April in Paris von Michael Wallner, 2006, Luchterhand1.) - 3.)

April in Paris
Roman von Michael Wallner (2006, Luchterhand).
Besprechung von Harald Loch in den Nürnberger Nachrichten vom 8.02.2006:

Liebe und Tod, Poesie und Spannung
Deutsch-französische Beziehungen zur Zeit der Nazi-Besatzung: „April in Paris“

Frankreich im Widerstand gegen die deutsche Besatzung — ein unerschöpfliches Thema. Schon seit Vercors „Das Schweigen des Meeres“, noch im Untergrund geschrieben und veröffentlicht, geht es dabei immer wieder auch um die Beziehung zwischen Mann und Frau. Vor dem Hintergrund von Krieg und Réstistance ist sie besonders heikel. Die jüngste Variation dieses Stoffes stammt von dem 1958 in Graz geborenen Michael Wallner. Sein Roman „April in Paris“ ist bereits vor Erscheinen des deutschen Originals ein internationaler Erfolg, die Rechte sind ein Dutzend Mal verkauft, das Buch ruft nach Verfilmung. Hat der Roman diese Resonanz verdient, worum geht es?

Der Zenit der Blitzsiege der Wehrmacht ist überschritten. Im Frühjahr 1943 ist der Widerstand in Frankreich längst eine Macht, und Gestapo, SS und Abwehr haben alle Hände voll zu tun, um das besetzte Land unter Kontrolle zu halten. Der Obergefreite Roth spricht perfekt und akzentfrei Französisch und wird als Dolmetscher in die Pariser Verhörzentrale abkommandiert. Hier übersetzt er die unter Folter erpressten Aussagen geschnappter Widerstandskämpfer.

In seiner Freizeit - in Paris lebten viele Militärs damals in Hotels, nicht in Kasernen - schlüpft er unerlaubt in zivile Kleidung, mischt sich unter die Pariser, glaubt, er könnte mit der Uniform auch seine Identität abstreifen, nennt sich Antoine. Der junge Mann wird auf Chantal, die junge Tochter eines Buchhändlers aufmerksam, verliebt sich in sie und wird in einen für ihn kaum lösbaren Konflikt gezogen.

Chantal ist Mitglied einer Widerstandsgruppe, sie durchschaut, dass hinter Antoine ein „boche“ steckt, stellt ihm ein Falle. Aber sie kommen sich näher - bis der Obergefreite Roth bei seinen Vorgesetzten auffliegt. Es beginnt ein spannender Wettlauf mit dem sicheren Tod, auf Hochverrat steht nichts anderes! Er soll Chantal und ihre Familien-Zelle des Widerstands verraten. Die Geschichte eines naiven Verliebten wendet sich zum Thriller, der den schwer misshandelten und verletzten Roth bis in die Normandie zum Geburtshaus von Chantal führt, wo sich Tod und neues Leben begegnen.

Michael Wallner gerät die Gleichzeitig von Poesie und Spannung, von Liebe und Tod, von Zärtlichkeit und Gewalt zu einer eindrucksvollen Erzählung, die nur im besetzten Paris spielen kann. Die merkwürdige Symbiose zwischen Franzosen und deutschen Besatzern, die kein Pendant in den okkupierten osteuropäischen Ländern hatte, erlaubte beiden Seiten Freiheiten, die immer auch mit großen Gefahren verbunden waren.

„April in Paris“ fasziniert mit einer Mischung aus Ernst und Spannung, ist flott, aber nicht glatt geschrieben, zieht den Leser in eine von Bildern aus Paris bestimmte Atmosphäre und folgt einer Dramaturgie, die sich am Ende in einer Portion Kitsch auflöst — die garantiert den Erfolg, war aber nicht nötig!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 0206 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten

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April in Paris von Michael Wallner, 2006, Luchterhand2.)

April in Paris
Roman von Michael Wallner (2006, Luchterhand).
Besprechung von Stephan Maus auf der Homepage www.stephanmaus.de
(stern, 12.04.2006):

Im Räderwerk der Nazi-Geisterbahn

Michael Wallners Historienschmonzette April in Paris

 

Frankfurt, Buchmesse 2005: Gähnend zogen die internationalen Literaturagenten ihre Hotelzimmertüren ins Schloß, tauschten Anzug gegen Agentenbademantel und begannen, in einer ins Englische übersetzten Textprobe aus einem deutschsprachigen Historienroman zu blättern. Erst glühten ihre Wangen, dann ihre Handys: Der 80-seitige Teaser zu Michael Wallners Roman „April in Paris“ wurde zum heißesten Ding der Messe. Als die Agentenbademäntel wieder in den Koffern verschwunden waren, war der Roman in 13 Länder und 4 Kontinente verkauft. Jetzt ist er hierzulande erschienen.

Für den deutschsprachigen Autor gibt es nur ein sicheres Mittel, den Bookscout aus seiner Messelethargie zu reißen: Flatternde Hakenkreuzstandarten und funkelnde Totenkopfkoppeln. Will ein Kraut in die internationalen Entertainment-Charts, muß er Opas Uniform vom Dachboden holen. Das wußte schon der Regisseur Oliver Hirschbiegel und schnappte sich kurzerhand den ganzen Adolf. Aber die weltweiten Couch-Potatoes wollen nicht ständig vorm Führerbunker hocken. Frischluft! Liebe! Old Europe! Was ist da schöner, als Paris im Frühling? Well, my love, das besetzte Paris im Frühling. Und viel schöner noch als das besetzte Paris, mon ami, ist die unterjochte Pariserin. Pigalle toppt die Wolfsschanze, freudig bebt der Agentenbademantel.

