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An Seneca. Postskriptum. Seneca. Die Kürze des Lebens.
Buch von Durs Grünbein (2004, Suhrkamp - Übertragung aus dem Lateinischen Gerhard Fink).
Besprechung von Michaela Schmitz in Rheinischer Merkur, 17.06.2004:

Durs Grünbein adelt den neu übersetzten Stoiker mit einem Essay
Blutsbruder Seneca

Der Autor und Büchner-Preisträger Durs Grünbein hat erst im letzten Jahr Senecas Drama „Thyestes“ im Stil des hohen Pathos des Königsdramas aus dem Lateinischen in deutsche Verse übertragen. Jetzt widmet er dem Stoiker anlässlich des von Gerhard Fink modern übersetzten Textes „Von der Kürze des Lebens“ ein Postskriptum.

Die Spurensuche beginnt für den Literaten schon als Junge. Dort stößt er zum ersten Mal auf den Namen des antiken Rhetorikers: Nicht, wie zu erwarten wäre, im Lateinunterricht, sondern in einem Buch über Indianerstämme. Für den kleinen Durs haftet die exotische Aura der Karl-May-Romane von nun an fest an dem Lateiner.

Selbst, als Kreuzworträtselfreund Großvater Grünbein das Geheimnis entzaubert: „Römischer Philosoph mit sechs Buchstaben? – Seneca. 4 vor der Zeitrechnung bis 65 nach. Stoiker, Tragödiendichter, Lehrer des Kaisers Nero, von diesem zum Freitod gezwungen.“ Und auch heute noch, gesteht der Autor, siegt in ihm der junge Indianerliebhaber, der zuerst „noch immer den Häuptling mit Kriegsbemalung und auf den zweiten Blick erst den römischen Aristokraten in seiner Toga“ sieht.

Der jugendliche Irrtum verschafft Grünbein jetzt eine ideale Ausgangsposition: Er liest den Text des Redners, der für die meisten im drögen Latein- und Geschichtsunterricht zur musealen Marmorfigur erstarrt ist, voller Bewunderung, aber gleichzeitig erfrischend respektlos. Ganz im Sinne der Suhrkamp-Reihe „Bibliothek der Lebenskunst“, die die alte Frage nach der „richtigen“ Gestaltung des Lebens aufzugreifen und den vergilbten Text „Von der Kürze des Lebens“ neu herauszugeben wagt. Und die sich damit ganz bewusst zwischen Literatur und Wissenschaft bewegt und dabei auf Fußnoten verzichtet.

Hochachtung zollt der Schriftsteller vor allem der ausgefeilten Rhetorik des römischen Kollegen, mit der der professionell ausgebildete Redner brillierte. Im Brief an seinen Freund Paulinus variiert Lucius Annaeus Seneca gekonnt professionell – dynamisch, in überraschenden Wendungen und pointiert – ein Thema, das zum Konsens antiker Moralphilosophie gehört: die begrenzte Lebensdauer, die der Mensch fahrlässig verstreichen lässt, indem er sie nur ungenügend zur einzig wahren Beschäftigung, nämlich der Philosophie, nutzt. In wohlklingenden, dem Text vorangestellten Versen schwärmt Grünbein durchaus affektvoll von der perfekten Sprach- und Stilbeherrschung des Klassikers der Redekunst.

Und doch verstellt der Respekt dem indianischen Fährtensucher Grünbein nicht den Blick für die Widersprüche des Römers. Im nachfolgenden Essay mimt der Literat den „saloppen Kommentator“ und sucht die Wahrheit über Seneca „Im Namen der Extreme“. Denn Senecas Tugend-Pathos klingt nur allzu unglaubwürdig in Anbetracht der Gegensätze seiner Lebenspraxis: „. . .  Verdacht beschleicht/ Selbst den, der bei dir nichts als Wahrheit sucht“. Aus der satten Position des vermögenden Aristokraten, erfolgreichen Politikers, ruhmreichen Redners und geehrten Dramatikers lässt sich leicht, aber nicht eben sehr glaubwürdig von Enthaltsamkeit, Abstinenz von Ämtern und Würden und Missachtung gesellschaftlicher Anerkennung predigen. Noch fragwürdiger seine Rolle ist allerdings seine Rolle als Erzieher und Vertrauter des Kaisers Nero, in der er als Mitwisser eine grausame Terrorherrschaft deckt, die ihm schließlich selbst zum Verhängnis wird, als er von seinem ehemaligen Schüler zum Selbstmord verurteilt wird. „. . . Dein eignes Leben hat dich widerlegt./ Verzeih mir, Toter“, konstatiert der „Nachfahr, jener Rüpel“ und kratzt respektlos an der ehrwürdigen Marmorbüste.

Durs Grünbeins Postskriptum präsentiert den verstaubten Text erfrischend unphilologisch, macht den Leser die zeitliche Entfernung vergessen und entspricht ganz der Intention der Suhrkamp-Reihe, denn er „schärft die Wahrnehmung, lädt ein zum Denken, macht Lust zum Philosophieren – und auf die Kunst zu leben“.

