Anklage Vatermord von Martin Pollack, 2002, ZsolnayAnklage Vatermord.
Roman von Martin Pollack (1998, Haymon).
Besprechung von Gerhard Zeilinger aus Rezensionen-online *LuK*, 1998:

Spurensuche
Zwei Bücher von Martin Pollack

Wenn es heißt "packend wie ein Krimi", dann ist damit selten seriöse Literatur gemeint, und die Etikette eignet sich wohl auch eher für zwar gutgemachte, aber eben doch Unterhaltungsliteratur. Hier ist es dennoch so: Martin Pollacks Buch "Anklage Vatermord" ist packend wie ein Krimi geschrieben, und es ist gleichzeitig nicht nur ein seriöses Buch, es ist eine ebenso unterhaltsame wie in jeder Hinsicht sehr klug und souverän erzählte authentische Geschichte. Unter den Büchern der letzten Zeit ist es eines der wenigen, die ich mit wirklicher Begeisterung und mit Genuß gelesen habe - wenngleich, was darin erzählt wird, von einer menschlichen Tragödie handelt, die in der österreichischen Justizgeschichte der Ersten Republik ein vieldiskutierter Gegenstand war, ein Fall, der auch noch in die jüngste Vergangenheit reichte.

Martin Pollack teilt uns am Ende mit, wie er zu dem Stoff gekommen ist: durch eine kleine Zeitungsnotiz, in der von der Bestattung eines menschlichen Kopfes die Rede war, der mehr als sechzig Jahre lang konserviert in der Innsbrucker Gerichtsmedizin als Beweismittel aufbewahrt worden war. 1991 wurde er nach einer rituellen Bestattungszeremonie auf der Jüdischen Abteilung des Innsbrucker Westfriedhofes mit jenen sterblichen Überresten vereinigt, die dort seit 1928 begraben liegen. Der Kopf gehörte zu dem Leichnam des Morduch Max Halsmann, eines jüdischen Zahnarztes aus Riga, der während einer Bergtour im Zillertal im Sommer 1928 auf nie ganz geklärte Weise zu Tode gekommen ist. Mit seinem Namen bleibt einer der größten Justizskandale in der österreichischen Geschichte vor 1938 verbunden. Noch am Tag von Morduch Halsmanns Tod wird dessen 22jähriger Sohn Philipp festgenommen. Alle Indizien sprechen zunächst gegen ihn, vor allem die Stimmung spricht gegen ihn, und die wird nicht besser, als die Beweisführung immer fragwürdiger und lückenhafter erscheint. Bald spricht man von einer Tiroler Dreyfus-Affäre, denn die antisemitischen Ressentimens sind unübersehbar, die Fehler der ermittelnden Justiz geradezu bezeichnend.

Nicht zuletzt aber ist es der Angeklagte selbst, der zu seiner schlechten Situation beiträgt und sich während des Prozesses auch noch so unglücklich verteidigt, daß man in ihm, zumindest in Tirol, nur allzu gerne den Vatermörder sieht und anderen Spuren gar nicht mehr nachgeht. Von Anfang an nimmt alles einen sehr verhängnisvollen Verlauf, und bald ist klar, daß der Angeklagte gar keine Chance haben kann, auch als das Ersturteil offenkundiger Unzulänglichkeiten wegen aufgehoben und der Prozeß erneut ausgetragen wird. Gutachter, Staatsanwalt und Verteidiger liegen einander in den Haaren, ganz Tirol fühlt sich von der "Judenpresse" in Wien diffamiert, es hagelt Einsprüche und Beschwerden, Petitionen und Offene Briefe an den Bundespräsidenten werden geschrieben, Jakob Wassermann und Sigmund Freud melden sich zu Wort, und fast täglich stehen Korrespondenten der großen internationalen Zeitungen im Gerichtssaal und berichten von einer dumpfen, provinziellen Atmosphäre alpenländischer Dünkel. Dazwischen tauchen fragwürdige Zeugen und falsche Geständnisse auf, die das Ihre zu dem Justizunfall beitragen.

