Anna und Franz von Franz J.Czernin, 1998, Haymon-VerlagAnna und Franz.
Arabesken von Franz Josef Czernin (1998, Haymon).
Besprechung von Helmut Gollner aus Rezensionen-online *LuK*:

Die Abschaffung der Wirklichkeit als poetischer Fortschritt?
Drei neue Bücher von F. J. Czernin

Man ist Sprachskeptiker. Man weiß, daß die Sprache nicht die Wirklichkeit referiert, sondern sich selbst. Man weiß, daß auch die Poesie ihren Gegenstand nicht beschreibt, sondern erzeugt.

Was macht man also, wenn man weitersprechen oder gar weiterdichten will?

Man verzichtet auf den Gegenstand und fällt in eine Art intellektuellen Sprachautismus? (Eine sehr österreichische Variante.) Man versucht die Sprache so weit zu individualisieren, daß man ihrem gesellschaftlichen Diktat entkommt, auch wenn man die Kommunikation aufs Spiel setzt? (Celan: »Pallaksch. Pallaksch.« Oder man stellt gerade den gesellschaftlichen Zustand der Sprache gesellschaftskritisch aus? (Wie der 68er-Scharang oder -Heissenbüttel.) Man schweigt? (Dichter schweigen nicht.)

Czernin will weiterdichten; mehr: er will nicht einfach bei Gelegenheit des Erlebens ein Lied anstimmen, sondern professioneller singen: statt der Gelegenheit gleich die Prinzipien des Singens selbst vertonen. Er hat sich eine poetische Lebensaufgabe gestellt: die schrittweise Abfassung einer »Kunst des Dichtens« die systematisch und enzyklopädisch die Formen der Poesie zugleich reflektieren und reproduzieren will; eine Art angewandter poetischer Erkenntnistheorie. »Reflexion der Poesie als Poesie« (Thomas Eder).

Sein Universalprojekt der »Kunst des Dichtens« das schon einige Kapitel des poetischen Formeninventars abgehakt hat (das Sonett, das Naturgedicht, den Aphorismus...) machte zuletzt Station bei der literarischen Arabeske (»Anna und Franz«).

Die Arabeske ist zunächst ein (aus dem Arabischen kommendes) malerisches oder graphisches Ornament. Seit der Romantik (Friedrich Schlegel) ist die Arabeske auch eine literarische Form, ideale »Vereinigung und Potenzierung der Gattungen« (Historisches Wörterbuch der Rhetorik).

Czernin spinnt aus einer begrenzten Zahl von Motiven (hauptsächlich Tiere und Pflanzen) 16 Gespinste, deren jedes sowohl eine Erzählung für sich als auch zusammen mit den anderen Erzählungen, in der Wiederholung und Variation ihrer Motive, ein großflächiges Sprachornament ergibt.

»Nichts geschah, als daß ein Fisch in der Höhle so hin und her geschwappt wurde wie das Schiff selbst im Meer und das Meer im Auge des Kindes, das es so durstig ansieht, als wäre es eine hohle Puppe, die all das Wasser austrinken wollte, um endlich seinen ganzen Durst zu stillen, und nicht zuletzt um aller Tiere, Dinge und Pflanzen willen.«

Czernin überträgt in die Zeit (die Literatur), was auf der Fläche (im Bild) war; ein rechtes Kunststück. Sprache bildet dabei ein Muster ab, nicht die Wirklichkeit; sie entfaltet die Poesie der um ihren Inhalt erleichterten Sätze. Die Sätze stehen für eine poetische Attitüde, sind aber schließlich doch und trotz ihres Wohlklangs Programmsätze für Czernins angewandte Formenlehre, kein außersprachlicher Inhalt schützt sie davor. Alles ist mit allem so verwoben, daß es seine eigene Konsistenz verliert. Alles ist auch alles Andere: nichts ist etwas. Nichts ist etwas:

Das läßt den naiven Leser in beträchtlichen Schwierigkeiten zurück, etwa in dem zunehmenden Unbehagen darüber, daß nichts von dem Gesagten auch ein Gemeintes ist; oder in der Frage, warum er weiterlesen soll, wenn er nach der zweiten von sechzehn Geschichten verstanden hat, wie die Arabeske funktioniert, und ihn sonst nichts Neues erwartet; grob gesagt: in der wachsenden Sehnsucht nach außersprachlicher Wirklichkeit. Wirklichkeit wird (bleibt) angesichts der selbstreferentiellen Sprachunternehmungen Czernins das Aufregendste, was mitgeteilt werden kann, egal wieweit sie in der Sprache Fälschung oder Fabrikat der Sprache ist. Ich bin mir nicht sicher, wieweit ich die Anliegen Czernins verstehe, aber seine Texte nähren eine Art primären oder naiven Verlangens nach der Referentialität der Sprache, nach einer Mitteilung, die mehr als das Mitteilen betrifft, wir wollen ja auch nicht nur der Form nach leben.

Von dem durchaus toleranten und skrupulösen Argumentierer Czernin habe ich den Titel eines Interviews in Erinnerung: »Ich bin besser als Fried.« Es ging wohl um das prä-wittgensteinisch-unbedarfte Sprachverhalten Erich Frieds, das gleichermaßen mangelhafte Poesie wie große Popularität ermöglichte. Czernin macht Lust sogar auf Fried, etwa nach dem trotzigen Motto: besser zweifelhafte Mitteilungen als leere.

Die Dichtung ein Haus ohne Türen, dafür innen total verspiegelt: in diese klaustrophobe Situation gerate ich nach der Mehrfachlektüre Czernins. Eine zweite poetologische Neuveröffentlichung ist seine 150-Seiten-Interpretation des 14zeiligen Priessnitz-Gedichts "heldin" ("Die Schreibhand"). Das Sonett reflektiert das poetische Schreiben, indem es sein Ende prognostiziert. Czernins Reflexion der Reflexion vervielfältigt den poetologischen Befund des Gedichts zu einem konjunktivischen Panorama möglicher Poetologien, die er indikativisch erst am Schluß wieder bündelt in dem Resümee, daß das Gedicht nicht weniger als das Ganze der Kultur (Poesie, Wissenschaft, Philosophie...) enthält. Es ist ein gelehrtes und einfühlsames, ein gründliches Buch mit aller Umständlichkeit eines unbeugsamen Präzisionswillens.

Reinhard Priessnitz ist ein Geistesverwandter Czernins, in der Ahnenreihe von Wittgenstein und Wiener Gruppe. In Priessnitz" Themen und Erkenntnissen findet Czernin sich zweifellos wieder; mögliches Gedichtthema: »die Unangemessenheit der deskriptiven Sprache überhaupt« weiterführende Erkenntnis: Dichtung als etwas, »das im Zeichen eines alle denkbaren Traditionen umfassenden Möglichkeitssinns (wieder) hergestellt werden kann«.

Die Zweifel an der poetischen Deskriptionsfähigkeit führen Czernin nicht nur dazu, Poesie von ihren Formen aus zu versuchen (statt von außersprachlichen Anlässen aus), sondern auch zu einer gewissen Protektion der wissenschaftlichen Sprache (ferner Vater Oswald Wiener): in seiner Priessnitz-Interpretation einerseits explizit (»für die meisten sind die überzeugenden oder jedenfalls durchschlagskräftigen Modelle von Erkenntnis die naturwissenschaftlichen«; außerdem reklamiert Czernin die »Schönheit des Arguments« für die Poesie; im März kommt übrigens ein neues Czernin-Buch unter dem Titel "Dichtung als Erkenntnis" heraus), andererseits implizit: In der Interpretation benützt er die wissenschaftliche Sprache der Argumente, und zwar durchaus nicht selbstreferenziell wie die poetische in seiner "Kunst des Dichtens", sondern bis in die letzten Winkel ihrer logischen Systematik, um seinen außersprachlichen Gegenstand zu erklären. Das setzt wohl die Überzeugung von der Deskriptionsfähigkeit der wissenschaftlichen Sprache, wenn nicht sogar von der Kongruenz des Systems Sprache mit dem System Wirklichkeit voraus. Czernins konsequente Nutzung der wissenschaftlichen Sprache ist zugleich ihre Preisung (insofern jede Sprachform nicht nur ihren Gegenstand, sondern auch sich selbst vorführt). Fürs Priessnitz-Gedicht konstatiert er: der totalen Sprachskepsis steht die Artikulation dieser Skepsis im Weg. Fürs Priessnitz-Gedicht schließt er daraus: seine Sprachkritik entfalte sich »paradox als ihre eigene Unmöglichkeit«.

