Anna,Soror... von Marguerite Yourcenar, 2003, ManholtAnna Soror.
Roman von Marguerite Yourcenar (2003, Manholt - Übertragung Anna Ballarin).
Besprechung von Steffen Richter in der Frankfurter Rundschau, 7.6.2003:

Anarchie, in Marmor gehauen
Zu Marguerite Yourcenars 100. Geburtstag ist der frühe Roman "Anna, soror" erschienen und das Gesamtwerk als Taschenbuch wieder aufgelegt

Als André Breton surrealistische Entregelung für die Poesie propagierte, hatte Marguerite Yourcenar (1903 bis 1987) gerade zwei Gedichtbände im gediegenen romantischen Stil à la Victor Hugo publiziert. Nach dem Zweiten Weltkrieg, da Sartre die Literatur auf's Engagement einschwören wollte, wandelte sie auf den Pfaden des römischen Kaisers Hadrian. Und als Alain Robbe-Grillet, Roland Barthes oder Philippe Sollers das Koordinatensystem traditionellen Erzählens demontierten, jagte sie den flämischen Arzt und Alchimisten Zenon in einem geschichtsphilosophischen Abenteuerroman durch das Europa der Renaissance. An allen maßgeblichen literarischen Bewegungen des französischen 20. Jahrhunderts hat Marguerite Yourcenar unbeirrt vorbei geschrieben. Seit Beginn der fünfziger Jahre war das Cottage "Petite Plaisance" auf dem Mount Desert Island im amerikanischen Bundesstaat Maine ihr Schreibrefugium. Da nimmt es nicht Wunder, wenn ihre Bücher aus einer fremden Galaxie zu stammen scheinen. Was damit nicht geklärt wäre, ist der Erfolg einer Autorin, die Frankreichs literarische Gesellschaft einst gründlich durcheinander gewirbelt hat.

Als erste Frau ist Marguerite Yourcenar 1980 in die Académie Française gewählt worden. Mit der Aufnahme ihres Werks ins Allerheiligste der französischen Literatur, die "Pléiade", wurde sie schon zu Lebzeiten kanonisch. Gisèle Freund wollte sie fotografieren, Bernard Pivot hat sie in seiner legendären Fernsehsendung "Apostrophes" gefeiert. Und noch in heute bekommen Nachgeborene feuchte Augen, wenn sie von der Lektüre der Mémoires d'Hadrian (dt. Ich zähmte die Wölfin. Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian) erzählen.

Dass auch ihr deutschsprachiges Publikum auf seine Kosten kommt, dafür sorgt jetzt der Deutsche Taschenbuch Verlag. Pünktlich zu ihrem morgigen 100. Geburtstag werden Yourcenars Romane neu aufgelegt; auch die lesenswerte Biografie Marguerite Yourcenar. Die Erfindung eines Lebens (1998) von Josyane Savigneau erscheint als Taschenbuch. Und der in Sachen französischer Literatur äußerst verdienstvolle manholt Verlag aus Bremen hat erstmals die Erzählung Anna, soror übersetzen lassen. Dieses Werkchen ist symptomatisch für Yourcenars beständige "Umschreibarbeit". Es wurde von einer kaum 20jährigen verfasst, dann 1935 in einer Novellensammlung erstmals veröffentlicht, schließlich überarbeitet und 1981 unter seinem jetzigen Titel noch einmal publiziert. Und es führt geradewegs ins Zentrum von Yourcenars poetischen Überzeugungen.

Anna, soror erzählt die Geschichte eines Geschwisterpaars im Neapel des späten 16. Jahrhunderts. Der Vater ist ein herzloser Festungskommandant im Dienste des spanischen Vizekönigs, die Mutter stirbt bald, so dass die Kinder sich selbst überlassen bleiben. Langsam entdecken sie ihre Neigung zueinander. Der Inzest treibt Miguel in einen Opfertod im Kampf gegen Piraten. Die Inschrift auf seinem Grab ist gezeichnet "Anna, soror" - Anna, die Schwester. Das alles klingt recht anrührend und gründlich aus der Welt gefallen. Und was haben einige Kritiker gewettert! Von "Historie im Faltenwurf" schrieb L'Express. Yourcenar meißele "noble Flachreliefs in sämige Schmierseife, mit dem Stichel eines Akademiepreisträgers aus dem letzten Jahrhundert". Das ist so falsch nicht, beschreibt aber nur die eine Seite der Wahrheit.

