Anita Garibaldi.
Roman von Gloria Kaiser (2001, Haymon).
Besprechung Helmut Sturm aus Rezensionen-online *LuK*:

Kind und Pistole
Gloria Kaiser erzählt das Leben der Anita Garibaldi

Sie werden keinen Ort ›Anita‹ benennen. Sie werden gar nicht begreifen, daß sie hier in Italien wichtig war, sie werden es nicht wissen wollen." Als 1882 Giuseppe Garibaldi starb, war er einer der bekanntesten Männer seiner Zeit. Nicht nur in Rom, auch in London, New York und Buenos Aires hat man ihm Denkmäler errichtet. Heute wissen nur mehr wenige, daß Garibaldi prägende Jahre (1835-1848) im politischen Exil in Brasilien und Uruguay verbrachte. Hier lernt er seine erste Frau kennen, die ihm vier Kinder gebiert. Was vielleicht der Grund dafür ist, daß sich bis vor einigen Jahren auch keine Frau ihres Lebens angenommen hat, denn Anita haftet der Ruf an, Garibaldi hündisch überall hin gefolgt zu sein und sonst halt Kinder zur Welt gebracht zu haben. So sieht das zumindest Dorothy Bryant, die in ihrem Buch "Anita, Anita" 1994 erstmals versuchte, die herrschende Sicht zurechtzurücken.

Anita Garibaldi ist zu Unrecht in Europa kaum bekannt. Die in Laguna (Brasilien) als Ana Maria de Jesus geborene Mulattin hat in Rio de Janeiro 1839 den in der Verbannung lebenden Giuseppe Garibaldi kennengelernt, für ihn ihren wohlhabenden Ehemann verlassen und sich den Freischaren des Freiheitshelden angeschlossen. Ihr Leben erzählt Gloria Kaiser, die in Graz und Salvador/Brasilien lebt und in ihren Werken nach Berührungspunkten sucht, die diese Weltgegenden verbinden. Bisher hat die Schriftstellerin fiktive Biografien von Dona Leopoldina und Pedro II., zwei Mitglieder der Herrscherdynastie Brasiliens, vorgestellt. In "Anita Garibaldi" kommt eine andere Seite der Geschichte zu Wort.

Gloria Kaiser rekonstruiert in ihrer fiktiven Biographie, von der sie hofft, "daß auf diese Weise mehr an Wahrheit vermittelt werden kann, als durch die exakte Aneinanderreihung von Daten, Namen und Ereignissen", das Leben einer Frau, die auf ihre Weise einen Kampf um Unabhängigkeit und Freiheit führt, der den Garibaldis inspiriert und begleitet. So nimmt"s nicht Wunder, daß viele der Erfahrungen der Anita Garibaldi an Biographien von Freiheitskämpferinnen im 20. Jahrhundert erinnern. Anita, portugiesisch Aninha, macht vor, was es bedeutet, für eine politische Bewegung zu optieren, hält als Gefährtin Giuseppes Reden, fährt auf Schiffen und geht für ihr Engagement ins Gefängnis. Anita Garibaldi marschiert in Männerkleidung an der Seite Garibaldis durch die Steppen im Süden Brasiliens: "Anita saß ab, riß ihre Kappe vom Kopf und schnürte mit ein paar Handgriffen ihre Bluse auf. Einen Moment lang schaute der Bursch auf ihre Brüste, grinste und schrie: ›Heiliger Cristovao, eine Frau!‹" Sie steht späteren Freiheitshelden zur Seite nach Niederlagen, sorgt als Schneiderin für den Lebensunterhalt der Familie. Sie gelangt nach Europa, wo sie übrigens immer mit heller Haut dargestellt wird, und ist fassungslos: "Ich weiß nicht, warum ich erwartet habe, daß in Europa, in Italien, anders gekämpft wird als drüben bei uns, in Uruguay, in Brasilien. Ich war nicht mehr auf Tote, nicht wieder auf Verwundete, nicht auf Hinterlist und Überfall eingestellt." Trotzdem begleitet sie ihren Mann in den Kampf gegen die zur Eroberung Roms angetretenen Franzosen. Auf dem Rückzug stirbt sie 1849 bei Ravenna.

Gloria Kaiser, genaue Kennerin ihres Sujets, vermittelt einen sehr unmittelbaren Eindruck von Land und Leuten, zeichnet das Bild einer entschlossenen Frau, die ihre Stärke aus ihrer nicht weißen Herkunft, einer liberalen Erziehung durch einen gewissen Pater Augusto, an den sie später Briefe richtet, und ihrem selbstbewußtem Frausein schöpft. Kaiser läßt Anita in inneren Monologen sprechen, und sie an einem imaginären Haus bauen. "Es gab Tage, Nächte, an denen sie ihr Haus mit dunklen Farben übergoß, und später ließ sie sich hinauftreiben, tage- und nächtelang, wusch wieder alles Dunkle von den Wänden, bis ihr Haus weiß war und blitzend über die Bucht von Turbarao hinaus ins Meer leuchtete. Niemand wußte von diesem Haus, an dem sie rackerte, niemand ahnte von dieser Panik, wenn einer der Orangenbäume nicht aufblühte oder das Weiß der Blütenblätter vom Juniregen braun gerandet war." Es handelt sich bei dieser Biografie um eine recht komplizierte Konstruktion, aber das entstehende Bild ist einfach und stark.

Im Süden Brasiliens haben Zeitgenossen Anita Garibaldis einen Ort zu ihren Ehren benannt. In Rom wurde ein Denkmal errichtet, das Anita auf einem sich aufbäumenden Pferd zeigt, wobei sie in der einen Hand eine Pistole, in der anderen ein Kind trägt. Das Bild von Historikern, wonach sie engstirnig und verrückt nach Garibaldi gewesen sei, korrigiert dieser Roman nachdrücklich. Gloria Kaiser verbindet in ihrem Buch solide historische Forschung mit der Fähigkeit, einen Charakter literarisch zu zeichnen. Wir können so eine Frau bewundern, die zu Unrecht aus unserem historischen Gedächtnis verschwunden ist.

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