Für die poetische Sprache ließe sich vielleicht sagen: Die Sprache des Arguments verhält sich gegenüber der Wirklichkeit viel konventioneller, insoferne ihr Strukturgehorsam größer ist als der der poetischen Sprache, die wenigstens per definitionem die Konventionen brechen darf, soll, kann. (Achternbusch: »Wer versteht, gehorcht.«)

Es gibt eine (ziemlich maskuline) Anmaßung in der Runde der Sprachavantgardisten: daß der rechte Umgang mit der Wirklichkeit ihre Transzendierung sei. Diese Abschaffung der Wirklichkeit wird zum kognitiven und poetischen Fortschritt erklärt, Inhaltlichkeit als rückständig. Abgeschafft wird die Wirklichkeit sowohl, wenn man sie nur als Sprachform, als auch, wenn man sie nur als System behandelt. Auch Czernins Neigung, die Erscheinungen prinzipiell, systematisch, abstrakt oder formalistisch zu behandeln, hat etwas von dieser Nekrophilie, die sich mit dem Dienst an der Erkenntnis rechtfertigt (um Leben und Wirklichkeit zu verstehen, muß man sie erst einmal im Begriff oder in der Form kaltstellen). Ein solches Bewußtsein steht immer auch unter Herrschaftsverdacht, insoferne erst ihre Entleibung (durch Abstraktion oder Formalisierung) die Erscheinungen verfügbar macht.

Auch wenn er nicht über sie schreibt (beziehungsweise sie dem Leser nur konjunktivisch oder relativ offeriert), lebt Czernin in der Wirklichkeit. Wenn er sein Rettenegger Waldhaus ohne Haube verläßt, ist ihm im Winter (vielleicht) kalt. Diese Befindlichkeit interessiert mich (umso mehr, je weniger mich die Sprachformen historisch möglicher Befindlichkeiten interessieren). Alle klugen Überlegungen, die die Wirklichkeitsverweigerung als das avanciertere Sprachverhalten ausgeben, wirken ziemlich anmaßend oder akademisch vor Leuten, die bis zum Hals in der Wirklichkeit stecken. Es gibt ja SchriftstellerInnen (und nicht nur blonde), denen die Existenz unabweisbar ins Wort drängt und die Form ihrer Darstellung aufnötigt, ihnen also die Freiheit nicht läßt, die Schreibformen »systematisch und enzyklopädisch«durchzuspielen. Kein Drängen der Existenz bei Czernin; oder es bleibt außerhalb des Schreibens. Was ist das Schreiben dann?

Ein P. S.: Czernin hat auch ein Schatzkästlein herausgebracht mit vielen wohlausgesuchten Wörtern, die magnetisch zum Beispiel am Eiskasten haften (»Kühlschrankpoesie«). Damit kann man Familiennachrichten zusammenstellen oder dichten. Die Freunde Ferdinand Schmatz, Peter Waterhouse, Friederike Mayröcker und der Autor selbst haben"s versucht und ihre beschrifteten Eiskästen dem »Falter«Photographen zur Verfügung gestellt.»

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