Antidot von Jürgen Brôcan, 2012, RugerupAntidot.
Gedichte von Jürgen Brôcan (2012, Edition Rugerup).
Besprechung von Angelika Schader in Neue Zürcher Zeitung vom 09.12.2012:

Gedichte von Jürgen Brôcan
Auf dem Zeitstrahl

Seltsam – wenn man ein Buch, das sich so insistent den unscheinbaren Dingen oder der Vergangenheit zuwendet wie Jürgen Brôcans Gedichtband «Antidot», dennoch am liebsten mit der modernen Zauberkiste Google in Griffweite liest. Oder hätten Sie auf Anhieb gewusst, wo Pater Gabriel Strobl, Gideon Mantell, Thrasybulos einzuordnen sind? Was «Kronentraufe» bedeutet oder wie eine Wollemie ausschaut? Und während sogar die gediegene Manesse-Bibliothek ihren Lesern heute Begriffserklärungen schuldig zu sein glaubt, die noch vor einer Generation als allgemeines Bildungsgut vorausgesetzt wurden, kargt Brôcan bewusst beim erläuternden Nachsetzen; er scheint den Leser – wie es schon der vergrösserte Landkartenausschnitt auf dem Buchumschlag suggeriert – lieber selbst auf Entdeckungsreise schicken zu wollen.

Ortsnamen wie Dorstfeld, Carlsglück, Gross- und Klein-Barop, ein Fluss namens Emscher lassen sich auf der Karte ausmachen: Man befindet sich auf dem Terrain, wo im ersten Teil des Bandes die lyrischen Sondierungen des in Dortmund wohnhaften Lyrikers ansetzen und in einigen der letzten Gedichte wieder einmünden. Brôcan trägt seine enge, auch in seiner Übersetzertätigkeit manifeste Affinität zum amerikanischen nature writing mit der Vorurteilslosigkeit des Forschers durch die bereits in die Vergangenheit zurückweichenden Industrielandschaften des Ruhrpotts. Dem «maroden Glanz» eines stillgelegten Wasserwerks, der von keinem Auge mehr gewürdigten Ziegelrosette in einem alten Tunnel begegnet er mit derselben empfänglichen Aufmerksamkeit wie den Pflanzen und Vögeln, die sich die Industriebrachen zurückerobern; und mit gleichem Genuss bespielt er die Nomenklaturen von Pflanzen und Gestein, Bergbau und Handwerk. Unter diesem gleichzeitig offenen und – auch sprachlich – hoch differenzierenden Blick mutiert im Zeichen einer «sachlichen Mystik» die vergessene, ignorierte Materie zum Kunstwerk: «Treppen, steil und moos- / glitschig, mit Mustern alter Überflutungen / wie ausgelaufene Tinte oder erste / Versuche in Daguerreotypie / Backstein und Beton delikat gestuft / vermutlich lange ausrangiert / bevor sie der Farnurwald bedeckte.» Zu Recht wird später im Buch gefragt: «Was ist Natur, was nicht?»

«Auf dem Zeitstrahl» heisst ein Gedicht, das von den verwirrenden Momenten spricht, in denen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem Augen-Blick zu offenbaren scheinen: «alles stand am richtigen Platz, / zusammengefasst, / blickte man eins an, zeigte es auf ein anderes, / das auf ein weiteres, nächstes wies». Solche Längs- und Querverweise entlang historischen und gedanklichen Achsen versucht auch der Gedichtband, der sich im Mittelteil vom lokalen Umfeld löst und in einer langen Reihe von Widmungsgedichten Naturwissenschafter und Literaten, Musiker, Maler, Forschungsreisende und – selten – biblische oder mythische Figuren auftreten lässt.

Hier können sich Motive verschränken: So wird in einem Gedicht über den früh verstorbenen Komponisten Norbert Burgmüller Schumanns bittere Klage über den Verlust dieses Hochbegabten anzitiert, bevor im nächsten der hellsichtig-umnachtete Schumann selbst zu Wort kommt. Eine ganze Sequenz ist dem Titel «Unterwegstermine» unterstellt; poetische Notate über reale Forschungsreisende, die auch mehrfach jene verblüffende Spiegelung einzufangen suchen, die bei der ersten Begegnung von Menschen aus wildfremden Kulturen entsteht. «Nutzbar oder nicht, jede kleinste Pflanze, / jedes unscheinbare Tier / hat in ihrer Sprache einen Namen, / sie haben alles in die Hände genommen, / neugierig betrachtet, untersucht», paraphrasiert das Gedichte den deutschen Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl, der in den 1850er Jahren die Indianer am Lake Superior besucht hatte; und die Begegnung des Mediziners und Forschungsreisenden Karl von den Steinen mit den Urwaldvölkern des Amazonas gerät zur perfekten Illustration des «Zeitstrahl»-Motivs. Einer der Eingeborenen, «(knallziegelrot bemaltes Gesicht) / deutet auf die Sonne, / beschreibt einen Bogen in die Luft, / neigt den Kopf und schliesst seine Augen: // d a s w a r 1 T a g! // Ihr Blick springt Jahrhunderte / vorwärts, auf Wunderdinge / Kompass, Flinte, Bücher, / mit denen die Fremden jonglieren, / wie reisende Circuskünstler.»

Brôcans Gedichte stossen selten in das vor, was wir als Gegenwart empfinden: das gewaltige Triebwerk von Wirtschaft, Politik, fortlaufender kommunikationstechnologischer Revolution. Ist dem Dichter daraus ein Vorwurf zu machen? Das hiesse, dass die Literatur denen keinen Raum mehr bieten könnte, die – wie auch der verstorbene grosse Waliser R. S. Thomas – keine Lust finden am Bad im Ozean der Geschäftigkeit und Geschwätzigkeit. «Antidot» jedoch versteht sich nicht zuletzt als Gegengift zur Alltagshetze, als Einladung zum Schauen, Wahrnehmen und Benennen.

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