Cenizas
- Asche, Asche.
Gedichte von Alejandra
Pizarnik (2002, Ammann -
Übertragung Juana und Tobias
Burghardt)
Besprechung von Anastasia
Telaak aus Jüdische
Allgemeine, 2002:
"Jedenfalls
existiere ich nicht"
Das selbstmörderische Œuvre der Dichterin
Alejandra Pizarnik
Das Schreiben ein „Fluch“, alle Poesie „nur
Fragmente“ - so hat Alejandra Pizarnik selbst ihr Schaffen bezeichnet, und
damit auch ihr Leben gemeint, von dem sie einmal sagte, es existiere nicht. Die
Empfindung, im permanenten Exil zu leben, bildet das Leitmotiv ihrer Gedichte
und poetischen Prosastücke, aber auch ihres kurzen Lebens.
Ein selbstmörderisches Werk ist Pizarniks Œuvre oft genannt worden. Wie
unaufhaltsame Schritte hin zu ihrem Freitod am 25. September 1972 mit nur
sechsunddreißig Jahren lesen sich die Bilder von Einsamkeit und unerfüllter
Liebe, von Sehnsucht nach Geborgenheit und von Verzweiflung an der Sprache, in
der sie Zuflucht vor dem Leben und zugleich einen Zugang zu ihm suchte.
Welche waren die „inneren Schatten“, die Pizarnik immer wieder als Quelle
ihres Schaffens erwähnte, die sie stets aufs Neue zu bannen suchte, indem sie
Nacht für Nacht damit zubrachte, „wie eine Wahnsinnige in der Sprache zu
wühlen“, um dann das „endgültige Scheitern“ aller Literatur zu
erklären?
„(...) Mangel an Tradition, die schreckliche Einsamkeit, die es bedeutet,
nirgends Wurzeln zu haben“, steht in einer Tagebuchnotiz vom 8. Juli 1968.
Dies mag in Anbetracht ihres behüteten Elternhauses zunächst überraschen.
1934, knapp zwei Jahre vor Alejandras Geburt waren ihre Eltern aus dem
ukrainischen Rovne nach Argentinien eingewandert. Der Vater, gelernter
Ingenieur, war leidenschaftlicher Musikliebhaber und, wie für russische Juden
seiner Zeit nicht untypisch, von aufgeklärt-sozialistischen Idealen inspiriert.
Die Mutter ging in ihrer Rolle als „jiddische Mamme“ auf. Alejandra genoß
eine liberale, musisch orientierte und im besten Sinne des Wortes
multikulturelle Erziehung, in der auch die jüdische Tradition ihren festen
Platz hatte.
Nach dem Abitur zog sie nach Buenos Aires, um Literaturwissenschaften und
Malerei zu studieren, beschloß jedoch bald, sich ausschließlich dem Schreiben
zu widmen. Der in den Literaturzirkeln der argentinischen Metropole breit
rezipierte Existenzialismus, Symbolismus und Surrealismus waren dabei nicht nur
eine wesentliche Inspirationsquelle für die ersten Gedichte und
Kurzgeschichten, die sie in verschiedenen Zeitschriften zu veröffentlichen
begann. Diese Bewegungen lieferten auch das Modell für ihren Lebensstil, der
sich zwischen der Attitüde eines „enfant terrible“ und Anwandlungen
bewegte, für die manche ihrer engsten Freunde nur den Ausdruck „katastrophische
Existenz“ fanden: Brillant im Umgang mit den Sprachkonventionen, leicht
anrüchig aufgrund ihrer androgynen Erscheinung und lesbischen Beziehungen; auf
unvermeidliche Weise anziehend durch die kindliche Naivität, die sie
ausstrahlte.
1960 ging Pizarnik nach Paris. Vier Jahre, vielleicht die glücklichsten ihres
Lebens, verbrachte sie dort und machte sich nicht nur als Übersetzerin von
Artaud, Michaux und Bonnefoy,
sondern bald auch als Lyrikerin einen Namen. Als 1962 ihr Gedichtband Arbol
de Diana („Baum der Diana“) erschien, stieg sie endgültig in die
anerkannten Ränge der lateinamerikanischen Literatur auf. Doch ihre Tagebücher
aus jenen Jahren zeichnen ein anderes Bild: „Ich habe nie an meine
Lebensumstände gedacht: Familie, Studium, Beziehungen, Freunde. (...) Als ob
mich mit meinen Lebensumständen zu akzeptieren mit einem Verzicht auf etwas
Fabelhaftes verbunden wäre. Es ist das alte Problem. Jedenfalls existiere ich
nicht“, notiert sie am 2. Februar 1961.
