1.) - 2.)

Angst.
Roman von Oleg Postnow (2003, Rowohlt - Übertragung Ganna-Maria Braungardt).
Besprechung von Ingeborg Sperl aus Der Standard, Wien vom 18.10.2003:

Obsessionen in Zeiten des Umbruchs
Oleg Postnow schillernder Roman über eine verhängnisvolle Beziehung

Die Rahmenhandlung: ein russischer Emigrant findet in einem amerikanischen Antiquariat die Aufzeichnungen eines Unbekannten, K. genannt. So konventionell beginnt Oleg Postnows Roman, der sich nicht nur im Einstieg auf klassische Motive bezieht. Denn der 1962 in Nowosibirsk geborene Philologieprofessor erweist sich als profunder Kenner abendländischer Literatur, speziell der Schwarzen Romantik und ihrer Adepten.

Zwar äußert er sich ein wenig hochmütig über Schriftsteller wie Ambrose Bierce oder H. P. Lovecraft, erweist aber seine Reverenz dem Altmeister E. A. Poe, indem er sich auf "Metzengerstein", eine weniger bekannte Erzählung Poes bezieht. Damit ist der Grundtenor von Angst angeschlagen: die tödliche Obsession.

K. begegnet in seinen Schulferien am Land, einer gruseligen Alten, dem Gespenst einer Weißen Frau und einer nicht weniger unheimlichen, frühreifen Lolita, die den Knaben nachts in einem Boot verführt. Als die Alte stirbt, erlebt er Fürchterliches. Er wird als "Bräutigam für das Jenseits" symbolisch mit der Leiche der Alten vermählt, ein abseitiger Volksbrauch der Ukraine, so scheint es. Später kann K. nicht klar entscheiden, ober die nächtliche Szene wirklich erlebt, oder nur geträumt hat. Jedenfalls bleibt er zeitlebens von Tonja, seiner kindlichen Geliebten besessen. Tonja ist die Femme fatale schlechthin. Ihr Geheimnis ist, dass sie sich verweigert, immer wieder entzieht und darum in ihrem Gegenüber den unbedingten Wunsch auslöst, sie endlich mit Haut und Haar zu besitzen und zu unterwerfen. Das kann nicht gelingen. Denn die Femme fatale ist emotional nicht berührbar. Und wenn sie gar mit jenseitigen Kräften verbündet ist, unbesiegbar. K. begegnet Tonja als junger Mann in Kiew wieder. Und abermals ist er von der verwirrenden Atmosphäre um diese promiskuitive Frau gefesselt.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Der Zerfall der Sowjetunion, den K. nur en passant wahrnimmt, manifestiert sich auch darin, dass Tonja und ihr Mann in die USA auswandern können. K. erlebt den August '91 in Moskau ohne zu verstehen, was die demonstrierenden Menschen auf der Straße eigentlich wollen. Und er taugt nicht zum Helden. Zwar wird er während der Tumulte zufällig verletzt, aber er hat keine Ahnung wieso und das Ganze gerät zur Farce.

Postnow gelingt der Spagat zwischen dem zauberischen Reich der Kindheit, das in einem anderen Jahrhundert angesiedelt ist und dem prosaischen Verfall eines politischen Systems aus der Sicht eines Spötters gleichsam spielerisch.

Das Wiedersehen mit Tonja in den USA verläuft ganz anders als erwartet. Aber während K. immer noch grübelt und der verlorenen Liebe fassungslos nachtrauert, fügt Postnow einen nüchtern betitelten "Teil zwei" aus der Sicht Tonjas hinzu. K.s radikaler Subjektivismus wird in dem wie ein Bericht gestalteten Anhang demontiert. Was hat sich wie wirklich zugetragen? Jeder hat eine andere Geschichte zu erzählen. Man könnte sagen, der Erzähler K. ist mit seinen Mystifizierungen in vergangenen Zeitaltern gefangen, Tonja aber ist, käuflich und eiskalt, bis in ihren sehr "zeitgemäßen" Tod, der Gegenwart verhaftet. Postnow spielt virtuos mit archetypischen Bildern; da wo er es auf Gruseleffekte abgesehen hat, ist er meisterlich, doch spekuliert er auch geschickt mit marktfördernden pornographischen Zutaten.

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2.)

Angst.
Roman von Oleg Postnow (2003, Rowohlt - Übertragung Ganna-Maria Braungardt).
Besprechung von Thomas Fitzel in der Frankfurter Rundschau vom 12.11.2003:

Nacktes Nymphchen
Ohne Angst: Oleg Postnow wandelt auf Nabokovs Spuren und feiert den höheren Kitsch

Hat die Sowjetunion eigentlich je wirklich existiert? In Oleg Postnows Roman Angst hinterlässt sie kaum Spuren, obwohl die Handlung in die Umbruchszeit von Gorbatschow fällt. Die Zeit ist jedoch ganz und gar aufgehoben. Zeitlos ewig ist dieses Russland, in dem das vorrevolutionäre fin de siècle und die Epoche der Symbolisten gegenwärtiger erscheinen als die reale Gegenwart. Postnow, Übersetzer, Literaturwissenschaftler und nun mit seinem Debüt auch Romancier, will nicht mehr, als den Leser auf geistreiche Weise unterhalten, was ihm auch ganz formidabel gelingt. Nichts verleidet einem mehr die Lektüre, als das abgegriffene Motiv eines aufgefundenen Manuskripts unbekannter Herkunft, oder wenn postmoderne Autoren aufdringlich dem Leser signalisieren, dass alles nur erfunden, ironisches Spiel, nicht Leben, sondern nur Papier sei. So schlau ist der Leser mittlerweile selbst.