Der Wehrmachtssoldat Roth wird als Dolmetscher in die Pariser SS-Zentrale abkommandiert. Die Totenköpfler sind die Bösen, unser Obergefreiter ist nur ein einfacher Landser: Opa war kein Mörder. Im Marschgepäck trägt der Schöngeist La Fontaines „Fabeln“. Nach einfühlsamer Übersetzung von Folterprotokollen verwandelt sich Roth am Feierabend in Monsieur Antoine und flaniert als französischer Zivilist durch die Stadt der Liebe. Das steht zwar unter Strafe, aber sirenengleich locken die Melodien des Musette-Akkordeons. Paris ist einen Kopfschuß wert. Auf einem seiner Abendspaziergänge trifft Roth die Buchhändlertochter und Vaudeville-Beauté Chantal. Vom Himmel hoch, da kommt sie her: „Die junge Frau saß regungslos auf einem Stein, der vor dem Buchladen lag wie ein vom Himmel gefallener Fels.“ Der lesende Engel lebt in instinktiver Harmonie mit anderen Flügelwesen: „Ein Schmetterling landete auf dem Fensterbrett. Als habe jemand sie angestoßen, fuhr ihr Kopf hoch.“

Bald wird unser Kulturteutone seine Schmetterlingsfrau bestäuben, um zwischen ihren pfirsichsanften Froschschenkeln vollends den Kopf zu verlieren. Bis zur Geburt von Monsieur Antoines Töchterchen Antoinette muß Wallner seinen Roman durch alle Pflichtstationen der Nazi-Geisterbahn jagen: Chantal entpuppt sich als Résistance-Kampfschmetterling, und Roth balanciert auf der Maginot-Linie zwischen Dienstpflicht und Amour Fou. Was folgt, ist ein grotesker Karneval aus Sperrstunden-Softporno und Kerkerdrama. Die Dialoge klingen wie aus dem Japanischen übersetzte Karaoke-Hits. Feldgrau ist der Stoff, aus dem die Historienschmonzetten sind.

Nun ist eigentlich nichts gegen Schmierentheater fürs Tränenbad zwischendurch einzuwenden. Jeder kennt Heißhungerattacken auf Junkfood. Doch wahrhaft unappetitlich ist die Schamlosigkeit, mit der Wallner das letzte Quäntchen Rührseligkeit aus seinem Nazi-Melodram quetscht. Mit geradezu revisionistischer Unverkrampftheit wird hier die düsterste Epoche der Moderne als schaurige Folie für billiges Entertainment mißbraucht. Opas Verbrechen bescheren den Enkeln die schönsten Kassenschlager.

En passant lernen wir, daß selbst der SS-Kamerad zwischen zwei Folterstündchen seine besinnliche Zigarettenpause hatte. Vor allem aber scheint uns Wallner mit seinem Tränenaufguß eintrichtern zu wollen, daß die Nazis eigentlich nicht Europa unterworfen haben, sondern all die netten Wehrmachtsträumerle, die nichts anderes im Sinn hatten, als im Versmaß klassischer Moralisten zu schwelgen und zwischen zwei Fabeln mit der sexy Schmetterlingsfrau aus der franko-germanischen Lesegruppe die Bettwurst aufs Parkett zu schicken. Wallners Roman über einen Opportunisten ist ein opportunistisches Rührstück.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stephanmaus.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0406 LYRIKwelt © Stephan Maus

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April in Paris von Michael Wallner, 2006, Luchterhand3.)

April in Paris
Roman von Michael Wallner (2006, Luchterhand).
Besprechung von Jdl in der Neue Zürcher Zeitung vom 29.4.2006:

April in Paris

Nein, «ein schweigsamer Pariser» will diese Hauptfigur nicht sein. Aber der junge Obergefreite Roth ist ohnehin ein redseliger Deutscher. Als Übersetzer in der okkupierten französischen Metropole hat der Landser bei Verhören zu tun. Wir schreiben das Jahr 1943. Zuerst verdreht ihm die rothaarige Widerstandskämpferin Chantal den Kopf, dann nehmen sich die eigenen Leute seiner an: «Die Behandlung der Rottenführer hatte dafür gesorgt, dass mein Kiefer seitlich herabhing.» Herz gebrochen, Knochen auch – so sieht ein Roman aus, der die NS-Historie so spekulativ mit Liebesschwulst verrührt, dass sich laut Verlag gleich die halbe Welt für das Buch interessiert hat. Michael Wallner, ein österreichischer Autor mit unverkennbarer Affinität zum Film, hat den Roman «April in Paris» geschrieben. Dass das Buch die Übersetzbarkeit ins Englische schon im Titel trägt, ist wohl kein Zufall. Das internationale Format dieser mit dumpfer Gewalt gepfefferten Kriegsschnulze ist weniger durch Qualität als durch Kolportage beglaubigt. Hölzern sind die Sätze und schief die Bilder, die Soldaten sind roh und die Frauen «auf ihre reife, schwerblütige Art ziemlich hübsch». Schlechter hätte das auch ein Konsalik nicht ins Gemüt seiner Leser geschnitzt.

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