Aroma.
Ein rösmisches Zeichenbuch von Durs
Grünbein (2010, Suhrkamp).
Besprechung von kes in Neue
Zürcher Zeitung vom 5.4.2011:
Durs Grünbeins «römisches Zeichenbuch» mit dem
einfallslosen Titel «Aroma» («a Roma») ist das Ergebnis seines einjährigen
Aufenthaltes in der Römer Villa Massimo. Eine Sammlung von 53 langzeiligen, «in
freiem, hexametrisch gewitterndem Versmass» verfassten Gedichten eröffnet den
Band. Der Chronologie des Aufenthaltes folgend, schildert Grünbein seine
Auseinandersetzung mit der Antike: «Dann stockt der Tag, und im Flimmern / Der
Strassen, von den fahrbaren Kochplatten aufgeheizt, / Wird Rom der riesige
Scheiterhaufen, den Chrysostomos sah.» Die Analogien wirken indessen oftmals
gesucht. Die überladenen Bilder erscheinen als etwas beliebige Grossstadtveduten
eines Künstlers, dessen Medium nun einmal das Gedicht ist. Auffallend ist zudem
der durchgehende Eindruck von Passivität, den die prosanahen Sechzehnzeiler
hinterlassen. Gleichwohl überrascht Grünbein hin und wieder mit präzisen
Beobachtungen: «Morgens ein Unfall: zwei motorini, grotesk ineinander verkeilt,
/ Die Lenker verhakt, Fangwerkzeuge der Kopfabreisserin Mantis. / Die breite
Kreuzung vor dem Tor Michelangelos ist nun blockiert. / Alles schimpft, das
Gehupe schwillt an zur futuristischen Sinfonie.»
Auf eine Juvenal-Übersetzung und einen Essay folgt abschliessend eine Sammlung
von Gedichten vermischten Inhalts, die durch ihre zarte, ungezwungene Art
bezaubern und nichts mehr haben von der bleiernen Passivität der einleitenden
Verse. Hier nähert sich Grünbein entschieden dem Ideal römischer Dichtung, alles
Flüchtige, Kurzlebige und Vergängliche in einer unerhörten Konzentration in
präzise Bilder zu verwandeln. Nach Lektüre des Epilogs «Rom im Traum» wird
deutlich, was dem Band fehlt: Mut zur poetischen Reduktion.
Durs Grünbein: Aroma. Ein römisches Zeichenbuch. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2010. 184 S., Fr. 30.50
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