Postnow macht beides, aber er ist noch eine Spur gerissener: er spielt mit Mystifikationen und fängt in der Maske des Philologen noch den skeptischsten Büchernarr ein. Der unbekannte Verfasser K. dieses angeblich in einem Antiquariat von New Jersey gefundenen Manuskripts, beziehungsweise eines der beiden aufgefundenen Manuskripte aus unterschiedlicher Hand, beginnt mit einem philologischen Fund, einer unerklärlichen, zeitgleichen Motivparallele in den Erzählungen "Metzgengerstein" von Poe und in Gogols "Schrecklicher Rache". Das interessiert einen natürlich sofort und schon hängt man an Postnows Angel. Poe und Gogol dienen aber allein der Einstimmung.

Mit seinen stilistischen Rückgriffen bedient sich Postnow der gleichen Methode, wie schon lange vor ihm Wilkie Collins in seiner Frau in Weiß, der wiederum auf den romantischen Schauerroman zurückgriff. Postnow verhehlt keineswegs seine Anleihen, er macht sich sogar lustig darüber. Allein die dem Buch beigefügte Grafik, die vorgeblich die Beziehung der Romanfiguren untereinander veranschaulichen soll, könnte Anspruch erheben, in Gerhard Henschels Die wirrste Grafiken der Welt aufgenommen zu werden. Eine Frau in Weiß tritt tatsächlich auch bei Postnow auf. K. berichtet von den ukrainischen Sommern in seiner Kindheit beim Großvater auf dem Land. "Es war eine uralte Geschichte", hebt er an und der Leser lauscht verzaubert.

In dem alten Haus seines Großvaters, an einem See gelegen, gibt es eine Mara, ein Nachtgespenst, dem auch K. begegnet, in der Nacht, in der er "die Angst kennen lernen sollte". Was genau geschah, verschweigt K. selbstverständlich. Denn die Geschichte funktioniert nicht über den Schauer der Angst, sondern über den Zauber der Kindheit. Und es wird mit allen wohligen Schauern eine Kinderliebe vorgestellt. Auf der anderen Seite des Sees lebt "Tante Glascha", von den einen im Dorf als verrückte Vettel und von den andern als Hexe angesehen. Ihre Enkelin Tonja verbringt bei ihr die Sommerferien und bei einer nächtlichen Bootsfahrt bei Mondlicht begegnen sich die beiden. "Dann glitt sie splitternackt ins Wasser. Das wiederholte sich fortan jede Nacht." Tonja ist ein "Nymphchen", ganz im Sinne Nabokovs. Aus dem unschuldigen Eros der zarten, knospenden Körper wird, wie es das Drehbuch verlangt, Sünde, Erbsünde. Denn es liegt angeblich ein Fluch über der Familie von K., da des Großvaters Vetter, Ataman Orlik, sich in den Kämpfen der Revolution an der Schwester von Tonjas Großmutter gewaltsam verging.

Dieser Ataman Orlik war, erklärt der Großvater, "einer von den Machno-Leuten", ein "Grüner". An solchen Stellen würde man gern aufgeklärt. Das Lexikon hilft auch nicht weiter, aber Google weiß, wer Nestor Machno war, und spuckt einen Artikel aus dem Syndikalisten von 1922 aus sowie den Verweis auf Peter Arschinoffs Geschichte der Machno-Bewegung. Für den Roman ist das jedoch ohne Belang. Mit den "Grünen" hat es allerdings eine andere Bewandtnis, wie am Ende festzustellen ist. Tante Glascha stirbt, doch man sollte hier nicht alles erzählen, das verdürbe den Lesespaß.

K. und Tonja verlieren sich aus den Augen. Für ihn bleibt sie die große, unerfüllte Liebe, auch wenn noch eine Nastja und eine Xenija Zwischenrollen übernehmen. K. und Tonja begegnen sich wieder und verlieren sich erneut, beide verschlägt es nach Amerika. Und am Ende hält der Leser die Aufzeichnungen von Tonja in der Hand. Nüchtern bedauert sie K. um seine vergebliche wie auf falschen Annahmen gründende Liebe.

Ihre knappe Lebensbeschreibung gleicht eher einer chronique scandaleuse. Und doch ist Postnows Angst eine einzige große und sehr gelungene Paraphrase auf Nabokovs Lolita. In der banalen Nacherzählung klingt das Buch wie unglaublicher Kitsch, in einem höheren Sinn ist es das vielleicht auch, aber auf diesen höheren Sinn kommt es eben an. Oleg Postnow ist ein großer Stilist, der anspielungsreich alle Register zu bedienen weiß; ein Zauberer, der die Fäden seiner Marionetten sichtbar werden lässt, aber so, dass der Leser sie gleich wieder vergisst.

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