Angstblüte von Martin Walser, 2006, Rowohlt1.) - 2.)

Angstblüte.
Roman von Martin Walser (2006, Rowohlt).
Besprechung von
Jens Dirksen aus der NRZ vom 20.06.2006:

Im Angstblütenmeer
Gedankenreich, zeitlupengenau, ein wenig verschwätzt: Am 20.Juli erscheint der neue Roman von Martin Walser.

Wenn ein alter Kirschbaum nur noch eine Handvoll Früchte bringt, nehmen erfahrene Landleute einen Hammer und einen dicken Nagel zur Hand. Und jagen dem Baumgreis das Metall in den Stamm. Bis ins Mark. Ja, das kann ihn umbringen. Aber es wird dafür sorgen, dass er noch ein letztes Mal reichlich Früchte trägt, um das Überleben der Art zu sichern - nach der Angstblüte. So gesehen taumelt der Finanzdienstleister Karl von Kahn am Ende durch Martin Walsers neuen Roman, als spüre er den Nagel schon am Herzen. Nicht, weil ihm der Bankrott drohen würde, nein: Läufig wie ein heißer Pudel stellt er den Frauen nach. Oder glaubt zu hören, wie sie ihm nachstellen, mit ausschweifenden Anzüglichkeiten im Munde.

Altersversorgung für die Generation 90plus

Karl von Kahn, der sein Sparkassendiplom aus Bonn weit hinter sich gelassen hat. Karl von Kahn, aufgestiegen in die schicke Großbürgerklasse von München, umringt von Analytikerinnen, Kunsthändlern, Fernsehmoderatorinnen und Beamten aus der Schlösserverwaltung, die ähnlich komische Namen haben wie er: Amei Varnbühler-Bülow-Wachtel oder Amadeus Stengl oder Joni Jetter, die Fahrdienstleiter-Tochter aus Ennepetal, die es zur Filmschauspielerin gebracht hat. Und Leonie von Beulwitzen, die sich dreimal "präventiv" scheiden ließ, noch bevor sie sitzen gelassen werden konnte. Ja, ein bisschen kommt man sich auf den ersten Metern von Walsers "Angstblüte", wo gelähmte Männer wundersam genesen und die Generation 90plus an ihrer Altersversorgung bastelt, so vor wie in einer der irrwitzigen Hagenbuch-Geschichten von Hanns Dieter Hüsch. Aber dann stellt man fest, dass dieser Roman auf ein offenes Angstblütenmeer namens Gegenwart hinaustreibt. Karl von Kahn fürchtet, er könnte hereingelegt worden sein, von seinem Freund Diego, von der Verführerin Joni, vom Leben selbst. Zwischen demografischer Falle und Raubtier-Kapitalismus herrscht Lug und Trug, und manchmal wird sogar den Lügnern und Betrügern schwindelig. Tennisschlägerproduktion, Anlageberatung, Filmbranche, Dichtung: Überall der Abgrund. Was zu abenteuerlichen Höhenflügen führt - aber um den Preis von bösen Abstürzen. Immer öfter sind Menschen bereit zu glauben, kein Mensch sei moralisch, alle täten nur so. Wie soll einer da keine Angst bekommen?

Das verkorkste Drama namens Leben

Martin Walser hat aber den Mut, erotische Phantasien und Mundgeruch in einen Satz zu pferchen. Der Seelenarbeiter im Gemütsgarten des deutschen Bürgertums, widmet sich wieder dem, wovon er etwas versteht: Den verkorksten Alltagsszenen im Drama, das man Leben nennt und dessen Bühnenbild alle kennen, selbst beim Bäumchen-wechsel-dich-Spiel seiner selbstbetrugsverdächtigen Helden. Hier haben wir es wieder, in Großaufnahme und Zeitlupe: das Verschwiemelte, das Krude, das kleine Karo der Großmäuler. Und doch: Dieser typische Walser-Roman, der heute erscheint, ist so einfallsreich wie verschwätzt, in die amüsante und überflüssige Rückblende auf Wilhelm II. als erstem Medienkaiser hinein. Kunstfertig gestutzt hätte der Roman eine schöne Novelle aus der Güteklasse von Walsers "Fliehendem Pferd" abgeben können. Mit 79 ist es bei Schriftstellern noch etwas früh für eine literarische Angstblüte.

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Leseprobe I Buchbestellung 0606 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

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Angstblüte von Martin Walser, 2006, Rowohlt2.)

Angstblüte.
Roman von Martin Walser (2006, Rowohlt).
Besprechung von Simone Dattenberger aus dem Münchner Merkur, 20.7.2006:

"Angstblüte": Schlingpflanzen der feinen Gesellschaft
Martin Walsers neuer Roman räumt auf mit Vorurteilen

Da ist Karl, verheiratet mit seiner Helen, einer Eheberaterin. Beide zweit-verehelicht. Und da ist sein Freund Diego, der eigentlich Lambert heißt. Aber da Gundi, die dritte, viel jüngere Frau und obendrein Talkshow-Moderatorin, diesen Namen nicht mag, musste eine "Mutation" her - des Namens, aber wohl auch des Charakters.