Bei all dem geht Pollack dort ins Detail, wo es notwendig ist, und er versteht es, zusammenfassend das Geschehen zu überblicken, wo man sich ansonsten in den Details verlieren würde. Er beherrscht die Technik der Dokumentation und der Narration, und das zeichnet Autor und Buch eben aus. Und in der Tat ist die Geschichte so packend erzählt, daß man am Ende als Draufgabe noch gerne eines wüßte: wer denn nun Morduch Halsmann ermordet hat, wenn es denn ein Mord war. Und würde es nur um dieses Spannende, Packende gehen, wäre dieses Buch weiter nichts als ein fesselnder Gerichtssaalroman, man wäre am Ende vielleicht gar enttäuscht, weil man vergeblich noch eine Pointe erwartete. Doch hat dieses Buch eben mehr als nur diese eine Dimension, die nach jedem Kapitel die neugierige Frage weiterspinnt: Was kommt jetzt?

Gewiß haben wir hier auch ein sehr anschauliches Dokument des österreichischen Antisemitismus in der Ersten Republik vor uns. Was dem armen Philipp Halsmann im katholischen Tirol so sehr zum Verhängnis wurde, war allerdings nicht ein spezifischer Antisemitismus, sondern einfach das Unbehagen vor dem Fremden schlechthin, es sind Milieu- und Kulturbrüche, die hier zutage treten, und es ist das Verdienst des Autors, jene antiurbane, zutiefst katholische, fremdenfeindliche Atmosphäre herausgearbeitet zu haben und nicht der billigen Versuchung erlegen zu sein, das Fehlurteil einfach mit antisemitischem Lokal- und Zeitgeist zu erklären. Man muß sich vorstellen, da kommen zwei städtisch wirkende, gebildete Herren aus dem Flachland, noch dazu aus dem Osten, deren Deutsch nicht akzentfrei ist, und ziehen durch ein abgelegenes Tiroler Seitental. Daß sie "noch dazu" Juden waren, mochte zunächst nebensächlich, wenn überhaupt sogar bedeutungslos gewesen sein. Tatsache ist: sie waren ortsfremd, wesensfremd und, was in unseliger Diktion später viel spezifischer bedeutet hatte, "artfremd". Und es war vor allem Philipps "intellektuelles" Auftreten vor Gericht, das bei den Geschworenen, alles einfache Leute vom Land, den Eindruck von Hochmut hervorrief. Daß all das zusammengerechnet einen irrationalen Verlauf nehmen mußte, erscheint aus heutiger Perspektive geradezu selbstverständlich.

In einem Epilog erzählt Pollack noch die Nachgeschichte und läßt sein Buch mit der Perspektive auf den vermeintlichen Täter enden, der durch den Mordprozeß von seinem bisherigen Leben abgeschnitten worden war, nach seiner Begnadigung sein Studium nicht mehr weiterführen durfte und es in seinem Leben trotzdem zu etwas brachte, nämlich zum weltberühmten Photographen. In Paris machte sich Halsmann selbständig, gründete eine Familie, porträtierte Künstler wie Malraux, Chagall, Le Corbusier und arbeitete für Magazine wie "Vogue". 1940 konnte er gerade noch in die USA flüchten, dank einer Intervention Albert Einsteins. Freilich, in Amerika kannte Halsmann, der in Frankreich als einer der besten Porträtphotographen galt, so gut wie niemand. Alles, was er hatte, war seine Kamera, und mit der fing er noch einmal von vorne an. Und auch das eine berührende Ironie seiner Geschichte: "Er beherrschte fünf Sprachen, konnte jedoch nur ein paar Worte Englisch." 1942 gelangte eines seiner Fotos auf das Titelblatt des "Life"-Magazins, bis 1972 folgten noch genau hundert, ein unerreichter Rekord. Von Marilyn Monroe bis Grace Kelly, von J. Robert Oppenheimer bis Richard Nixon hat Phillipe Halsman, wie er sich in Frankreich und den USA nannte, alle berühmten Gesichter porträtiert und zu nicht mehr wegzudenkenden Ikonen nicht nur der amerikanischen Gesellschaft gemacht. Einmal sollte ihm der zur Last gelegte Vatermord noch zum Problem werden. Halsman dürfte bei seiner Einwanderung seine Verurteilung in Österreich nicht angegeben haben, und die amerikanischen Behörden hatten davon erfahren. Diesmal war es kein geringerer als Thomas Mann, der für Halsman intervenierte. Über den Tod seines Vaters und den Prozeß hatte Halsman bis zu seinem Tod im Jahr 1979 nie wieder gesprochen.

