Anhalten alle Uhren von W. H. Auden, 2002, PendoAnhalten alle Uhren.
Gedichte von W. H. Auden (2002, 2-sprachig, Pendo, hrsg. Hanno Helbling).
Besprechung von Yaak Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 16.4.2002:

Mit Krähen- und Kameraauge
Ein Querschnitt durch W. H. Audens lyrisches Werk in einer zweisprachigen Ausgabe bei Pendo

Der britische Lyriker Wystan Hugh Auden (1907 - 1973) galt in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts als der Wortführer einer Gruppe jüngerer Autoren, die sich anschickten, die erste Generation der angelsächsischen lyrischen Moderne abzulösen. Anders als ihre Vorgänger - wie Ezra Pound oder T. S. Eliot - verstanden sich diese Jungen, zu denn auch Stephen Spender und Christopher Isherwood zählten, als radikale Zeitgenossen der eigenen Gegenwart, die sie aggressiver und illusionsloser sahen als ihre älteren Kollegen. Ihre Radikalität schloss auch ein politisches Engagement mit zumindest sozialistischer Tendenz ein, das sich im Fall Auden auch in seinen Übersetzungen von Bert Brecht und Ernst Toller ausdrückte. 1936 zog er mit den Internationalen Brigaden in den Spanischen Bürgerkrieg, 1938 ging er nach China. 1939 übersiedelte er in die USA, deren Staatsbürgerschaft er 1946 annahm. Die letzten Jahre seines Lebens lebte er in Österreich, gestorben ist er in Wien.

Als Audens Gedichte nach dem Zweiten Weltkrieg auch ins Deutsche übertragen wurden, zeigte sich die bundesdeutsche Kritik der 1950er-Jahre vornehmlich von der unerhörten Modernität dieser Lyrik beeindruckt, die sie teils mit Bewunderung, teils mit Befremden hervorhob. Inmitten einer von Innerlichkeit und (immer noch) hohem Ton geprägten deutschen Nachkriegsdichtung wirkten die für alle Themen und Töne offenen Verse Audens ebenso schockierend wie faszinierend, ein Zeitungsartikel von 1957 spricht von "bizarren, technizistischen Metaphern" (womit vielleicht Zeilen wie "Das Auge der Krähe und das Auge der Kamera öffnen sich / Auf Homers Welt" gemeint waren).

Dem Leser des Jahres 2002 - der Audens Gedichte in einer soeben (bei Pendo) erschienenen zweisprachigen Auswahl neu lesen kann - scheinen sie hingegen als inzwischen klassische Zeugnisse der lyrischen Moderne fast schon vertraut. Die Montagetechnik, die eine kaleidoskopartige Simultaneität unterschiedlicher Zeiten und Gegenstände erzeugt, ist als lyrisches Verfahren längst durchgesetzt, und die formale Vielfalt überrascht den Kenner postmoderner Polystilistik kaum noch. Nach wie vor beeindruckend ist allerdings die Fülle der Kunstmittel und -formen, über die Auden souverän verfügt hat. Strenge Sonette finden sich ebenso wie reimlose Langzeilen in freien Rhythmen, Oden und Elegien stehen neben Liedern und Songs (bis hin zum Gassenhauer), aphoristische Drei- bis Fünfzeiler wechseln mit mehrteiligen Zyklen, und manchmal erinnern sangbare Refrains daran, dass Auden das Libretto zu Strawinskys The Rake's Progress mitverfasst hat.

Von vergleichbarer Breite ist das Spektrum der Themen und Gegenstände, denen sich die Gedichte widmen. Es gibt Liebeserinnerungen und Kunstbetrachtungen, Totenklagen und Naturfeiern, Gedenkblätter für tote Kollegen und Shakespeare-Variationen, ein römischer Soldat findet sich ebenso porträtiert wie die Manager als Herrscher der Neuzeit. Auden gelingt es, antike Mythen und aktuelle Tagesnachrichten zugleich im Bewusstsein zu halten und ins Gedicht zu heben, das "Profil eines Flusses" zeichnet er durch die Natur- und Industrielandschaften eines Kontinents ebenso nach wie durch den Ablauf von Jahrhunderten - sie alle durchströmt das "Wasser, die selbstlose Mutter / aller Besonderheiten". Einsichten fallen eher beiläufig und unbetont ab, so wie "die Armen zu erleiden haben, woran sie so ziemlich gewöhnt sind" oder an anderer Stelle schlicht konstatiert wird: "Vergeltung war immer schon / Eine Pfuscherin".

