt, Schlacke den Leib zerbricht. Und wo in Wirklichkeit nur einer herrscht: der Hunger, der Hunger, der Hunger. Jeder im Lager hat seinen „Hungerengel“, wie Leo feststellt. In immer neue herzzerquetschende poetische Wendungen fasst Herta Müller den Hunger, damit auch wir Satten ihm nicht entkommen: „Seit wir als Knochenmännlein und Knochenweiblein füreinander geschlechtslos waren, paarte sich der Hungerengel mit jedem, er betrog auch das Fleisch, das er uns bereits gestohlen hatte, und er schleppte immer mehr Läuse und Wanzen in unsere Betten.“
Mit der Sorgfalt des guten Arztes erstellt Herta Müller in „Atemschaukel“ erneut die Krankengeschichte einer Deformation: Hunger und „Lagerglück“ haben in Leo die Welt draußen ausgelöscht. Die Befreiung wird zum Schock. Die Dichterin hat allen, die einst und heute noch von anderen Menschen gequält werden, in diesem Roman ein Denkmal gesetzt – und uns ein Mahnmal.
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