Animal triste von Monika Maron, 1995, S. FischerAnimal triste.
Roman von Monika Maron (1995, S. Fischer).
Besprechung von Martin Krumbholz in DIE ZEIT, 1996:

Buchkritik: Monika Marons "Animal triste"
Monika Maron ringt mit der Liebe als letzter grausamer Utopie

Es gibt Romane, die öffnen dem Leser gleich am Anfang eine Tür. Mit schwungvollem Griff zieht der Hausherr, die Gastgeberin den Unschlüssigen ins Innere des imaginären Gebäudes; man findet sich in einer prachtvollen Diele wieder, mit mindestens jugendstilaltem Garderobenständer, an den man seinen Wintermantel hängen kann, und riesigem Spiegel, in dem man, mit nicht geringem Befremden, sich selbst erblickt.

Die Gastgeberin (denn um eine solche handelt es sich hier) versteht sich aufs fishing for compliments, bezeichnet sich als Hundertjährige, obwohl sie höchstens Mitte Fünfzig ist; zwar hat sie offensichtlich Anlaß zur Trauer - der Geliebte hat sie verlassen -, aber sie verbrämt ihren Zustand mit Charme und Anflügen von Galgenhumor: "Ich bin ziemlich mager geworden, und wenn ich im Bett liege, muß ich die Decke zwischen die Knie klemmen, weil mich die harten Knochen schmerzen." Kaum eine Not ist so groß, daß sie nicht doch noch eine gallige Übertreibung vertrüge: Der Besucher befindet sich in einem Gespensterhaus, das Gespenst klappert genüßlich mit den Knochen und avisiert 239 Seiten Heulen und Zähneknirschen. Die Tür hat sich längst wieder geschlossen, man ist gefangen und fühlt sich gar nicht unwohl. Die Gastgeberin erzählt, nachdem ihr Geliebter fort war, habe sie das abgeliebte Bettzeug nicht der Waschmaschine anvertraut, sondern ungewaschen verwahrt: "Das Laken ist schwarz, so daß das Sperma meines Geliebten noch immer deutlich und schön zu erkennen ist, ein nicht sehr großer Fleck in der Form eines sitzenden Pudels und dicht daneben ein zweiter, größerer, ein wenig scharf umrissenes Gebilde, das, sooft ich es betrachte, neue Möglichkeiten seiner Deutung offenbart wie fliegende Wolken am Himmel." Ein Fall von Fetischismus möglicherweise, denkt man. Und ist gespannt auf Franz. Franz, der Geliebte, ist grau. "Hechtgrau" die Augen, unspezifisch grau der Mantel, den er über den Arm gelegt hat, als die Liebenden sich im Berliner Naturkundemuseum nach dem Fall der Mauer zum erstenmal begegnet sind, und mindestens graumeliert sind wohl auch die Haare. Franz stammt aus Ulm, die Ich-Erzählerin aus Ostberlin. Die deutsch-deutsche Liebe beginnt mit einem denkwürdigen Spruch: "Ein schönes Tier" nennt Franz den Brachiosaurus, das größte Dinosaurierskelett, das je in einem Museum zu besichtigen war, und die Erzählerin ist gerührt. Ein schönes Tier? Originell. Liebe, soviel ist klar, läßt sich für dritte kaum begründen. Dennoch: Franz ist grau. Franz ist Pfeifenraucher, wie sein Vater einer gewesen ist, Franz ist verheiratet, Franz wird seine Frau niemals verlassen, denn Franz' Vater hat Franz' Mutter nach dem Krieg verlassen, und das war bös, und auf "bekenntnisheischende" Fragen antwortet Franz wahlweise mit "Vielleicht", "So wird es sein" oder "Weiß ich doch nicht". Franz ist Hautflüglerforscher, Franz' Geliebte, die Erzählerin, Paläontologin. Da Franz seine Frau nicht verlassen wird, wird er eines Tages seine Geliebte verlassen müssen. Es sei denn, er stürbe unverhofft. Beide Optionen bietet der Romanschluß an. Und sollte Franz gleichsam repräsentativ für den alten BRDler stehen, ist man versucht, den Buchtitel umzuformen in "Animal triste occidentale": Der traurige Westmensch. Der strahlende Sieger im Wettkampf der Systeme, er wird von Monika Maron mit gnadenlosem Spott heruntergewürdigt zu einem veritablen Trauerkloß, einem artigen Arbeiter im Weinberg des westlichen Herrn (Franz gehört einer jener berühmt-berüchtigten