Antworten am Wegrand von Philippe Jaccottet, Hanser, 2001Antworten am Wegrand.
Roman von Philippe Jaccottet (2001, Hanser).
Besprechung von Hugo Dittberner aus der Frankfurter Rundschau, 21.3.2001:

Für einen Augenblick enthüllt
Vom allerschönsten Grün gelenkt: Philippe Jaccottet findet "Antworten am Wegrand"

Im französischen Original heißt das späte Werk des 1925 im Schweizer Moudon geborenen und nun schon lange in Südfrankreich lebenden Philippe Jaccottet Cahier de verdure, "Heft des Grünen". Es geht darin angesichts von Bäumen, Gras und Blumen um das Innewerden des Wesentlichen. Jaccottets Werke sind keine Übungen in ausgelaugten Formen und Gattungen der Naturdichtung, Notopfer, die nun erst recht sich, die Natur und den metaphysischen Rest im Vers melden, sondern ein stolzes Programm der Schriftlichkeit, das selbstbewusst an epochale Werke der europäischen Geistesgeschichte anschließt - Dantes Vita nova, Cervantes' Don Quichote und Hölderlins Hyperion, den Jaccottet 1957 übersetzt hat. Schon mit dem ersten Satz ist das Pathos präsent und gibt dem Werk jenen mutigen Ton, der sich jeder Prüfung stellt.

"Manchmal denke ich, wenn ich immer noch schreibe, dann ist es oder sollte es vor allem sein, um die mehr oder weniger leuchtenden und überzeugenden Fragmente einer Freude zusammenzutragen, von der man versucht wäre zu glauben, sie sei eines Tages, vor langer Zeit, explodiert wie ein innerer Stern und habe ihren Staub in uns ausgestreut." Der romantische Topos vom zu Scherben zersprungenen Paradies ist hier überboten und transformiert.

Eine Aufzeichnungsliteratur, zunächst eher eine Begleitform der Moderne, ist im Laufe des 20. Jahrhunderts immer wichtiger geworden. Zwischen Tagebuch und Essay, Betrachtung und Prosagedicht hat sich seit Valéry und Benjamin eine Tradition herausgebildet, die zuerst Formulierung sein wollte. Eine Kunst der Notiz, des Wechsels und Übergangs zwischen Formen, des Einfalls, des Schreibimpulses. In Frankreich heißt sie schlicht "Carnet", "Cahier" (Jaccottets "Carnets" erhielten im Deutschen den poetischen, aber ungenaueren Titel Fliegende Saat), bei uns "Aufzeichnungen" und ist damit weniger abgegrenzt von der Terminologie der neuen Medien. Es ist aber gerade dieser Eigensinn der Schriftlichkeit, das nicht (so leicht) in andere Medien Übersetzbare, was ihr Kraftzentrum ausmacht - und wofür man sich aus früheren Zeiten die besonderen Traditionen, wie etwa Lichtenbergs Sudelbücher, gesucht hat. Eine Poesie des Philosophischen, des ohne literarischen Schmuck in der Formulierung Aufgehobenen, aber auch der Wechsel von Schrifttyp, Gedicht und Prosa (wie in diesem Buch) ist zu einer literarischen Leitform geworden, die sich ganz vom Augenblick inspirieren lässt.

So wenn Jaccottet angesichts blühender Quittenbäume vom "Allerschönsten" spricht, stockt und sich dann mit folgendem Gedanken beruhigt: "Was mich angeht, der wirklich nicht viel von der Welt versteht, so frage ich mich langsam, ob jenes ,Allerschönste', das ich instinktiv als solches empfand, nicht das ist, was dem Geheimnis der Welt am nächsten kommt, die getreueste Übersetzung der Botschaft, von der man zuweilen glaubt, sie würde uns zugeworfen durch die Luft; oder wenn man so will, die richtigste Öffnung auf das, was anders nicht erfasst werden kann, auf diese Art von Raum, den man nicht betreten kann, den jedoch sie für einen Augenblick enthüllt." Und er schließt mit jener Art wunderlichem Trotz, den wir an den Schweizern so schätzen: "Wenn nicht etwas Ähnliches dahinter steckte, wären wir schön dumm, darauf hereinzufallen."

Auch ein heiteres Buch also, und in jener Heiterkeit des Weisen ist auch das Gedicht gehalten, das zu dem deutschen Titel führt: "Zu viele Sterne in diesem Sommer, Meister und Herr, / zu viele niedergedrückte Freunde / zu viele Rätsel. // Ich spüre, immer unwissender werde ich / mit der Zeit / und ende bald verblödet im Dornengestrüpp. // Erkläre dich endlich, ausweichender Meister! // Zur Antwort am Wegrand: // Kreuzkraut, Wegwarte, Bärenwurz." Jaccottet rätselt über die ärmlichen Farben: Gelb, Blau, Weiß - die Farben der törichten Meisen: Das soll es sein? Was aber ist das Wesentliche? Die Zuflucht? Es sind in diesem Text Annäherungen zu lesen, und sei es in der Negation: "Durch seine Visionen entkommt keiner dem Zugrundegehen. Die Heiligen verfaulen wie wir anderen." Lesarten der Tradition, die Hirten-Ambientes, das mythische Muster der Persephone, das "Magnificat anima mea", öffnen sich angesichts des "Allerschönsten" neben Sätzen wie diesem: "Man muss die Dinge sagen, wie sie waren, aber genau damit beginnen die Schwierigkeiten". Noch immer lässt Jaccottet neben der Schrifttradition vor allem den dichtenden Jüngling mitsprechen, der er einmal war: "Die Quellen läuten an den höchsten Hängen der Berge, das ist ein Vers jenes allzu anspruchsvollen Requiems, das ich 1946 geschrieben habe, und zwar nach Anbruch eines der Sommerabende, die immer den naiven Eindruck des Erhabenen (ich weiche diesem Wort nicht aus) eingraviert haben." Darin liest man eine Vorstufe zu den "Quellen des Grases", aus denen das Grün zu uns sprechen will, das Grünende.

Zu dieser Jünglings-Erbschaft kommt nun die Alterserfahrung. Ein Freund wird blöde; ein Issa-Gedicht sagt "In dieser Welt gehen wir / auf dem Dach der Hölle / und schauen die Blumen"; die Sonne ist eine "Schüler-Sonne". Todesangst will die Herrschaft ergreifen über alle Fragen. Da stehen dann zur Antwort Kreuzkraut, Wegwarte und Bärenwurz am Wegrand, als Abglanz des Erhabenen, als schlichte Pause. "Vielleicht hat sich ein unsichtbarer Teil von uns selbst in diesen Blumen geöffnet. Oder es ist ein Meisenflug, der uns anderswohin trägt, man weiß nicht wie. Verwirrung, Verlangen und Furcht sind ausgelöscht für einen Augenblick; Tod ist ausgelöscht, für die Zeit einiger Schritte am Wiesenrand." Ein Buch, das die Fragen aushält; nicht alle und jede, aber doch die sehnsuchtsvollen.

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