A rebours.
Roman von Joris-Karl
Huysmans (1884/Haffmanns Verlag
Zweitausendeins - Übertragung Übertragung
Caroline Vollmann).
Besprechung von Bernhard
Windisch in den Nürnberger
Nachrichten vom 17.07.2007:
Dieses Jahr jährt sich zum
hundertsten Mal der Todestag eines Schriftstellers, der heute sicher nur noch
von Fachleuten französischer Literatur wahrgenommen würde, wenn er nicht ein
Buch geschrieben hätte, das ihn, als es 1884 erschien, berühmt machte; wie ein
Meteor schlug es in den literarischen Zirkeln von Paris ein, rief Staunen, ja
Wut hervor - und sicherte dem Autor einen Platz in der Weltliteratur.
«A rebours» , zu deutsch «Gegen den Strich» oder, wie der weniger geglückte
Titel der ansonsten hervorragenden Neuübersetzung von Caroline Vollmann lautet:
«Gegen Alle». Sein Verfasser, Joris Karl Huysmans (1848-1907), Franzose holländischer
Abstammung, war ein kleiner Beamter des Innenministeriums und bisher mit
naturalistischen Romanen aus der Schule seines Freundes Emile Zola
hervorgetreten. «A rebours» bricht nicht nur mit dem Naturalismus, sondern
wirft auch alle bis dato geltenden literarisch-ästhetischen und moralischen
Prinzipien über den Haufen.
Es handelt sich weniger um einen Roman als um ein Traktat, eine Abschweifung über
ein Thema, das, ungeachtet der Tatsache, dass es damals in Frankreich als
Lebensgefühl weitverbreitet war, in ganzer Radikalität bisher nur der Lyriker
Charles Baudelaire ins Zentrum seines Schaffens gerückt hatte: die
décadence.
Dekadenz bedeutet Niedergang, Verfall, und Huysmans schildert uns einen zu einem
übersensiblen, lebensschwachen, nervenkrisengeschüttelten Ästheten
heruntergekommenen Adligen aus einem ehemaligen Geschlecht von athletischen
Haudegen und Kriegsknechten.
So hatte er den «geselligen Verkehr mit kleinen Land-Edelleuten» gepflegt und
«an jenen ausgedehnten Soupers teilgenommen, wo sich betrunkene Frauen beim
Dessert aufhaken und mit dem Kopf auf den Tisch aufschlagen». Nun sah er sich
von Wunden gezeichnet, «die Übersättigung, Enttäuschung und Verachtung in
kaputten Seelen hinterlassen, die von der Gegenwart gefoltert, von der
Vergangenheit angeekelt und von der Zukunft erschreckt in die Verzweiflung
getrieben werden.»
Unser Herzog Jean Florissac Des Esseintes im Zustand nervöser Erschöpfung ist
wie ein Eremit reif für die Abgeschiedenheit und zieht sich in sein Landhaus
zurück. Dort ergeht er sich in ästhetischen, die Sinne reizenden und erschöpfenden
Schwelgereien nie geahnten Ausmaßes, wobei die geistigen Genüsse in Form von
Lektüre anfangs noch einen großen Raum einnehmen. Das ändert sich aber
folgerichtig. Schon damals spielte das Wetter verrückt und wartete mit einer
Gluthitze auf, die die Menschen wahnsinnig machte - erst recht einen sensiblen
Neurastheniker: Des Esseintes dringt immer tiefer ins Herz der Verzweiflung vor.
Emile Zola war vom Buch seines Freundes beeindruckt: «Das Ungewöhnlichste, was
ich kenne. Eine Maßlosigkeit der Kunst, die mich begeistert.» Oscar Wilde gar
nannte «A rebours» «ein Buch voller Gift»....Fortsetzung
Die komplette Rezension von Bernhard Windisch finden Sie unter Nürnberger Nachrichten.
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