Apostoloff.
Roman von Sibylle
Lewitscharoff (2009, Suhrkamp)
Besprechung von Wolfram Schütte aus dem titel-magazin,
15.06.2009:
Die Wut über den verlorenen Glauben
Mit ihrem vierten Roman Apostoloff hat die 1954 in Stuttgart
geborene Sibylle Lewitscharoff den “Deutschen Buchpreis” 2009 gewonnen. Es ist
ein ebenso mitreißendes wie vielstimmiges Buch einer unserer wortmächtigsten
Autorinnen.
“Nicht die Liebe vermag die Toten in Schach zu halten, denke
ich, nur ein gutmütig gepflegter Haß”. Mit diesen Worten entlässt einen die
Erzählerin nach 240 Seiten, auf denen sie einen auf die mannigfachste Art und
Weise gefesselt hat - nicht zuletzt sondern zuförderst mit wahrlich gut
gepflegtem Hass auf ihren Vater und einer brillant formulierten “üblen Nachrede”
auf dessen Heimatland, die ihre Autorin den Kopf hätte kosten könnten, wenn
Bulgarien ein islamische Land wäre. Was beide rhetorischen Haltungen angeht, die
in der Literaturgeschichte als poetische Produktivkräfte in dieser Ballung nicht
gerade häufig vertreten sind - macht Hass nicht hässlich? -, kann es mit Sibylle
Lewitscharoffs Bulgarien-Verfluchung namens Apostoloff im deutschen Sprachraum
nur einer aufnehmen: Thomas Bernhard und
sein von A bis Z verfluchtes Österreich.
Als deutscher Leser nimmt man den Furor, in den sich die 1954 in Stuttgart
geborene Tochter eines bulgarischen Arztes und seiner schwäbischen Frau quer
durch ihren vierten Roman hineingeschrieben hat, mit ebensoviel Erstaunen und
Irritation wie einem außergewöhnlich-eigenartigen literarischen (um nicht
zusagen: diebischen) Vergnügen wahr.
Denn es ist ja unter uns Zivilisierten verpönt, negative Pauschalurteile über
Völker und Staaten abzugeben, die nur noch im Schutze des Stammtischs in Blüte
stehen & geäußert werden. Sibylle Lewitscharoff verstößt mit sardonischer Lust
gegen dieses Tabu, wenngleich die Autorin hier eine Rolle spielt, die ihrer
namenlosen Erzählerin erlaubt, wo andere Menschen in ihrer Qual verstummen,
wortmächtig & fuchsteufelswild zu sagen, was sie leidet. Daraus entsteht eine
Komik, die den Ernst transzendiert: in eine groteske Klagensuada. Wenn sie
einmal bemerkt, dass sie “ein zutiefst humorloses Kind gewesen sein muss”, so
ist es die erwachsene Sibylle Lewitscharoff nimmermehr - wie wir spätestens seit
Consummatus (2006) wissen.
Ernst ist es der Autorin durchaus, wenn sie hier große Teile ihrer
autobiografischen Erfahrungen & Erinnerungen zu einem Roman verdichtet, der
ebenso verwildert wie kalkuliert Familiengeschichte mit Landesgeschichte,
Reisebericht mit Gespensterbeschwörung engführt - zu einem erzählerischen mixtum
compositum, das den Leser (ähnlich wie bei
Philip Roth) jederzeit darüber im Unklaren lässt, wem er hier zuhört: der
Autorin selbst oder ihrer fiktiven Erzählerin.
Kristo, warum hast Du uns verlassen?
