Das private Adressbuch 1951-1975.
Buch von Hannah Arendt (2007,
Verlag Koehler&Amelang, herausgegeben und kommentiert von Christine Fischer-Defoy).
Besprechung von upj in Neue Zürcher Zeitung vom 1.12.2007:

Flaschenpost

Ein eigenartiges Buch, fast so privat wie ein Blick in eine Damenhandtasche: Auch die Philosophin Hannah Arendt hat, wie die meisten Menschen in der geschäftigen Moderne, ein Adressbuch geführt. Darin finden sich Freunde und Freundinnen, flüchtige Bekannte, «geschäftliche» Kontakte, Verlage, Zeitschriftennamen, Künstler, ein Zahnarzt, kein Frisör und keine Schneiderin. 1951 hat Hannah Arendt dieses Adressbuch angelegt, und sie hat es bis 1975, bis zu ihrem Tod, aktualisiert, weitergeführt, gelegentlich jemanden, der verstorben war, gestrichen. Ein umtriebiger Verlag hat nun diese 131 dichtgedrängten Adressbuch-Seiten faksimiliert und kommentiert. Zu jedem Namen also – nehmen wir als Beispiel Martin Heidegger – findet sich, sofern bekannt, eine Kurzbiografie der Person, was sie mit Hannah Arendt zu tun hatte, vielleicht ein paar Zitatzeilen, schliesslich die Adresse; im Falle Heideggers: Rötebuckweg 47, Freiburg-Zähringen. Wer sich durch diese doch sehr intimen Eintragungen blättert, zwischen Namen, die keiner mehr kennt, und solchen, die in die Geschichte des 20. Jahrhunderts eingegangen sind, mag sich fragen, was eine solche Publikation will: Ein Persönlichkeitsprofil vermitteln im Sinne von: Sag mir, mit wem du es zu tun hattest, und ich sage dir, wer du warst? Aus dem privaten Kontaktnetz eine öffentliche Hinterlassenschaft machen? Das Buch mag anmuten wie eine späte Flaschenpost aus Hannah Arendts Leben. Und ist doch nichts anderes als eine publizistische Restbewirtschaftung. Das Wort «privat» ist wertlos geworden.

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