Denn wenn wir als Leser in das Geschehen von Martin Walsers neuem Roman "Angstblüte" einsteigen, ist Diego gerade dabei, seinen Freund geschäftlich zu linken. Er stellt sich todkrank, um den Anlageberater Karl von Kahn weich zu klopfen. Der soll dem Verkauf von gemeinschaftlichen Firmenanteilen zustimmen. Was er auch tut. Der Geldmann ist anständiger als der Kulturmann, als Diego/Lambert, der Antiquitätenhändler.

Walser wendet sich nach Düsseldorf ("Der Lebenslauf der Liebe") und Bodensee/USA ("Der Augenblick der Liebe") wieder einmal München zu: der feineren Gesellschaft allhier. Und er möchte mit den ausgezuzelten Stereotypen vom bösen, bösen Monetenmacher aufräumen. Wie er überhaupt im gesamten Roman versucht, auf leichte, fast schon lustspielluftige Weise darzulegen, dass Vorverurteilungen - unter denen er selbst ja heftig zu leiden hatte und hat - so dumm wie menschenfeindlich sind. Viel Humor und feinste Differenzierungen helfen dem Schriftsteller, uns seine Figuren sympathisch, dann unsympathisch, gleich wieder nett, darauf unerträglich und so fort erscheinen zu lassen.

Walser pflegt genüsslich viele kleine Bosheiten à la Feydeau; ist nicht harmonieselig. Folgt diesem und dessen espritvoller Zunft zugleich darin, nie jemanden gnadenlos zu verdammen. Es entsteht also mit "Angstblüte" eine wunderlich schwebende, dauernd absturzgefährdete Balance-Nummer der Gesellschaftssatiren. Die gelingt dem Autor bis auf einige bedenkliche Wackler über die unvorsichtig lange Strecke von fast 480 Seiten.

Für hiesige Leser hat das Ganze naturgemäß einen besonderen Reiz, denn man bewegt sich zwischen der Münchner Osterwaldstraße und Herrsching am Ammersee. Unter der ironisch gekräuselten Klatschspalten-Oberfläche verbirgt Martin Walser einige gefährliche Schlingpflanzen, die jeden unter Wasser zu ziehen drohen.

Alter, Krankheit und Tod - Karl ist ein 70er -, Armut, Einsamkeit und Lächerlichkeit - Karl verknallt sich in ein Starlett - sowie unausweichliche Schuld. Da ist nicht nur seines Bruders Ereweins (historische) Schuld aus dem Krieg; da ist auch noch Karls Schuld, die zwangsläufig aus dem ungestillten Wunsch erwächst, einfach so sein zu dürfen, wie er ist: ein Zinseszins-Anbeter und ein alter Bock, der viel (außerehelichen) Sex im Kopf hat. Dass das nicht möglich ist, weil ihn seine Umwelt, insbesondere Ehefrau Helen, so nicht will, bleibt die offene Wunde. Schuldig und unschuldig fallen in eins. Eine Lösung gibt es nicht. Deswegen kann sich der Mann nur an seine Erfahrung halten: "Dich lähmt keine Angst. Du hast Angst. Natürlich hast du Angst. Immer gehabt. Angst ist der Grund für alles. Angst macht dich empfindlich. Deine Angst blüht auf in dir, hat einen Duft, den spürst du als Droge."

Elegant gruppiert Martin Walser um seinen Karl von Kahn per Arbeits- und Liebesverhältnis, per Freund- und Verwandtschaft eine vielfältige Personnage. Da kann der Fein-Beobachter und Fabulierer, der Bonmot- und Sentenzen-Setzer zur Bestform auflaufen: Wenn seine Hauptperson, die mit unglaublichem Instinkt, rührender Treue und echter Hilfsbereitschaft für ihre Kunden Börsengeschäfte tätigt, über Geld philosophiert, werden selbst Kapitalistenfresser der dritten Generation vom allein seligmachenden Markt überzeugt. Wenn der Autor "nur" die Kleidung von Karls Partner faden-fein charakterisiert, wenn er Dialoge als rasantes Boulevardkomödien-Match hintupft, wenn er Ehepsychologen-Weisheiten ernst und zugleich unernst aufnimmt, ist kein einziges Detail langweilig.

Neuschwansteinchen in der Menterschwaige

Außerdem werden allerhand imposante Auftritte inszeniert. Von barocker Opulenz sind die Diego-Szenen. Der Antiquitäten-Guru darf in seinem Neuschwansteinchen in der Menterschwaige über Kunst und Literatur bramarbasieren, wobei Walser auch da ein Schillern zwischen Klugheit und bloßem Imponiergehabe erzeugt. Von hinreißender Fragwürdigkeit sind die Gundi-Szenen, da die Moderatorin in einem Fliegenden-Holländer-Schiff ins Talkshow-Studio einfährt.

"Es geht nur ums Angeschautwerden." Diese Fernseh-Charakterisierung gilt für die gesamte "Kulturfraktion" - von der Kunst bis zum Film. Wahr und falsch, echt und fiktiv, real und virtuell verschwimmen in dieser Welt - wie auch in der der Börse.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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