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2.)

An Seneca. Postskriptum. Seneca. Die Kürze des Lebens.
Buch von Durs Grünbein (2004, Suhrkamp - Übertragung aus dem Lateinischen Gerhard Fink).
Besprechung von Jürgen Verdofsky in der Frankfurter Rundschau, 19.6.2004:

Der Fürstenerzieher widerlegt sich selbst
Emphatische Polemik, sehr gegenwärtig: Durs Grünbein liest Seneca und sinniert über dessen Traktat "Die Kürze des Lebens"

"Der Tod kommt gewiss, aber vorläufig noch nicht", sagt Heidegger. Die Zeit davor, die Lebenszeit ist das Guthaben eines jeden Menschen, doch bleibt es ein unbestimmter Besitz. Das menschliche Maß für das Vergängliche der Gegenwart und das Ungewisse der Zukunft lässt Philosophen zu strengen Haushältern werden. "Wir erhalten kein kurzes Leben, sondern haben es dazu gemacht, und es mangelt uns nicht an Zeit, sondern wir verschwenden sie", ruft von der Galerie der Stoiker Seneca. Aber er geht als Zeitverschwender allen voran, wenn Cäsaren-Gunst winkt. Dieser Lucius Annaeus Seneca ist nicht nur Philosoph, sondern wechselhaft Poet, Pathetiker, Politiker, Prätor und Patron. Aber immer gibt er den Stoiker, auch wenn es die Cäsaren Caligula, Claudius und Nero arg mit ihm treiben. Durs Grünbein holt Seneca aus dieser Pose, aus der Vormacht des Großen Latinum. "Was ihn heraushebt aus der Masse der Schönredner, war weniger handwerkliches Geschick, es war seine Schauspieltechnik. Der Trick bestand darin, sich selbst, dieses Bündel von Widersprüchen, aufzuspalten in das Ensemble eines imaginären Dramas mit dem Titel Seneca."

Im Jahre 49 nach Christus wird Seneca aus achtjähriger Verbannung auf Korsika nach Rom an den Cäsaren-Hof zurückgerufen. Der Tugend-Pathetiker soll beim Wort genommen werden. Die Aufgabe für den 53-jährigen Heimkehrer scheint ehrenvoll und doch wird sie ihn für immer ins Zwielicht rücken. An der Seite des amtsmüden Claudius Cäsar bereitet dessen vierte Frau Agrippina die Inthronisierung ihres Sohnes Nero vor, Spross aus einer anderen Verbindung. Seneca, der große Rhetor, der Modeautor des Römischen Reiches, soll den Thronfolger konditionieren. Er übernimmt die Rolle des Fürstenerziehers und tut genau das, wovor er sonst warnt, er vergeudet Lebenszeit an einen anderen. Und an was für ein Monster: Nero. Was soll da bleiben von dem beschworenen "otium", dem Seelenfrieden?

Bloß nicht warten

Aber der Philosoph ist auch weise, denn als erstes schreibt er ein Traktat: De brevitate vitae - Die Kürze des Lebens. Er singt nicht das Hohelied des Alters, teilt nicht die Bewunderung der Antike für die Weisheit der Jahre. Sein nüchterner Blick fällt auf die vermeintlich Klugen: "Sie denken und planen auf lange Sicht. (...) Das größte Lebenshemmnis ist das Warten, das sich ans Morgen klammert und das Heute verliert. (...) Alles, was kommen soll, liegt im Ungewissen. Los, lebe sogleich!" Doch dieses "sogleich" ist für Seneca, einem der reichsten Männer Roms, nicht einfach das "Carpe diem" des Horaz, denn mit Geschäftigkeit vergeht die Zeit, ohne dass es bemerkt wird. Damit das Leben nicht stürzt, nicht im Bodenlosen versinkt, bedarf es der Ruhe und Muße für den Rückblick auf das Vergangene. "Durch ein zerrüttetes, durchlöchertes Gemüt rinnt die Zeit hindurch. Die Gegenwart ist ganz flüchtig, und zwar in dem Maß, dass manche sie für nicht vorhanden halten."

Nichts geht bei Seneca ohne den Umgang mit den großen Köpfen - von Aristoteles bis Zenon. Nur die Philosophen lehren die rechte Lebenskunst, nur hier gibt es Sinnstiftung. "Von diesen wird dich keiner zwingen, zu sterben, aber alle werden es dich lehren; von diesen wird dich keiner um Jahre deines Lebens bringen, sondern die seinen dazugeben." Seneca begründet den Römern manches Selbstverständnis weitschweifig und neu. Doch ein Stilist von pragmatischer Strenge, ein Cicero ist Seneca nicht. Mäandernde Redekunst, doch kein Laster, keine Begierde bleibt ungenannt, die römische Gesellschaft steht vor dem Spiegel. "Als solltet ihr ewig leben, so lebt ihr dahin; nie wird euch eure Vergänglichkeit bewusst, ihr achtet nicht darauf, wie viel Zeit schon vergangen ist, wie aus dem Vollen, aus dem Überfluss verschwendet ihr sie, während vielleicht gerade der Tag, den ihr an einen Menschen oder eine Sache verschenkt, euer letzter ist."

