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Angst
Roman/Theaterstück von Dirk Kurbjuweit (2013, Rowohlt).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 29.9.2013:

"Angst" - Uraufführung des Stücks nach dem gleichnamigen Roman von Dirk Kurbjuweit am Theater Oberhausen
Der erschütternde Roman um einen extremen Fall von Stalking und Verfolgung wird im Theater Oberhausen zu einem Kammerspiel für drei Personen. Der „Spiegel“-Autor war bei der Uraufführung verhindert – wegen des Polit-Gerangels in Berlin.

Sie trinken Wein in ihrer schicken Wohnküche, auf dem Herd köchelt der Gemüseeintopf, nichts scheint dem Glück der Familie Tiefenthaler etwas anhaben zu können. Und doch macht ihr Herr Tiberius, der Mann aus dem Souterrain, das Leben zur Hölle. „Spiegel“-Korrespondent Dirk Kurbjuweit beschrieb im Roman „Angst“ einen besonders krassen Fall von Stalking und Verfolgung, der schließlich in einem Mord endet. Regisseur Martin Kindervater hat nun fürs Theater Oberhausen eine Bühnenfassung erstellt, die sich eng ans Romangeschehen hält.

Vieles bleibt (wieder-)erkennbar: Wie Randolph Tiefenthaler, der Architekt, lieber alleine als mit seiner Ehefrau Rebecca (Elisabeth Kopp) in schicken Restaurants Essen geht. Wie er alleine nach Bali reist, während Rebecca bereits unter Tiberius’ seltsamen Annäherungsversuchen leidet. Wie er unter Tiberius Anschuldigungen, das Ehepaar missbrauche die eigenen Kinder, zu einem Nervenbündel wird.

Als Katalysator und Dialogpartner hat Martin Kindervater Randolph seinen Bruder Bruno (Peter Waros) zur Seite gestellt. Im Schnelldurchgang erzählen die beiden von einer Kindheit, die von der Angst vor ihrem waffenvernarrten Vater geprägt war. Recht geschickt springen alle drei Darsteller zudem immer wieder in kurze Nebenrollen: So wird Rebecca zu ihrer eigenen Anwältin, die dem Paar wenig Hoffnungen macht, sie vor Tiberius schützen zu können.

Erschütterungen des Romans lässt das Stück vermissen

Letztlich aber krankt das Stück an einer Schwäche, die kaum zu beheben scheint: Der Roman schilderte konsequent Tiefenthalers Innensicht, spiegelte seine zunehmende Hoffnungslosigkeit und Aggression. Im Theater kommen wir Tiefenthaler lange nicht so nahe. Dass wir dafür seine Ehefrau (und den Bruder) nun leibhaftig vor Augen haben, ist ein eher geringer Trost, haben sie doch kaum Raum, ihre Perspektiven auszuspielen.

So hübsch also der Einfall der Wohnküchenbühne (Anne Manss) anmutet, so fein Martin Kindervater die Dialoge gearbeitet hat - die Erschütterungen des Romans lässt dieser Abend leider vermissen.

Was Dirk Kurbjuweit wohl gedacht hätte? Leider hatte der Autor seinen Premierenbesuch kurzfristig absagen müssen - sein Job als Hauptstadtkorrespondent hielt ihn, wenige Tage nach der Wahl, in Berlin.

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2.)

Angst
Roman/Theaterstück von Dirk Kurbjuweit (2013, Rowohlt).
Besprechung von Markus Fritz bei Rezensionen-online *LHW.Lesen.Hören.Wissen*, 2013:

Der Roman beginnt mit einem Besuch im Gefängnis: die Familie besucht den 78-jährigen Vater, Ehemann und Großvater. Er ist zu 8 Jahren Haft verurteilt worden, da er den Nachbarn des Sohnes erschossen hat. Der Sohn und gleichzeitig Ich-Erzähler, Randolph Tiefenthaler, ist Architekt, verheiratet mit Rebekka und hat zwei Kinder. Die Familie hat eine schöne Wohnung in einem Berliner Vorort gekauft. Wie es zu diesem Mord gekommen ist, versucht der Erzähler aufzuschreiben.

Er erzählt von einer Kindheit im Berlin der 60er Jahre, der Vater war Autoverkäufer und leidenschaftlicher Sportschütze und Waffennarr, der den Kleinen mit auf den Schießstand genommen hat. Das war ihm zutiefst zuwider. "Ich hatte eine glückliche Kindheit, das Problem waren die Schießübungen." Der Nachbar, Herr Tiberius, wohnt im Souterrain, er ist ein Einzelgänger und etwas seltsam, aber in den ersten Wochen passiert nichts Ungewöhnliches, er bringt sogar Kekse vorbei.

Bis er der Ehefrau zweideutige Komplimente macht und Liebesbriefe schreibt. Im Nachhinein macht sich der Ich-Erzähler Vorwürfe, nicht gleich eingegriffen zu haben und so eine Eskalation vermieden zu haben. Tiberius schreibt seiner Frau Briefe, er ist sehr offen und gesteht, er sei als Kind missbraucht worden. Während der Ehemann auf Bali weilt, steigt Tiberius auf die Terrasse, starrt in das Zimmer der Tochter. Die Frau ruft die Polizei, doch diese ermahnt Tiberius nur. Und dann eskaliert die Sache: Tiberius dreht den Spieß um. Er behauptet, dass sie die Kinder sexuell missbrauchten, er würde die Beweise der Polizei übergeben, schreibt er in einem Brief, der am nächsten Morgen auf der Fußmatte liegt. Sie verklagen ihn, doch die Rechtsanwältin macht ihnen wenig Hoffnungen, dass Herr Tiberius seine Wohnung, in der er in Miete wohnt, verlassen muss.

Am Schluss nimmt die Handlung eine überraschende Wende, die natürlich nicht verraten wird. Neben der spannenden Stalker-Geschichte ist der Roman auch eine Familien- und Ehegeschichte. Er zeigt das belastete Vater-Sohn-Verhältnis und vor allem, welche Folgen die Geschichte mit Herrn Tiberius auf die beiden Eheleute hat. Und er zeigt sehr eindringlich, was Angst aus Menschen macht. Außerdem ist der Roman sehr spannend: der Leser möchte unbedingt wissen, wie es zur Selbstjustiz gekommen ist. Der Autor verarbeitet in diesem Buch Selbsterlebtes, allerdings aus der Distanz von zehn Jahren. Die Geschichte ist ihm und seiner Familie zu einer Zeit passiert, als es noch kein Anti-Stalking-Gesetz gegeben hat.

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