Es würde nicht überraschen, würde dieses Buch demnächst verfilmt werden; so wie Pollack die Geschichte aufbereitet hat, wäre das ein zweifellos geeigneter Filmstoff, eben "packend" im guten Sinne. Es überrascht auch nicht, daß das Buch bereits nach wenigen Wochen in den Bestsellerlisten an vorderster Stelle landete. Das ist die gute Nachricht. Es wird jedoch dort als Sachbuch geführt, und das wird der Literatur, die Martin Pollack geschrieben hat, so gar nicht gerecht. Genauso gut könnte man "Anklage Vatermord" eine Erzählung nennen, der nur eines fehlte: die Fiktion. Es wirft kein gutes Licht auf die österreichische Literaturkritik und den österreichischen Literaturbetrieb überhaupt, wenn alles, was dokumentierend oder essayistisch geschrieben ist, sofort der Sparte Sachbuch zugewiesen wird, gemeinsam mit der Flut an aberwitzigen, aber geschäftstüchtig produzierten Wellness- und Esoterikbüchern. Das schmerzt.

Dabei kann einem noch Schlimmeres passieren, nämlich nicht in der falschen Sparte, sondern überhaupt nicht genannt zu werden. Eben das hat Martin Pollack im Jahr 2001 mit seinem Buch "Galizien" erlebt, das nur von Vergangenem, einem untergegangenen Land kündet, das sich touristisch nicht bewerben läßt und daher kaum der Aufmerksamkeit für wert befunden wird. So muß es in den Feuilletonredaktionen heimischer Blätter denn auch geschehen sein, denn auf den Buchseiten wurde Martin Pollacks "Galizien" nicht einmal erwähnt. Deshalb will ich an dieser Stelle auch von diesem Buch reden, von der "Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina", wie es in näherer Bezeichnung heißt. Mit dem Titel wäre noch gar nicht alles gesagt, der Untertitel liest sich daher als eine berichtigende Ergänzung, denn das, was so leicht unter dem Stichwort "Galizien" zusammengefaßt ist, bedeutet im engeren und weiteren Sinn doch etwas anderes. Zum einen geht es im eigentlichen um den östlichen Teil Galiziens, zum anderen zusätzlich um die Bukowina - also einmal um ein Gebiet, aus dem uns Orte wie Lemberg, Przemysl, Brody als kulturgeschichtliche Konnotationen überliefert sind, und das andere Mal um eine Region, auf deutsch Buchenland genannt, von der uns heute nur noch, dafür umso wehmütiger, die Metropole Czernowitz, Synonym altösterreichischer Vielvölkerkultur, im Gedächtnis verblieben ist.