Audens vielgestaltiges Werk hat immer wieder deutschsprachige Autoren zu Übertragungen herausgefordert. Die Liste der in dieser Auswahl vertretenen Übersetzer ist lang und reicht von Astrid Claes bis Simon Werle, dazwischen finden sich so unterschiedliche Verfasser wie Erich Fried und Hans Egon Holthusen, Herbert Heckmann ist ebenso vertreten wie Hilde Spiel. Eine Ausnahme-Stellung nimmt Ernst Jandl ein, dessen Nachdichtungen ebenso kunstvoll wie dem Original respektvoll nahe sind. (Aufschluss über die Schwierigkeiten der frühen Auden-Rezeption dagegen erteilt eine Übersetzung der Zeilen "the torturer's horse / scratches its innocent behind on a tree" durch Astrid Claes und Edgar Lohner, bei denen "des Quälers Pferd, hinten an einem Baum / gleichgültig scharrt" - 1955 war ein unschuldiger Pferdehintern offenbar nicht literaturfähig, zumindest nicht lyrisch genug.)

Den Hauptanteil der deutschen Fassungen hat sich der Herausgeber des Bandes gesichert: neben zwei Einzeltiteln den kompletten Zyklus der einundzwanzig Sonnets from China, wobei er nicht nur einige metrische Unsicherheiten im Umgang mit fünfhebigen Jamben verrät, sondern auch mit "Volkserretter" sarkastisch auftrumpft, wo Auden ein einfaches "tyrants" genügt. Dass Hanno Helbling eine (biblische) Taube bei Auden durch ein (immerhin ebenfalls biblisches) Lamm ersetzt - und damit den Bezug zu Noahs Taube zerstört -, mag noch hingehen, warum er den "peach" (Pfirsich) des Originals zu "Mohn" (poppy) bzw. "Mohngestalt" verdeutscht, bleibt unerfindlich. Verdienstvoller als derlei Kunstübungen wäre ein knapper und sachlich gehaltener Anmerkungs-Apparat gewesen, der zum Beispiel bei Einzel-Gedichten aus Zyklen etwas über den Zusammenhang verraten würde. Auch hätte man sich gewünscht, einiges über die Auswahl-Prinzipien bzw. -Kriterien zu erfahren, nach denen der Band zusammengestellt wurde. Wer aus einem mehrere hundert Gedichte umfassenden Gesamtwerk lediglich gut fünfzig als repräsentativen Querschnitt vorstellt, sollte sich schon die Mühe machen, seine Wahl zu begründen - warum z. B. das altersmild nachsichtige Weinheber-Porträt aufgenommen wurde, während man die "Dem Andenken Sigmund Freuds" gewidmete Hommage vergeblich sucht.

Schwieriger liegt der Fall bei einem der wichtigsten Gedichte Audens, "Spain 1937". Auden hat sich 1965 - mit einer wenig überzeugenden Begründung - davon distanziert und es nicht mehr in seine Zusammenstellungen aufgenommen. Andererseits gilt dieses Gedicht als eines der bedeutendsten lyrischen Zeugnisse aus dem Spanischen Bürgerkrieg, als exemplarische Aussage eines Dichters über eine zentrale politische Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts. Das Urteil eines Autors über eigene Werke ist naturgemäß nicht sonderlich objektiv, gerade objektiv aber zählt "Spain 1937" zentral zum Werk Audens und gehört unverzichtbar zum Gesamtbild dieses Lyrikers.

Persönlich vermisst hat der Rezensent "Vespers", Audens programmatisches Selbstbildnis mit Gegenspieler in der Begegnung eines Künstlers mit einem politischen Aktivisten, eines selbstironischen Arkadiers mit einem verbissenen Utopier in "einer Stunde zivilen Zwielichts". Dieses - wortlose - Treffen zwischen den Repräsentanten des alten Eden und des Neuen Jerusalem (deutsch von dem zu Unrecht vergessenen Karl Behrisch) endet mit dem zwiespältigen Bekenntnis zu Menschenopfer und Demokratie - vorgetragen mit jenem lakonischen Pathos, das Auden wie kein zweiter beherrschte.

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