Arrivederci amore, ciao von Massimo Carlotto, 2006, TropenArrivederci amore, ciao.
Roman von Massimo Carlotto (2006, Tropen Verlag - Übertragung Hinrich Schmidt-Henkel).
Besprechung von Jörg Bartel aus der NRZ vom 4.04.2007:

Begnadigt gnadenlos
Ein italienischer Ex-Häftling schreibt knallharte Krimis: Massimo Carlotto.

Ein bunter, bissiger Hund im politisierten Italien der 70er: Er ist Rocksänger, Mitglied der linksmilitanten Lotta Continua, und der Kampf geht weiter bis man 1976 in seiner Padovaner Wohnung die Leiche einer Studentin findet. Der Mann hat kein Alibi, wird zu 18 Jahren Haft verurteilt, flieht nach Frankreich, nach Mexiko, taucht fünf Jahre unter, wird geschnappt, sitzt sechs Jahre, bis ihn Präsident Scalfaro 1993 begnadigt. Dann beginnt er Romane zu schreiben. - Das, wohlgemerkt, ist nicht das Buch, um das es hier geht, das ist sein Autor. Das ist die Geschichte Massimo Carlottos (50), der ein Extremist und Knacki war und als Krimiautor das Kunststück schaffte, König Andrea Camilleri wenigstens ab und zu in den italienischen Buchcharts zu bedrängen. Sein erstes Buch, "Il Fuggiasco" (Der Flüchtling), erschien 1995 und war autobiographisch geprägt.

Jetzt ist der erste Roman Carlottos auf Deutsch erschienen: "Arrivederci amore, ciao". Ein hartes Buch, ein harter Held - kein Held. Eher ist dieser Mittdreißiger Giorgio Pellegrini ein Paradebeispiel monströser Gewissenlosigkeit, und Carlotto verzückt die italienischen Massen durch eine adäquate Sprache: hart, knapp, schneidend, obszön und kalt. Mit ähnlich schickem Schauder dürften amerikanische Intellektuelle einst auf Charles Bukowski reagiert haben. Carlotto erzählt die Geschichte eines begnadigten Gnadenlosen aus der Perspektive des Kriminellen; der ist einer, der, als er raus ist, nach oben will, koste es, was es wolle - Leben oder Freundschaften oder Geld; der nicht lieben kann oder will, nur ausnutzen, manipulieren, beherrschen; der in ein Bordell einsteigt; der Gönner verrät; der mit korrupten Polizisten paktiert; der nur einmal Gefühle zeigt, als die Bonbons den Geschmack der Kindheit verloren haben; der immer so schnell so hart zuschlägt, dass der andere nicht wieder aufsteht; der kaltblütig mordet; der nur deshalb ab und zu zur Dezenz neigt, weil er, um nach italienischem Recht wieder rehabilitiert zu werden, mindestens fünf Jahre polizeilich nicht auffallen darf; der es schafft, nach oben schafft.

Und das ist das böseste, bitterste, verstörendste Moment in diesem bitterbösen, brutalen Roman. Der zeigt, wie der kalte Zynismus siegt, wie dort und damals das Kalkül aufgeht. Carlotto ist nichts für schwache Nerven, aber auf eine gruslige Art suggestiv. Er dürfte damit Erfolg haben auch hier und heute. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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