Nach ihrer Rückkehr nach Buenos Aires 1964 rang Pizarnik immer mehr mit ihrer
Biographie. Die Gedichte und insbesondere die Prosa, die sie ab diesem Zeitpunkt
verstärkt zu schreiben begann, zeugen von ihren verzweifelten Versuchen, Halt
in einer Tradition zu gewinnen, der die Geschichte immer wieder den Stempel des
Todes aufgedrückt hatte. Wie Kafka,
Benjamin, Lasker-Schüler,
Nelly Sachs und Paul
Celan versucht sie, der messianischen Heilsbotschaft ihren innersten Ton
abzulauschen, sie in der konkreten Gegenwart zu beglaubigen, nur um am Ende
bloß das „Nichts der Offenbarung“ (Gerschom Scholem) umschreiben zu
können. Immer wieder beschwört sie das göttliche Du, versucht, die Tradition
zu (er-)finden, sie in zahllosen Entwürfen der biblischen Teophanie am Sinai zu
„rekonstruieren“ und zu „restaurieren“, flüsternd, schreiend,
„bellend“, in der mystischen Ekstase, im visionären Gesang, und in
Transkriptionen bacchantischen Tanzes. Und stets endet sie im Schweigen und in
der Paralyse, einen „Faden erbärmlicher Verbindung“ in Händen und mit der
niederschmetternden Erkenntnis, daß sich buchstäblich „nichts mit nichts
reimt“. „Die Worte / machen keine Liebe / sie machen die Abwesenheit“,
heißt es in ihrem wohl berühmtesten Gedicht En esta noche, en este mundo
(In dieser Welt, in dieser Nacht) 1972.
Wie fundamental für Pizarnik gerade die Idee des Sündenfalls und des
verlorenen Paradieses war, zeigt sich an der Topologie der Kindheit, die schon
in den frühesten Gedichtbänden La última inocencia (Die letzte
Unschuld) 1956 und Las aventuras perdidas (Die verlorenen Abenteuer) 1958
einen überragenden Platz in ihrem Werk einnimmt und die Auseinandersetzung mit
ihrem Judentum wieder auf seine ursprüngliche Quelle, den konkreten,
biographischen Schauplatz des mit der Familiengeschichte verbundenen Traumas
zurückführt: Nahezu die gesamte Verwandtschaft der Eltern war von den Nazis
ermordet worden. 1966, im Todesjahr ihres Vaters, entsteht Una traición
mistica (Ein mystischer Verrat). Bereits der Titel dieses Prosastücks
markiert nach En contra (Dagegen) 1961 und Las uniones posibles
(Die möglichen Bündnisse) 1962 den Schritt von der wütenden Auflehnung über
die ohnmächtige Klage hin zu einer Befreiung von dem sich einer positiven
Auslegung beharrlich entziehenden jüdischen Erbe - um den Preis der
Selbstauslöschung. Daß diese, versinnbildlicht in der Identität der
poetischen persona mit dem „Holocaust“, in erster Linie auf den Vater als
schweigenden und zugleich strafenden Gott-Vater zurückgeführt wird, ist nicht
das Überraschendste. Auf- fällig ist vielmehr, daß Pizarnik hier, wie in
vielen anderen Texten, auf die antisemitische Rhetorik des europäischen Fin de
Siècle zurückgreift, um den Vater als Überlebenden der vernichteten Welt des
Ostjudentums und zugleich als Repräsentanten einer Sprach- und Schriftordnung
anzuklagen, in der Frauen als minderwertige, ich- und sprachlose Wesen galten.
Die eigentliche Zielscheibe jedoch, auf die Pizarniks poetische persona ihre Wut
und Verzweiflung über einen doppelt „unästhetischen“ und „inauthentischen“
Sprach-Körper überträgt, ist das Matriarchat. Dieses wird in an Krudität
nicht mehr zu überbietenden, misogynen Bildern diffamiert und in Opferritualen,
die der christlichen Tradition entlehnt sind, zugleich bestätigt: Lieber
Heilige als Hure. Und Jüdin.
Über den Tod des Vaters sollte Pizarnik nie hinwegkommen. Seine Abwesenheit,
die für sie den Riß in der Geschichte des osteuropäischen Judentums ebenso
wie ihr Gefühl unrechtmäßigen Überlebens auf unheimliche Weise zu besiegeln
schien, bildet das Zentrum ihres Spätwerks, und dies nicht länger nur
symbolisch: In Los muertos y la lluvia (Die Toten und der Regen) aus dem
Jahre 1969, das nicht zuletzt aufgrund seiner reichen intertextuellen Bezüge
unter anderem zum Midrasch und zur Liturgie des Kaddisch, mit zu ihren
vielleicht dichtesten Prosastücken zählt, benennt die Dichterin den Vater
direkt, und spricht dabei auch das Wort „jüdisch“ zum ersten Mal aus.
Zugleich wird hier ein neuer Tonfall hörbar, eine Resignation und eine
verhaltene, traurige Ironie, die an manche von Borges theologischen
„Inquisitionen“ erinnert: „Es ist wahr, es ist ganz gleichgültig, wen
oder was sie Gott nannten, aber auch das ist wahr, was ich im Talmud las: Gott
besitzt drei Schlüssel: den des Regens, den der Geburt, und den der
Auferstehung der Toten."
[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]
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