Mit ihr teilt nämlich die Autorin Herkunft & Kindheit in Stuttgart-Degerloch in
einer bulgarischen Emigranten-Gruppe - und den durch Selbstmord früh aus ihrem
Kinderleben geschiedenen Vater, der hier den “durchdringend symbolischen Namen”
Kristo trägt, erfolgreicher Gynäkologe war, der Ehefrau “die Gefühle
heruntergeschabt“ und sie mit zwei, zwölf und zehn Jahre alten Töchtern allein
gelassen hatte. Warum dieser “Christus“ - nach zwei missglückten
Selbstmordversuchen mit dem dritten erfolgreich - als saturierter Arzt so früh &
ausdauernd den Tod suchte, dem er in der Heimat entgangen war, bleibt
rätselhaft; und vor allem für die jüngere, räsonierende Schwester, in deren
Träumen “dieses Aas von Vater (...) regelmäßig wiederkehrt” und schweigt, ist
der Vater & sein Tod: eine schwärende Wunde, ein existenzielles Skandalon, ein
Hassobjekt der fortlaufenden Empörung, während ihre “knappe zwei Jährchen ältere
Schwester” ihr mit “Engelsgeduld“ begegnet.
Die beiden (das ist die Rahmenhandlung des Romans, der in seinem erzählerischen
Binnenraum viel- & mehrfach assoziativ in familiäre wie in historische
Vorgeschichten ab- & zurückschweift) sind in einem Daihatsu von Sofia aus heute
in ihres Vaters Land unterwegs, dessen historische, bauliche und
landschaftlichen “Schätze” ihnen der “hektische Fahrer” Rumen Apostoloff zeigen
will, wobei der Erzählerin auf der Rückbank “Vaterhass und Landhass verquickt
sind” und von ihr “auf vertrotzte Weise am Köcheln gehalten” werden: “Bulgarien
ist ein grauenhaftes Land. (...) Verbaut, verpatzt, verdreckt. Das aschgraue
Meer - leergefischt. Das bulgarische Essen? Ein in schlechtem Öl ersoffener
Matsch. Der Fisch ein verkokelter Witzfisch. Bulgarische Kunst im zwanzigsten
Jahrhundert? Abscheulich, und zwar ohne jede Ausnahme. Die Architektur, sofern
nicht Klöster, Moscheen oder Handelshäuser aus dem neunzehnten Jahrhundert? Ein
Verbrechen!“
Der Vaterlandsreise der Schwestern in Begleitung ihres Apostels Rumen, ging ein
protziger Trauerkonvoi von dreizehn (!) schwarzen Luxuslimousinen voraus, die
von Degerloch über die Schweiz, Italien und Griechenland nach Sofia gefahren
waren. Dort wurden in einem pompösen Akt die auf Schachtelgröße
gefriergetrockneten Überreste von neunzehn Exilbulgaren beigesetzt. Inszeniert
hatte das aufwendige Spektakel, zu dem die Familien der Hinterbliebenen, also
auch die beiden Schwestern, eingeladen worden waren, der in den USA reich
gewordene Millionär Tabakoff, ein dubioser ehemaliger „Kumpan“ des
selbstmörderischen Vaters, dessen vorzeitigen Tod seine bulgarischen Verwandten
ebenso wechselweise wie idiotisch dem bulgarischen Geheimdienst oder seiner
deutschen Frau zuschreiben.
Reisen im Schwebezustand der Zeiten
Auf Reisen unterwegs ist man also zwiefach in Lewitscharoffs Apostoloff – und
nimmt man noch die vielfach eingestreuten Memorabilien an die Degerlocher
Kindheit der Schwestern hinzu, so bewegt sich der Roman in drei Zeitreisen,
zwischen denen die Erzählung fluid vermittelt, so dass ein poetischer
Schwebezustand der Imagination erzeugt wird. Ein Schwebezustand des allseitigen
„Dazwischen“ – wie es der hybriden Existenz der Emigranten entspricht, aber auch
einer dantesken Reise der Lebenden in die Hölle, als die das gegenwärtige, in
jeder Hinsicht verkommene, von allen guten Geistern (sprich: Schutz-Engeln
verlassene) Vater(s)land Bulgarien erscheint, durch die der als „Hermes“
bezeichnete Rumen Apostoloff die beiden Schwestern in dem japanischen Auto
kutschiert.
