Apfel und Amsel.
Gedichte von Jürgen Nendza (2012, Poetenladen).
Besprechung von Stefan Heuer, Dezember 2012:

Jürgen Nendzas neuer Gedichtband "Apfel und Amsel" –
vom Kern bis zum Kompost, vom Ei bis zum Knochen

Bei uns zuhause wird viel gelesen. Meine Frau liest Sachbücher und historische Romane, mein Sohn favorisiert Asterix- und Garfield-Bände sowie diverse Star Wars-Enzyklopädien. Ich meinerseits steuere neben Kunstbänden und Dick Francis-Krimis vor allem Gedichtbände bei. Da wir viel lesen, bleibt entsprechend wenig Zeit fürs Aufräumen übrig, was zur Folge hat, dass überall Bücher liegen: auf dem Bett, den Sofas, in der Küche, auf allen Treppen und Fußböden und neben den Toiletten. Das wiederum führt dazu, dass Novitäten nicht lange verborgen bleiben und jedes Familienmitglied stets informiert ist, was die anderen gerade literarisch konsumieren. Das sorgt für ständigen Gedankenaustausch, so wie vorgestern, als ich mit dem neuen Gedichtband von Jürgen Nendza in der Wanne lag, während meine Frau sich um ihre Fingernägel kümmerte. Da ich den Schutzumschlag entfernt hatte, um ihn vor einem Wasserschaden zu bewahren, erkundigte sie sich nach dem Titel. „Apfel und Amsel“, sagte ich. „Und worum geht’s?“ fragte sie. „Um Äpfel und Amseln“, sagte ich, „aber das wäre natürlich nur die halbe Wahrheit. Das Buch ist unterteilt in vier Kapitel, wobei das zweite...“ „Keine Vorträge!“ ermahnte mich meine Frau und machte Anstalten, das Badezimmer zu verlassen, „Bitte kurz und knapp!“ – ach ja, so redselig meine Frau auch gegenüber ihren Freundinnen am Telefon sein kann, so knapp kann sie auch sein, wenn eine an mich gerichtete Frage lediglich der Beschaffung von Fakten dient...

So sehr ich mich auch über familiäres Interesse an meiner Lektüre freue – gerade bei Gedichtbänden fällt es mir für gewöhnlich schwer, sie in wenigen Worten zusammenzufassen. In der Tat wimmelt es in Nendzas neuem Band von Amseln, und auch Äpfel tauchen auf, fast wie in unserem winterlichen Garten, aber wirklich handeln tut das Buch weder von ornithologischen Feinheiten noch von der jährlichen Obsternte. Wollte ich dem obskuren Wunsch meiner Frau nachkommen und "Apfel und Amsel" so kurz wie möglich zusammenfassen, in wenigen Wörtern, in einem Wort gar, dann wäre dieses Wort: Zeit.

Man könnte an dieser Stelle monieren, dass die Zeit in Gedichten bereits zur Genüge abgehandelt worden sei, ebenso wie der Krieg oder die Liebe, Gott oder der Tod. Stimmt alles, aber wie heißt es doch so schön: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe!

Jeder passionierte Lyrikleser wird bereits mit Gedichten konfrontiert worden sein, in denen dahingammelndes Obst als Synonym für die Vergänglichkeit gewählt wurde, ähnlich den in Öl festgehaltenen welken Blumensträußen, die einen nicht geringen Prozentsatz in der Stillebenmalerei ausmachen. Während sich viele Lyriker beim Thema Zeit mit der Vergänglichkeit beschäftigen und den bereits zitierten Apfel schrumpelig und damit oft ausschließlich als Bild für den voranrückenden Zeiger präsentieren, beackert Nendza die Zeit mit beachtlicher Vielseitigkeit als auch Vielzeitigkeit. Auch bei ihm dienen Tiere und auch Früchte als Sujet der Metapher, immer aber hat er dabei das große Ganze im Blick. Die eine Amsel, der eine Apfel, schön und gut, aber bei Nendza geht es um Generationen, um Fortpflanzung, um den Ursprung und um das, was später einmal, in der Zukunft, aus den Knochen und den Kernen der derzeitigen Generation erwachsen wird. Bei ihm beginnt nichts mit dem reifen Apfel, sein Latein beginnt weit vor dem Wuchs des Apfelbaums und ist mit der ringeligen Schale auf dem Kompost noch lange nicht zu ende. Und oft genug versteckt sich in seinen Gedichten ein ganzes, vielleicht sein eigenes Leben:

WIR TREFFEN UNS im Apfel, erzählen uns
in seinem Haus, wo kleine Amseln reifen

und erwarten einen Baum, der sich mit der Erde
dreht, die wir aufsagen und trinken,

weil wir durstig sind: Ein ganzes Meer,
das in uns schweigt, wie das Fruchtfleisch

schweigt im Apfel, wie das Schweigen in der Stille
schweigt und anfragt und mit dem Jawort

in sich trägt sein Weiß wie eine Braut. Wir sind es,
die einkaufen im Zentrum. Nach dem Frühstück

ist das Fenster ein Regal. Wir stehen auf. Wir
räumen ein. Wir sind es. Sind es nicht.

Aber Jürgen Nendza kann auch anders, kann auch Landschaft. Im Kapitel "Bulten und Schlenken" durchwandert er (tatsächlich und in Gedanken) das Hohe Venn, ein Hochmoor im deutsch-belgischen Grenzgebiet. Ein Zufall und eine besondere Freude für mich, denn viele der von ihm festgehaltenen Wege kenne ich selbst, vor allem die Wanderwege rund um Xhoffraix, die teilweise überraschend steilen Serpentinen, das ebenso plötzlich auftauchende wie auch wieder verschwindende Wild, die dumpfen Geräusche vom nahegelegenen Steinbruch. Jürgen Nendza braucht nicht viel, um dies alles für mich wieder sichtbar werden zu lassen:

EINSPRENGLINGE. Wir stehen
im Steinstrom. Weißadrig
das Kalben der Quarzite.

Eine Wimper fällt auf deine Wange. 

Dein freigeasteter Blick.
Im aufgefalteten Meer
leuchtet ein Reh.

Immer einen Gedanken zurück und einen Schritt voraus – so ist die Lyrik von Jürgen Nendza. Für ihn ist ein Berg ein aufgefaltetes Meer. Und mir sind seine Gedichte eine große Freude!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1212 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Stefan Heuer