Aschemenschen von Ulrich Schmid, Eichborn, 2006

Aschemenschen.
Roman von Ulrich Schmid (2006, Eichborn).
Besprechung von Martin Zingg in Neue Züricher Zeitung vom 17.05.2006:

Ein Mann für alle Jahreszeiten
«Aschemenschen» – Ulrich Schmids Politthriller aus China

Die Reise in die chinesische Provinz Xinjiang unternimmt Gerd Wohlfahrt aus Langeweile. Reizvoll ist für den Deutschen die Reise vor allem darum, weil er entführt wird – genauer: weil er sich durch die darauf spezialisierte Hongkonger Firma «Abductions n Things» entführen lässt, gemäss einem notariell beglaubigten Vertrag, der alle Einzelheiten regelt, selbst die gewünschten Peinigungen. Zusammen mit der Schweizerin Erla, die ihn im Auftrag der Firma begleitet, sperren ihn planmässig einige maskierte Männer ein. Nicht geplant ist, dass ihn der einflussreiche chinesische Unternehmer Xin durch seinen Werkschutz wieder befreien lässt. Dass er die beiden aus einem «Spiel» herausgeholt hat, wird Xin erst später und mit Empörung erfahren. Das vermeintliche Opfer Wohlfahrt will aber bloss seinen Spass: «Will tanzen am Rande des Abgrunds. Ist doch irre, sich mal als Opfer zu fühlen.»

Pointierte Zeichnung

Für die Art Kitzel, die Wohlfahrt sucht, scheint der Schauplatz von Ulrich Schmids Roman «Aschemenschen», die von Unruhen geschüttelte Provinz Xinjiang im äussersten Westen der Volksrepublik China, wie geschaffen. Aus der Region – 20 Millionen Einwohner auf einer Fläche von 1,6 Millionen Quadratkilometern – dringt wenig nach aussen, und das wenige deutet auf schwere Konflikte: Uigurische Separatisten wehren sich mit allen Mitteln gegen die von der Zentralregierung forcierte Sinisierung und fordern staatliche Unabhängigkeit.

Vor dieser Kulisse, die Schmid aus eigener Kenntnis als NZZ-Auslandskorrespondent sorgsam entfaltet und mit vielen kleinen Signalen ausstattet, agieren nun Wohlfahrt und Erla. Nach der Befreiung aus der Hand der «Entführer» bleiben die beiden in der Provinz. Kleine Ausflüge, Besuche, erste Begegnungen mit den ausgestossenen, gekränkten, von Peking mit rigider Hand geführten Uiguren. Über das Geschehen führt Erla in ihrem Laptop Buch, zuhanden ihres Vorgesetzten und gelegentlichen Liebhabers Quentin. Dabei gewinnt auch sie allmählich und behutsam Konturen, doch geht es schon bald um mehr als privates Glück oder Unglück. Während sich zwischen Xin und ihr, die immer ein wenig blauäugig wirkt, eine Affäre anbahnt, ist Wohlfahrt nicht zu bremsen. Schnell findet er sich in den lokalen Machtverhältnissen zurecht und knüpft nützliche Freundschaften mit der Elite. Im Fortgang der Handlung wird er sich, in einer Mischung aus Gemütlichkeit und Brutalität, als gleichsam universeller Prototyp eines Macht- und Foltermenschen entpuppen. Schmids Figurenzeichnung ist da von einer schauderhaften Präzision.

Die Ereignisse überschlagen sich, als eines Tages die junge Xiao Fei, Xins Tochter, spurlos verschwunden ist. Die Suche führt am Ende in die Wüste Taklamakan, zu einer archäologischen Grabungsstätte. Und sie führt auch quer durch die sozialen und politischen Probleme, mit denen die Provinz Xinjiang zu kämpfen hat und mit denen der Autor den ersten Teil seines Romans in virtuoser Weise verknüpft.

Zum Raffinement dieses Romans gehört denn auch, dass das Geschehen überraschend hinausführt aus der chinesischen Realität. In einem zweiten Teil wechselt, nach einer harten Zäsur, die Perspektive: Jetzt ist es der Äthiopier Jonas Tefera, der erzählt. Tefera ist ein Überlebender des sogenannten «Roten Terrors», der – von 1977 bis 1987 – unter der Herrschaft des äthiopischen Diktators Mengistu Haile Mariam Zehntausende Opfer gefordert hat. Und nun steht er, der Davongekommene, plötzlich in der chinesischen Wüste Taklamakan vor Gerd Wohlfahrt – einem der Deutschen, die seinerzeit im Auftrag der DDR das Mengistu-Regime als Geheimdienstagenten unterstützten und mit einiger Begeisterung folterten. Dass Tefera hierher gelangt ist, verdankt sich zwar einer kleinen Verwechslung, die Spur ist aber die richtige. Und er glaubt sogar, ausgerechnet den Mann vor sich zu haben, der seinerzeit seinen Bruder töten wollte, was er als Gefangener zufälligerweise verhindern konnte. Rache wird er aber nicht nehmen.

Reale Hintergründe

Tefera wird China verlassen, auch Erla. Was aus Wohlfahrt wird, bleibt offen. Man kann sich mühelos vorstellen, dass er auch weiterhin zu den Gewinnern der Geschichte gehören wird. Immerhin, schreibt Schmid in einem Nachwort, sind die DDR-Agenten, die in Äthiopien gefoltert haben, bisher noch nicht vor ein Gericht gestellt worden. Der Stoff, aus dem die hier geschilderten Albträume sind, verdankt sich nur zu einem geringen Teil der Phantasie des Autors. Den grösseren Teil hat eine gnadenlose Realität geliefert, die noch weitgehend unbekannt ist und die dem ungestörten Geschäftsgang zuliebe ignoriert wird. Eine Tageszeitung kann darüber berichten, ein Roman kann das Berichtete anschaulich machen. Ulrich Schmids Roman bleibt denn auch bewusst durchsichtig auf eine von Gewalt geprägte politische Realität und macht all das unaufdringlich sicht- und spürbar, was sich der Tageschronik nicht fügen kann – und dennoch seine Brisanz in allen Schattierungen bewahren sollte.

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