Wie Yourcenar die von Gefühlen der Schuld und des Verbotenen umstellte Liebe der Geschwister begleitet, ist nämlich geradezu sensationell: Kein Hauch von Sentimentalität, kein einziges Klischee wird aufgerufen. Stattdessen vermessen kurze, zuweilen lakonische Sätze den Abgrund zwischen Begehren und "in der Gegenreformation erstarrter Frömmigkeit". Selten ist literarisch präziser erwiesen worden, dass das Bewusstsein von Freiheit umso klarer ist, je härter die einschränkenden Grenzen markiert sind. Die biografische Anlage des Erzählens bringt es mit sich, dass die dargestellten Leben immer schon die Gewissheit ihres Endes in sich tragen. Hierin mag ein Grund für Yourcenars Erfolg liegen: Ohne jegliche Einfalt spricht sie von den wichtigen Dingen im Leben, der Liebe und dem Tod. Und noch in der glänzenden Übersetzung von Anna Ballarin lässt sich ihre Suche nach sprachlicher Perfektion studieren, dieser Hang zu einer wie in Marmor gehauenen Syntax, der sie berühmt machen sollte.

Geboren wurde Yourcenar als Marguerite de Crayencour (ihr Künstlername: ein fast perfektes Anagramm) 1903 in Brüssel. Aber wie Georges Simenon oder Jacques Brel gehört sie zu jenen Belgiern, die man umstandslos der frankophonen Kultur zugeschlagen hat. Ihre Mutter starb wenige Tage nach der Geburt. Aufgewachsen ist sie beim Vater Michel, einem Abenteurer und Liebhaber von Automobilen, Jachten und klassischer Literatur. Mit der zeitüblichen Mädchenerziehung lassen sich die Reisen zwischen der belgischen Nordseeküste, Paris und der Côte d'Azur nicht verrechnen: Eine Schule hat die kleine Marguerite nie besucht. Dafür studiert sie zwischen dem siebten und achtzehnten Lebensjahr die französischen und englischen Klassiker, lernt Latein und Griechisch. Glaubt man ihren Selbstaussagen in Liebesläufe (1988), dem letzten Band der autobiografischen Trilogie "Das Labyrinth der Welt", dann war Marguerite ein altkluges Kind mit einem früh ausgeprägten Bewusstsein der eigenen Persönlichkeit.

Während sie die zwanziger Jahre in Italien verbringt, wird in den Dreißigern Griechenland ihre Wahlheimat. Zwischen die literarischen Projekte mischen sich immer wieder amouröse Eskapaden. Mehr noch als Männer liebt Yourcenar Frauen. Als dann doch ein Mann - ihr langjähriger Lektor André Fraigneau - alle ihre Sehnsüchte auf sich zieht, liebt der Männer. Gnadenlos hat Yourcenar diese missglückte Eroberung in Literatur umgesetzt. Der als eine Art Kammerspiel konzipierte Roman Der Fangschuss (1939) spielt die Konstellation mit unerbittlicher Konsequenz durch. Als Hintergrund dient der Bürgerkrieg zwischen Revolutionsgegnern und Bolschewiki um 1919 auf dem Baltikum. Ein homosexueller Mann, gezeichnet als neusachliche kalte persona der Zwischenkriegszeit, erwehrt sich da mit unlautersten Mitteln der Liebe einer Frau. (Dass die Verbindung von Revolutionsgräuel und psychologischem Geschlechterkampf Volker Schlöndorff 1976 zu einer Verfilmung animierte, verwundert kaum.)