Der Philosoph ist seiner Erkenntnis von den letzten Dingen näher, als er wünschen kann. Agrippina wird Claudius töten. Nero lässt den Halbbruder Britannicus, die eigene Mutter Aggripina, seine Gattin Octavia und ungezählte Senatoren, darunter seinen Steigbügelhalter Burrus, ermorden. Seneca steigt auf zum Vertrauten eines Gewaltherrschers, dem er die Trauerreden auf die Opfer zu schreiben hat. Aber auf Wirkung, auf Einfluss zu verzichten, das wäre ja auch ein Tod. Seneca wird einige seiner Traktate, die Titel führen wie Über die Milde, Vom glücklichen Leben, Von der Seelenruhe oder Über die Muße, dem zügellosen Nero widmen. Die Epistulae morales, eine Sammlung von Briefen, werden seinen Ruf als Ethiker begründen.

Aber Fürstenerziehung ist selbst für anpassungsfähige Stoiker eine wirkungslose Einlassung. Als wäre ein Nero in seiner Hybris mit Traktaten zu bändigen, scheitert keiner mehr als Seneca. Am Ende, da ist der Philosoph fast siebzig, wird Nero seinen Lehrer der Verschwörung bezichtigen und Selbstmord erwarten. Seneca hat als Stoiker zu sterben, auf den Lippen keine Klage, sondern immer noch große Worte über das Leben und den Tod. Der Unerziehbare hat den Zeitpunkt bestimmt, nicht der Weise.

Diese Gleichzeitigkeit von Terror und Tugendpathos ist ein Fall für Durs Grünbein. Den universalen Dichter verfolgt Seneca seit Jugendzeiten als Legende, nicht weil in Dresden der Latein-Unterricht so gut gewesen sei, sondern der Name des Römers sich mit einem Indianerstamm verwechseln ließ. Entgrenzte Rätsel müssen sein. Für Grünbein gibt auch es keine Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart, höchstens eine räumliche Entfernung. Zuerst hat er Senecas Drama Thyestes übersetzt, jetzt schreibt er für Die Kürze des Lebens ein poetisches Postskriptum und den Essay "Im Namen der Extreme". In der Zerrissenheit des Seneca zwischen Geltung und Seelenfrieden, zwischen Loyalität und Weitsicht, zwischen Politik und Ethik zeigt sich für Grünbein ein Januskopf von seltenem Rang. "Von seinen Beschwerden im Machtzentrum des Römischen Reiches sind uns nur seine philosophischen Kopfschmerzen überliefert. Von stoischer Zurückhaltung, sozialer Askese ist wenig zu spüren. Man tut gut daran, Die Kürze des Lebens als eine Art Beichte zu lesen, als ein entlastendes Dokument für den Verfasser selbst und sein gespaltenes Ich."

Grünbein nimmt Seneca das Odium abgestandener Lebensregeln, indem er als Essayist und Poet aus den "gesuchten Metaphern" die Widersprüche zwischen Pathos und Praxis erhellt. Die moderne Übersetzung von Gerhard Fink erleichtert manches, aber man wundert sich, dass Grünbein seine Lesart nicht durch eine eigenständige Übertragung vollendet. In seinem Essay zeigt er, wie nah die Logik des Seneca an unser Leben reicht. Wir werden nicht nur mit der eigenen Zeitvergeudung voll ertappt. Auch Senecas Maximen zur Selbstbesinnung durch rigorosen Individualismus schlagen direkt neben der Drängelei um unsere Selbstverwirklichung ein. Daneben erscheine die Bergpredigt von Senecas Zeitgenossen Jesus Christus flagrant gegenwartsfremd.

Der Dichter Grünbein umrankt Senecas gestreckten Zeigefinger mit emphatischer Polemik. "Die Chronik weiß, du warst bei Hof die graue Eminenz,/ Das Superhirn, das einen Nero das Zitieren lehrte./ Sag, was du willst - aus dem Historienbild zurückzutreten, / Ist es zu spät, seit alle Nachwelt deinen Zögling kennt./ Du warst der Lehrer. Nein, den Unbeschwerten / Hat erst die Zeit aus dir gemacht. Sie nimmt dich leicht./ Posthum erst ging die Einsicht auf, mit der dein Buch / Den Leser quält. Dein eignes Leben hat dich widerlegt."

Durs Grünbein stürzt Seneca vom Sockel, aber in dem Zwielicht, das der "Brandfleck Nero" wirft, zeigt sich eine moderne Gestalt, zerrissen zwischen Macht und Moral, mit einem tiefgespaltenen Ich. Neu bedenkenswert, keine Zeitverschwendung.

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