Im Grunde ist das alles nur mehr Gedächtnis, und im Grunde ist es ein Buch wehmütigen Zurückblickens. Verklärend gewiß nicht, schon gar nicht im nostalgischen Sinn, denn dieses Galizien, das größte Kronland der österreichisch-ungarischen Monarchie, war "bitter arm und die Armut seiner Bewohner geradezu sprichwörtlich", jede Verklärung - Martin Pollack legt seine Perspektive da ganz unbeirrt fest - stünde im "Widerspruch zur Wirklichkeit", und diese Wirklichkeit mag in der Tat so ausgesehen haben, wie sie uns in diesem Büchlein im besten Sinne des Wortes erzählt wird: karg, ökonomisch immer am Rande und archaisch in jeder Hinsicht, ob das nun die unberührte Landschaft, die jüdischen Schtetl, die kleinen Alltagsszenen auf den Straßen und Plätzen sind. Und es ist auch eine Wirklichkeit der Gegensätze, mehr der sozialen als der ethnischen; man wird ihrer besonders dann gewahr, wenn man mitten in den Regionen der Armut die repräsentative Architektur von Weltstädten wiedererkennt, wenn man vor den Fassaden des Großbürgertums ruthenische Bauern oder jüdische Hausierer in zerfetzten Kleidern sieht.

Das Völkergemisch des Habsburgerreiches scheint an seinen Rändern ein noch vielfältigeres gewesen zu sein. Neben Ukrainern, die damals Ruthenen genannt wurden, neben Polen, Rumänen, Juden, Zigeunern, deutschsprachigen Beamten in den Städten lebten in der Nordostecke der Monarchie auch so exotisch anmutende Völkerschaften wie die Huzulen, Bojken und Lipowaner. Unnötig zu sagen, daß es sie in dieser Form nicht mehr gibt, ihre Sprachen längst in den benachbarten Mehrheitssprachen aufgegangen sind, zu einer Zeit allerdings, als Galizien und die Bukowina aus dem vermeintlichen "Völkerkerker" der Habsburger längst herausgelöst waren. 1918 "verschwanden" diese Regionen von der europäischen Landkarte, der nationalsozialistische Völkermord und anschließend der Stalinismus zerstörten die multikulturelle Identität, nach der, solange es sie gab, nur niemand fragte. Der Autor schreibt von der "Ironie der Geschichte", daß diese Welt erst durch ihre Zerstörung für die Öffentlichkeit interessant wurde. Aus diesem Paradox mag dann in der Tat eine befremdliche Nostalgie entstehen, die so wenig nützt, wie sie "echt" wäre.

Martin Pollack, der Spurensucher, der schon in mehreren Büchern auf diese Wirklichkeit des Untergegangenen verdienstvoll aufmerksam gemacht hat, bleibt dem Realismus des "damals" verpflichtet. Die Schilderungen seiner "imaginären Reise" in ein fremdgewordenes Osteuropa orientieren sich an der Befindlichkeit um 1900, mehr noch, sie können gar keine andere Zeit kennen, wollen sie von etwas berichten, was es heute nicht mehr gibt. Darein fügt sich die kluge und souveräne Zitierung dessen, was umso mehr zum kulturgeschichtlichen Dokument des Vertrauten geworden ist. Das können Ausschnitte aus Texten von Joseph Roth oder Karl Emil Franzos, das kann eine kleine Notiz aus einer polnischen Lokalzeitung oder die auf jiddisch niedergeschriebenen Erinnerungen nach Amerika ausgewanderter Juden an das galizische Schtetl sein. Der Autor verblüfft mit seiner Quellenkenntnis, und das zeigt sich erst recht auch an dem eindrücklichen Fotomaterial, das für einen Augenblick etwas lebendig macht, wozu Worte selten in der Lage sind.

Die Schönheit seines Buches ist, das kann gar nicht anders sein, im Schmerz des Verlustes begründet, und als das Schmerzlichste an Pollacks Beschreibungen dieser, wie Joseph Roth einst schrieb, "seltsamen" Welt mag einen rühren, daß sie fast alle im Präteritum stehen. Aber hätte man im Präsens der Gültigkeit so lange danach noch schreiben können? So mag als schöner Nebeneffekt auch sein, daß einen dieses Buch für die Zeit der Lektüre fast verwandeln kann.

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