Weniger der Kriegsausbruch als vielmehr die unglückliche Liebe trieb Yourcenar 1939 nach Amerika. Ihr Nomadendasein wurde auf Jahrzehnte in still gestelltes Leben überführt. Denn in den USA wartete mit Grace Frick jene amerikanische Literaturwissenschaftlerin, mit der sie die nächsten vierzig Jahre in einer "Vernunftehe" (Savigneau) verbringen sollte; kennengelernt hatten die beiden sich in einem Pariser Hotel. Grace Frick scheint die Schreibarbeit ihrer Partnerin in jeder Hinsicht unterstützt zu haben. Wie genau die Gewichte verteilt waren, wird man erst im Jahr 2037 rekonstruieren können, wenn Yourcenars Privatarchiv in Harvard zugänglich wird.

Fest steht, dass Frick ihr auch die materielle Sicherheit bot, am Hadrian-Roman zu schreiben, dem Buch, das 1951 erschien und das Yourcenars Weltruhm begründete. In ihren "Notizen zur Entstehung" - ihr gesamtes Werk und sogar ihr Leben hat sie mit einem didaktischen Selbstkommentar überzogen, der der unbedarften Interpretation vorgreifen soll - zitiert sie Flaubert: "Als es die Götter nicht mehr gab und Christus noch nicht, war zwischen Cicero und Marc Aurel ein einmaliger Augenblick entstanden, in dem der Mensch für sich existierte." - "Diesen alleingelassenen und doch allem verbundenen Menschen zu bestimmen", das ist ihr trefflich gelungen. Die Erinnerungen des römischen Kaisers Hadrian (formuliert an die Adresse seines Enkels Marc Aurel) erweisen sich als ein Handbuch der Lebensklugheit. Hadrian ist ein liberaler Pragmatiker, der bei aller Ruhmsucht auf Handel setzt statt Krieg. Dass er sein Leben "in griechische Form gebracht" hat und sich für die "Schönheit der Welt" verantwortlich fühlt, heißt auch, vielerlei humanistische Reformen auf den Weg zu bringen. Nicht zuletzt ist der Kaiser ein Mann, der einen schönen Knaben liebt, Antinous, der sich schließlich selbst tötet. Hadrian muss erkennen, "dass der Schmerz Irrgärten hat, die ich noch nicht bis ans Ende durchwandert hatte".

Unzählige Essays, einige Theaterstücke und den großen Roman Die schwarze Flamme (1968) hat Yourcenar in den folgenden Jahren geschrieben. Bis auf die autobiografischen Bücher, in denen die strenge Sprachökonomie sich auflöst und einem ausschweifenden Erzählen Platz macht, ist sie dem hohen Ton bis zu ihrem Tod am 17. Dezember 1987 treu geblieben. Doch was man bei allem augenscheinlichen Willen zur Einheit und Geschlossenheit nicht übersehen kann: In diesem Werk, das mit seiner écriture classique wie ein erratischer Block in der literarischen Landschaft liegt, tanzen hinter den Zeilen auch Ambivalenzen. Nie sind die Gefühle von Liebe oder Hass rein und unvermischt. Der Mythos des Androgynen grundiert nahezu jeden Text. Auch ihr politisches Ich gibt Rätsel auf. Die einen halten sie für eine Rechte, weil sie mit Kollaborateuren auf gutem Fuß stand und sich mit blauäugigen Formulierungen in ihren Büchern sogar den Vorwurf des Antisemitismus zuzog. Anderen gilt sie als Linke, da sie sich in zahlreichen Bürgerrechts- und Umweltbewegungen engagierte und Zenon aus der Schwarzen Flamme die Inkarnation eines Rebellen darstellt. Auch wenn sie sich gegen das unterstellte "Hadrian, c'est moi" immer gewehrt hat, spricht der Kaiser Yourcenar wohl aus der Seele: "Es gibt mehr als eine Weisheit, und alle braucht sie die Welt."

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