Das literarisch in der jüngsten deutschen Gegenwartsliteratur ganz
Außerordentliche von Sibylle Lewitscharoffs Roman Apostoloff besteht in ihrer
Fähigkeit, als Erzählerin „mehrstimmig zu singen“. Einerseits ist das Buch
strikt und mit spannendem Vergnügen lesbar als ein komplex verspiegeltes
Panorama Europas im „Zeitalter der Extreme“ (Hobsbawm) und als Besichtigung der
allseitigen Verwerfungen und Verwüstungen, welche die Ideologien des 20.
Jahrhunderts in ihm hinterlassen haben – anhand einer Familien-, Gesellschafts-
& Zeitgeschichte.
Bewundernswert ist dabei die Verve der Autorin, mit ihrem weitgespannten Stoff
virtuos umzugehen; ebenso aber auch ihre sinnliche Evokationskraft von Orten und
szenischen Momentaufnahmen und ihre sprachliche Souveränität, atmosphärisch
scharf umrissene Situationen satirisch zu verdichten. Das trifft auf alle
Bereiche mit gleicher Intensität und Leuchtkraft zu – ob es sich um den Mief der
Fünfziger Jahre in Stuttgart, den grotesken Trauerkondukt Tabakoffs oder die
Bulgarische Reise der beiden Kristo-Töchter handelt.
Andererseits ist der Text von Anfang bis Ende auf jeder Seite des Buchs
mosaikartig gesprenkelt mit semantischen Verweisen, Anspielungen, Metaphern,
Assoziationen aus dem mythologisch-religiösen Bereich („Kristo“, „Engelsgeduld“,
„Hermes“). Sie erlauben – nicht nur durch die wiederkehrenden Epiphanien und
Traumgespinste, in denen der tote Vater die ihn hassliebende Tochter heimsucht
–, Apostoloff auch als „Die Wut über den verlorenen Glauben“ zu lesen, um einen
Titel zu paraphrasieren, den der späte Beethoven einem bärbeißig-komischen und
doch auch rätselhaften kleinen Klavierstück gegeben hat.
Der eloquente Hass in „der freudlosen Vernunft meiner Sätze“ (wie die Erzählerin
einmal bemerkt) wäre also auch eine verschwiegene, nachgetragene, nachtragende
Liebe zu dem Kristo, der sie verlassen hat? Die Reise in „Vaterland“ auch ein
Gang durch die Unterwelt auf der Suche nach dem verlorenen Vater und seiner
gründlich zerstörten Heimat, Herkunft, mithin „religio“?
Mut zum Abschied von allen Bindungen?
Auf der abschließenden Fahrt zum Flughafen von Sofia hat die Erzählerin
plötzlich eine Epiphanie, als die getönten Scheiben eines schwarzen
Geländewagens auf der Überholspur neben ihrem Taxi „wie von Zauberhand
durchsichtig werden: Vorne sitzt der Vater am Lenker und die Mutter neben ihm,
beide schauen stur geradeaus, er hat sein Käppi auf wie eh und je, wir Töchter
hocken regungslos und wie gemalt im Fond“.
Daraus ergibt sich das Schlussresümee der Erzählerin, das ihre (und unsere)
Reise zu und mit den Toten beschließt: „Die Toten warten auf ihre Stunde, sie
kommen höchstselbst und nicht nur im tintigen Pfuhl der Nacht. Ich aber bewahre
kühlen Mut. Immerhin habe ich es geschafft, länger zu leben als der Vater und
ein freundlicheres Leben zu führen als die Mutter. Nicht die Liebe vermag die
Toten in Schach zu halten, denke ich, nur ein gutmütig gepflegter Hass.“
War mithin diese fabulöse Rückreise in die familiären & geistigen
Vergangenheiten vielleicht gar ein notwendiger Akt, um sich vom Alb der
familiären und historischen Traditionen & deren fortwirkenden Heimsuchungen
endgültig zu befreien? „Alles Weitere bleibt geheim“ – lautet der Titel dieses
Schlusskapitels. Abschied in Ambivalenz.
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