Armor von Marcus Braun, 2007, SuhrkampArmor.
Roman von Marcus Braun (2007, Suhrkamp).
Besprechung von Christoph Schröder in Die Zeit, 4.10.2007:

Sommer, irgendwie

Der Stein fällt von der Brücke, geworfen von wem auch immer - vom Zufall, vom Schicksal oder von einem Irren. Fabien und Kate, ein junges Paar, unterwegs auf Urlaubsreise in Frankreich, fahren in diesem Augenblick mit dem Alfa Romeo von Kates Mutter unter der Brücke hindurch - die Windschutzscheibe zersplittert, das Auto landet im Graben. Kurz darauf passiert Isabell die Unfallstelle und nimmt Fabien und Kate mit. Zu ihrem Mann, dem wesentlich älteren Jacques, einem Architekten. In ein düsteres Haus am Meer, an dem die Zeit bereits nagt. In eine Geschichte von Verwicklungen mit tragischem Ausgang.

Armor (von keltisch »ar mor«: Land am Meer) ist Marcus Brauns vierter Roman. Vor allem in den ersten beiden, Delhi und Nadiana hatte er eine reizvolle und ästhetisch eigenständige Technik der Verrätselung entwickelt - ein verzweigtes System von Möglichkeiten der Handlung, die ihren Niederschlag in der labyrinthischen Erzählweise fand. Gemessen daran ist Armor Brauns bislang gradlinigstes Buch, auch wenn es mit konventionellem Realismus wenig zu tun hat, sondern sich vielmehr filmischer Mittel bedient: Der Dialog überwiegt, die Schnitte zwischen den einzelnen Szenen sind hart und schnell.

Doch wovon erzählt Braun eigentlich? Dass sich diese Frage weder schnell noch eindeutig beantworten lässt, ist das Prinzip und die größte Stärke des Romans und gleichzeitig der entschiedenste Einwand, den man gegen ihn formulieren kann. Natürlich spielt Sex eine Rolle und körperliche Begierde - auch das Meer in all seinen Facetten als Verführer, Todesfalle und unberechenbares Element. Arnaud, der Sohn von Jacques, ist, so wird es jedenfalls behauptet, vor einem Jahr unter ungeklärten Umständen gestorben. Später wird Fabien eine unangenehme Begegnung mit einem Seeigel haben.

Das Personal von Armor ist auf einen kleinen Kreis beschränkt. Neben den vier Protagonisten treten auf: ein stummer Automechaniker, dessen Tochter Marie (die behauptet, nicht die Tochter zu sein und in ihrer Lolita-Erotik Fabien durcheinanderbringt), ein Aphorismen produzierender, ziemlich durchgeknallter Arzt, der wild quasselt, während er Fabiens Fuß behandelt (eine Szene, in der Braun sein komisches Talent beweist), und am Ende jede Menge Polizei, der es obliegt, die Krimihandlung, in die Marcus Braun sein Prosastück auf der Zielgeraden überführt, zu einem vernünftigen Ende zu bringen.

Genau genommen sind es sogar zwei Enden, die der Autor dem Leser anbietet. Beide sind tödlich, beide sind unschön, doch der Text legt die Vermutung nahe, dass sie auch unwichtig sind. Denn worum es Braun vielmehr geht, ist die literarische Inszenierung von Anziehung und Abstoßung, von Irrwegen und Auswegen, Einbrüchen und Ausbrüchen, die Fabien, Kate, Isabell und Jacques in einem Stationendrama durchlaufen.

Marcus Braun inszeniert und arrangiert seinen Reigen von Situationen und Gesprächen in zahlreichen Wendungen und mit eleganter Leichtigkeit. Wobei allerdings der Weg von der Leichtigkeit zur Seichtheit in diesem Fall sehr kurz ist. Mit einem Blender als Erzählinstanz haben wir es in Armor auf jeden Fall zu tun, nur darf man annehmen, dass die Substanzarmut bei einem Autor wie Marcus Braun durch und durch kalkuliert ist: »Fabien wog das Geld in seiner Hand, ein irgendwie existenzieller Moment, befand er und blickte auf sein Geschlecht.« Sätze wie dieser charakterisieren Armor perfekt, und es ist das »Irgendwie«, das sich hier in sprachlicher Form materialisiert. Das muss man erst mal können. Ganz davon abgesehen, dass recht oft das ein oder andere Geschlechtsteil betrachtet wird.

Braun mischt die unterschiedlichsten Stillagen. Auf einer einzigen Buchseite kann sich ein schlagfertiger, flirrender Dialog entwickeln, kann Fabien oder der Erzähler einer seiner nicht immer geschmackssicheren Assoziationen freien Lauf lassen, worauf wiederum eine preziös formulierte und bei näherer Betrachtung sinnlose Weltweisheit folgen kann: »Von der Dunkelheit der Kindheit zu sprechen führte wie alle zu weit vorne placierte Metaphorik in die Irre, und Arnaud weiß zu diesem Zeitpunkt ja wirklich nicht, was die Sezierung eines Auges alles bedeutet, bedeutet hat, bedeuten könnte.« Das ist ziemlicher Unsinn, klingt aber gut, irgendwie.

Nichts ist greifbar, alles bleibt flüchtig, vage - jede Konkretisierung wird umgehend zurückgenommen oder zumindest relativiert. Armor ist die Literatur einer komplett coolen Haltung. Wer die Fäden in der Hand hält, wer da mit wem Sex hat, wer stirbt und plötzlich wieder auftaucht all das erscheint nebensächlich. Die Leidenschaft, die emotionale Intensität, die das, was hier geschieht, theoretisch antreiben müsste, verschwindet hinter einem indifferenten, abgekühlten Stimmungsbild. So sieht der Urlaub mit der großen Liebe aus, wenn man mit der Bacardi-Werbung groß geworden ist. Wie gesagt man muss das nicht mögen. Aber man kann es als Versuchsanordnung durchaus anerkennen. Vielleicht ist Brauns Sommerferienbuch die optimale Entsprechung zu diesem Sommer, irgendwie: Man freut sich, wenn durch die vielen Wolken die Sonne blitzt. Und man wird ihn schnell vergessen haben.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

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