Kommissionen an, die es auf sich genommen haben, die Herrschaftsstrukturen in östlichen Instituten frisch zu regeln). Dabei ist dies kein regelrecht humoristischer Roman: Die Autorin weiß sehr wohl, was sie ihrem Ruf als gestrenge Mentalitäts- und Systemkritikerin schuldig ist. Franz ist nicht weiter der Rede wert. Aber die Liebe ist es, und durch sie wird selbst der blasse Franz in den Adelsstand erhoben - und zwar selbstverständlich über das Ende der Affäre hinaus. Dieses markiert lediglich den Zeitpunkt, da die Erzählerin den realen - widerständigen - Mann durch die Erinnerung an ihn ersetzen kann. Ob er diesen Zustand Trauer(-arbeit) oder Glück oder Wahnsinn nennen soll, bleibt dem Leser überlassen. Zwei subkutan miteinander verbundene Motive bezeichnen in diesem Roman den Anfang vom Ende des Realitätsprinzips. Einmal singt die Erzählerin, die DDR-Sozialisierte, die erklärte Antikommunistin, ihrem Geliebten aus Jux und Tollerei die Stalinhymne vor, ein nicht unwesentliches Partikel ihrer kulturellen Erbschaft. Doch gerade der Jux und die Tollerei, nicht die Hymne selbst, sind dem Westler verdächtig: "Vielleicht dachte Franz, daß jemand, der seinen frühen, wenn auch falschen Glauben so preisgeben konnte, immer alles preisgeben würde, daß so einem, wie meine Mutter gesagt hätte, gar nichts heilig war." Franz seinerseits singt Kirchenlieder ("So nimm denn meine Hände . . .") - deren Halbwertszeit liegt erwiesenermaßen höher als die der politischen Folklore. Später reist Franz mit seiner Frau nach Schottland, um den Hadrianswall zu besichtigen. Diese Mauer, erklärt Franz der Geliebten am Telephon, habe der Biograph des Hadrian als Grenze zwischen den Römern und den Barbaren bezeichnet. Der Kurzschluß ereignet sich prompt: Franz, registriert die Erzählerin, habe sie eine Barbarin genannt. Der Barbarin ist nichts heilig. Nicht die Stalinhymne und erst recht nicht die sakrosankte Institution der Ehe, die Franz' Vater einst in Ulm zugunsten einer wildromantischen Liebschaft geschändet hat. Dieser Lesart hält die Erzählerin ihre Maxime entgegen: "Man kann im Leben nichts versäumen als die Liebe." Spät, zu spät, wird Franz ihr recht geben. Vermutlich ist Franz eine katastrophale Fehlbesetzung im Leben der Erzählerin, aber vermutlich in nicht wesentlich stärkerem Maße, als alle Konkretisationen utopischer Modelle sich als katastrophale Fehlbesetzungen in unser aller Leben erwiesen haben. Der geheime Dreh- und Angelpunkt des Romans ist eine versteckte Utopiekritik, die in die Erkenntnis mündet, daß das menschliche Erlösungsverlangen letztlich unerhört bleibt. Eine desillusionierte Freundin der Erzählerin bemerkt einmal, die Liebe sei offenbar eine Glaubenssache, "eine Art religiöser Wahn". Die Erzählerin reagiert zunächst abwehrend, aber indem sie Franz nacheinander als ihren "Gott", "Schöpfer" und "Erlöser" bezeichnet, kurzum: als Messias, macht sie zwischen den Zeilen deutlich, daß etwas höchst Erschreckendes geschehen ist: Der Messianismus der sozialistischen Utopie wird unmittelbar nach seiner Überwindung mit anderen Mitteln fortgesetzt - als amour fou. Religion, Sozialismus, Liebe - alles nur verschiedene Spielarten der Sklaverei. Der Mensch will gebunden sein. Nur hat der Liebende die Tatsache seiner Unterwerfung bei vollem Bewußtsein selbst gewählt. Von Wahlfälschung keine Spur: Die Liebe, das ist 99,9 Prozent selbstverschuldetes (Un)Glück. Die vierzig Jahre der DDR schnurren aus paläontologischer Sicht ohnehin zu einer "todgeweihten Mutation" zusammen, "deren Überleben weltgeschichtlich nicht einmal die Zeit einnehmen würde, die der Brachiosaurus brauchte, um einen seiner Füße vom Boden zu heben". Doch verwundert es angesichts der Klarsichtigkeit ihrer Utopiekritik, daß Monika Maron (oder ist es nur ihre Erzählerin?) auch schon die Genese der DDR ausschließlich unter machtpolitischen oder, größer noch, unter räuberischen Gesichtspunkten sieht und nicht auch unter sinnstiftenden? Die Rede von "einer als internationale Freiheitsbewegung getarnten Gangsterbande" klingt flott und paßt in ihrer Räuber-und-Gendarm-Romantik zum infantilen Habitus der Erzählerin, aber nicht so gut zum (viel spannenderen) Subtext des Romans. Das Schöne und Verwirrende an diesem Gespensterroman für reifere Jahrgänge ist die Ab- und Hintergründigkeit, die Ausgebufftheit seiner Erzählstrategie. Selten wird der Leser mit solcher Chuzpe aufs Glatteis geführt wie in diesen Memoiren einer scheininfantilen, scheingreisen Verhüllungsvirtuosin. Von wegen hundert Jahre alt - die hier auffallend munter erzählt, ist eine Frau, ausgestattet mit fabelhaftem Erinnerungsvermögen und haarscharfer Beobachtungsgabe. Von ihrer Rivalin, der legitimen Ehefrau des Franz, berichtet sie mit solch taufrischer Eifersucht, als sei sie ihr gestern erst begegnet: "Sie hatte diese zu weit auseinanderstehenden Schenkel der Breitbeckigen und kleine Brüste wie in der Knospe verwelkte Blumen." Und daß sie anscheinend Mord, Totschlag oder wenigstens fahrlässige Tötung auf dem Gewissen hat, daß sie Franz in einer milden, regenlosen Herbstnacht womöglich den Schubser gab, der ihn vor dem fahrenden Bus landen ließ - dieses Geständnis entschärft sie, verwischt sie ebenso bis zur Unkenntlichkeit, wie sie Franz' letztlichen Entschluß, bei ihr einzuziehen, also seine Frau endlich doch zu verlassen, durch systematisches Anzweifeln und Infragestellen zu Tode räsoniert. Dabei könnte sie sich der Sympathie des Lesers ohnehin sicher sein: Diese Person agiert mit dem unverbrüchlichen Recht der maßlos Liebenden. Man muß ihr Verhalten nicht psychopathisch nennen, es gibt auch freundlichere, positiver klingende Ausdrücke dafür, zum Beispiel Rigorismus. "Ich begriff", schreibt sie, "daß es das Saurierhafte an mir war, das so liebte, etwas Uraltes, atavistisch Gewaltsames, jede zivilisatorische Norm mißachtend, und nichts, was Sprache brauchte, konnte recht haben gegen meine Liebe zu Franz." Wozu also dieses ewige Versteckspiel im Gespensterhaus? Warum nicht frei heraus mit den kruden Tatsachen, etwa so: Ich habe vernichtet, was sich mir zu entziehen schien; ich bin 55 Jahre alt und bei klarem Verstand, also nehmt mich und zieht mich zur Verantwortung. Die Antwort hat mit dem zentralen Thema des Romans zu tun: Mißtrauen. Das gründliche Mißtrauen gegen Utopien - sensiblen und skeptischen Köpfen ist es eine Erblast der DDR-Geschichte - kehrt sich traumatisch und selbstzerstörerisch auch und gerade gegen die sogenannte große Liebe. Es kann einfach nicht sein, daß Franz sich am Ende eines Besseren besinnt und erkennt, wie idiotisch es ist, für die längst vergangene Schuld des Ulmer Vaters büßen zu wollen. Da muß er denn schon eher sterben und auffahren in den Himmel der Verklärung, während der ehemals zweite deutsche Staat, der selbsternannt humanere, gleichsam in der Hölle der Verdammnis schmort. Man könnte das Ganze Utopienbewältigung nennen. Am Ende also hat Monika Maron nicht einfach eine ausgeklügelte Dreiecksgeschichte erzählt. Sie hat einen Zeitroman geschrieben, dessen brodelnder Untergrund Kausalitäten erkennen läßt, die der Redefluß der Erzählerin unaufhörlich umkreist und dennoch verschweigt. Der Leser fühlt sich in der Schlußkurve dieser Gegenwarts-Geisterbahn vielleicht nicht mehr gar so wohl. Aber die Geistesblitze, die plötzlich darin aufzucken und das bizarre Ambiente in ein scharfes, taghelles Licht tauchen, sind eine mittlere Mutprobe wert.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0405 LYRIKwelt © M.K./Die ZEIT